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Journalisten diskutieren über Merkels „Regierungsversagen“

Tafelrunde Sanssouci Journalisten diskutieren über Merkels „Regierungsversagen“

Robin Alexander hat ein gründlich recherchiertes Sachbuch über die Grenzöffnung 2015 geschrieben. „Die Getriebenen – Über Macht und Ohnmacht der Politik“ stand lange in den Bestsellerlisten. Das Brandenburgische Literaturbüro versammelte den Autor und drei Journalisten zu einer Diskussion in die Neuen Kammern in Potsdam.

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Hendrik Röder (stehend) stellt im Ovidsaal der Neuen Kammern Robin Alexander, Stefan Aust, Martina Fietz und Ingo Kahle vor.

Quelle: foto: B. Gartenschläger

Sanssouci. Es sind vor allem gut Betuchte, die am Mittwochabend im friderizianischen Rokoko in der „Tafelrunde Sanssouci“ kritiklos einer einmütigen Podiumsdiskussion über die Flüchtlingswelle 2015 folgen. Der Alte Fritz, Bauherr der Neuen Kammern, wusste beides irgendwie zu vereinen: einen weltvergessenen, prachtvollen Lebensstil und Flüchtlinge, die ins Land kamen.

Genau um diese Zwiespalt sollte es gehen: „Die Zahl der Ausländer in Deutschland ist in den letzten zwei Jahren um zwei Millionen gestiegen. Das ist nicht gerade wenig“, sagte der ehemalige RBB-Radiojournalist Ingo Kahle, der als Moderator mit seinen Meinungen gern vorpreschte. Doch gegen die kleinen Brandbeschleuniger, mit denen er auch ideologische Feuerchen entfachen wollte, verwahrten sich die anderen Gesprächsteilnehmer. Im Mittelpunkt stand der Journalist Robin Alexander, dessen erfolgreiches Buch „Die Getriebenen. Über Macht und Ohnmacht der Politik“ die Vorgänge im Politbetrieb nacherzählt, die in der Nacht vom 4. zum 5. September 2015 zur plötzlichen Grenzöffnung geführt haben. Minutiös recherchierte er, wie Ungarns Präsident Orbán die Deutschen gelinkt hat, warum Horst Seehofer nicht ans Telefon ging, als Angela Merkel ihn konsultieren wollte und warum die Kanzlerin durch die Bilder des Flüchtlingselends gerade besonders weich gestimmt war.

Dass es sich um ein „Regierungsversagen“ gehandelt habe, darin waren sich auch die Journalistenkollegen Stefan Aust (Herausgeber „Die Welt“) und Martina Fietz (Chefkorrespondentin Focus Online) einig. Sie bezeichneten es aber noch als verzeihlich, dass in jener Nacht 1500 syrische Flüchtlinge nach Deutschland durften. Unverzeihlich und verhängnisvoll sei, dass eine Woche später ein Plan nicht umgesetzt wurde, die Grenze zwischen Bayern und Österreich zu schließen. Im Innenministerium waren Bedenken aufgetaucht, dass Gewaltanwendung dem guten Deutschland-Bild Schaden zufügen könnte. So kam es über Monate zu jener ungeordneten Einwanderungswelle, die Deutschland nun zu bewältigen hat. Knapp ein halbes Jahr später ließ die große Koalition in Berlin dann die Balkanroute schließen und andere Grenzpolizisten die Schmutzarbeit machen.

„Das gesellschaftliche Klima war mehrheitlich so geprägt, dass es eine Willkommenskultur geben sollte“, stellte Fietz fest. Alexander erklärte das mit der deutschen Vergangenheit. „In der Nazizeit haben die Deutschen einmalig Unrecht auf sich geladen und nun wollten sie einmalig helfen.“ Auf Stefan Aust, der am 5. September 2015 auf einem Ozeandampfer weilte und nur englisches Fernsehen sah, wirkten die Deutschen „wie eine Hippiekommune unter Haschisch“. Ihr Verhalten 2015 sei eine Flucht aus der Realität gewesen. „Man hat geradezu dafür gesorgt, dass sich die Leute auf die Socken machen“, ätzte er und ließ er kein gutes Haar an der Kanzlerin. „Merkel hat nicht gehandelt, sie ist immer den Weg des geringsten Widerstands gegangen“, entgegnete er Martina Fietz, die meinte, Merkel habe „bewusst entschieden und Empathie gezeigt“. Der ehemalige Spiegel-Chefredakteur stellte fest, dass Merkel neuerdings von „illegaler Immigration“ spreche, die sie bekämpfe.

Moderator Kahle fragte Martina Fietz, ob sie angesichts der vielen jungen arabischen Männer eine „Maskulisierung der Öffentlichkeit“ fürchte. Als sie laut darüber nachdachte, ob eine Frau, die sich in Parderborn nicht mehr traue, allein von der Chorprobe nach Hause zu gehen, recht habe, stellte Kahle fest. „Diese Angst ist nicht ganz unbegründet.“ Außerdem hätten die Araber ein „Bildungsproblem“. „Ich habe schon sehr viele gebildete Araber getroffen und möchte nicht in Kulturpessimismus verfallen“, erwiderte Robin Alexander, der stets um Nüchternheit bemüht war.

Von Karim Saab

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