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Potsdam Jüdisches Sommerhaus wird Begegnungsort
Lokales Potsdam Jüdisches Sommerhaus wird Begegnungsort
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17:15 15.08.2016
Thomas Harding (M.) schrieb über das Haus und die Familie Buch und Artikel. Ortsvorsteher Winfried Sträter (l.) und Moritz Gröning (r.) sind stolz. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Groß Glienicke

Der Auflauf an Prominenz und Medien vor einer schwer sanierungsbedürftigen Hütte mitten im Groß Glienicker Gutspark sorgte am Montag für neugierige Nachbarsblicke über den Gartenzaun. Stadt, Land und Alexanderverein hatten sich getroffen, um 80 Jahre nach der Vertreibung der jüdischen Familie Alexander gemeinsam die Absicht zu erklären, deren Sommerhaus zu erhalten und in ein interreligiöses Tagungs- und Begegnungszentrum zu verwandeln. Die Stadt bringt dazu in eine noch zu gründende Stiftung das Grundstück ein, das Land hat bereits 32 000 Euro aus Denkmalschutzmitteln bereitgestellt – das sind acht Prozent des Jahresetats – der Bund weitere 140 000 Euro und Thomas Harding, Urenkel der Alexanders, Journalist und Buchautor, trieb von Londoner Familienstiftungen weitere 85 000 Euro auf. Das genügt zunächst, um mit der Restaurierung des Hauses und der Park- und Gartenflächen zu beginnen, deren Gesamtvolumen auf 300 000 Euro veranschlagt wird. Den weitaus größeren Brocken von rund 2,5 Millionen Euro verschlingt das ebenfalls geplante, neu zu errichtende Seminarhaus. Hier sollen aus dem Haushalt 2018 auch öffentliche Gelder fließen, hofft Moritz Gröning, Mitglied des Alexander­hausvereins und selbst Nachkomme jüdischer Sommerhausbesitzer.

Thomas Harding hat die Geschichte des Hauses erforscht und ein Buch darüber geschrieben, das in diesem Jahr auch auf deutsch unter dem Titel „Sommerhaus am See“ erschienen ist. Die Alexanders ließen sich es 1927 errichten, sie waren eine bürgerlich etablierte Familie, Alfred Alexander ein bekannter Arzt, Präsident der Ärztekammer, er zählte Albert Einstein, Marlene Dietrich, Max Reinhardt und Richard Strauss zu seinen Patienten und Freunden. Fast alle Geburtstage der vier Kinder Paul und Hanns, Betty und Elsie wurden in Groß Glienicke gefeiert, man spielte Fußball und Tennis sowie Tischtennis und fuhr auf dem ans Grundstück grenzenden See Wasserski. 1936, kurz vor einer geplanten Verhaftung durch die Gestapo, emigrierte die Familie nach Großbritannien, wo Alfred Alexander noch einmal Prüfungen ablegen musste, um sich als Arzt zu approbieren, während Ehefrau Henny die Familie zusammenhielt. Paul und Hanns, die Zwillinge, traten in die Army ein, Paul war Mitglied jenes Spezialteams, das später den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß festnahm. Die Nazis nahmen derweil das Sommerhaus in Beschlag und gaben es dem Komponisten Willi Meisel. Nach dem Krieg vermietete die DDR es, es lebten drei Familien auf dem Grundstück, dass ab 1961 durch Hinterlandmauer und Mauer vom Ufer abgeschnitten war. „Die längste Zeit war das Haus von DDR-Bewohnern genutzt“, resümiert dann auch Thomas Harding. Ein Restitutionsanspruch nach der Wende von Erben Willi Meisels scheiterte, weil das Grundstück durch Nazi-Unrecht an den Komponisten fiel, und so bekam es die Stadt Potsdam.

Das Sommerhaus hat hohen Sanierungsbedarf, aber dank der vielen Spenden kann demnächst mit der Instandsetzung begonnen werden. Quelle: Bernd Gartenschläger

Der Groß Glienicker Kreis trieb auf der Suche nach jüdischen Spuren im Ort schließlich Thomas Harding auf, 2013 wurde der Alexanderhaus-Verein gegründet, dann war schnell die Idee geboren, hier etwas Gemeinnütziges zu schaffen: So werden Stipendiaten der Stiftungen für Hochbegabte Avicenna (für Moslems) und Eles (für Juden) sich dort treffen, gemeinsam tagen und forschen. Auch die Universität Potsdam will sich beteiligen – diese insbesondere im religiös-säkulären Dialog, wie Präsident Oliver Günther wissen ließ. Zudem sind Workshops mit Flüchtlingen, Einwohnern, deutschen und britischen Juden und ein Begegnungshaus geplant. Ein Flüchtling soll dort auch als Künstler oder Schreiber „in residence“ vorübergehend leben. Kulturabende des Groß Glienicker Kreises werden das Projekt abrunden.

Am Ende pflanzten alle einen Kirschbaum, ein jüdisches Zeichen für den Aufbruch zu etwas neuem und guten, den ein Rabbi segnete.

Stimmen zum Tage

Die Eles-Stiftung heißt voll ausgeschrieben „Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk“ und fördert begabte jüdische Studenten. Direktor ist der Rabbiner und Professor Walter Homolka. Er sieht das Haus „als einen Identifikationsort, an dessen Mitgestaltung uns besonders gelegen ist.“

Avicenna war einer der berühmten muslimischen Gelehrten, das Begabtenförderungswerk für muslimische Studenten übernahm daher seinen Namen. Geschäftsführer Hakan Tosuner sieht das Haus „als einziartigen Ort und besonderen Raum für den jüdisch-muslimischen Dialog.“ Er lobt das Alexanderhaus als „Pionierprojekt“.

Martin Gorholt (SPD), Staatssekretär im Kulturministerium, nannte das Gebäude „Zeugen und ein Zeugnis gesamtdeutscher Geschichte“ – mit seinen Wurzeln als Sommerhaus, der Nazi-Besitznahme, der Lage im Schatten der Mauer. Er freute sich auf einen „Ort der Versöhnung, der Völkerverständigung, der Forschung und Bildung.“

Winfried Sträter, Ortsvorsteher Groß Glienickes, nannte es „einen Glücksfall“ für den Ort und die Stadt.

Von Jan Bosschaart

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