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Jugendämter hatten seit Jahren Bedenken

Behörden beobachteten die wegen Misshandlung angeklagten Pflegeeltern aus Neu Fahrland, griffen aber nicht ein Jugendämter hatten seit Jahren Bedenken

Thomas C. hat mit der Vergangenheit abgeschlossen. Nach seiner Aussage, zu der er von der Polizei vorgeführt werden musste, verlässt der 24-Jährige umgehend das Amtsgericht.

POTSDAM. „Ich habe das all die Jahre verdrängt. Ich will meine Ruhe“, sagt er. Im Prozess gegen seine Pflegeeltern, die ihn und die beiden Pflegeschwestern über Jahre hinweg gequält haben sollen, schließt er sich dennoch als Nebenkläger an.

Thomas C. belastet das wegen Misshandlung Schutzbefohlener angeklagte Ehepaar K. aus Neu Fahrland schwer. Seine Aussagen decken sich im Großen und Ganzen mit den Angaben der Schwestern Alexandra und Katrin H., von denen Alexandra H. allerdings im Zeugenstand widerrufen hat – die junge Frau lebt seit einigen Monaten wieder bei den Pflegeeltern und steht womöglich unter Druck.

Thomas C. gibt an, dass ihn die Pflegemutter regelmäßig geschlagen hat, wenn er mit schlechten Noten heimkam oder die Haus- und Hofarbeit nicht gut oder schnell genug erledigte. Wollte er nicht aufessen, sei er bis zum Erbrechen gefüttert worden; das Erbrochene habe ihm die Pflegemutter wieder einverleibt. Als ihn der Pflegevater beim Rauchen erwischt, habe er ihm ein brennendes Feuerzeug an die Genitalien gehalten. „Verletzt wurde ich nicht. Aber es hat trotzdem wehgetan“, sagt Thomas C. Aus Scham und Angst habe er sich niemandem anvertraut.

Zwei Jugendämter waren für die Pflegefamilie zuständig: die meiste Zeit bis zur Gemeindegebietsreform 2003 das Jugendamt des Landkreises Potsdam-Mittelmark; danach das der Landeshauptstadt. Nach dem zweiten Verhandlungstag drängt sich der Gedanke auf, dass beide Ämter im Fall der Familie K. versagt haben – offenbar wussten die Mitarbeiter, dass es den Kindern in der Pflegefamilie nicht gut ging. Jahrelang haben sie die Situation von außen misstrauisch beobachtet. Durchgegriffen haben sie jedoch nicht.

Bereits seit 1992 hatte die Sozialarbeiterin Heidemarie S. mit Thomas C. zu tun; sie hat unter anderem mit veranlasst, dass er 1995 aus seiner von Alkohol und Gewalt gezeichneten Familie genommen und zu den K.s in Pflege gegeben wird. Allerdings seien schnell Bedenken in Bezug auf die Pflegeeltern aufgekommen, so Heidemarie S. Man habe die Sorgen aber nicht an konkreten Vorfällen festmachen können. Vielmehr habe man „ein negatives Bauchgefühl“ gehabt.

Weil das allen so geht, die mit der Familie betraut sind, wird 2001 eine Helferkonferenz einberufen und eine Familienhelferin entsendet. „Viele Helfer in dem System fanden, dass da etwas nicht stimmt“, sagt Heidemarie S. Man habe ganz klar eine Gefährdung gesehen. „Wir konnten aber nichts beweisen.“ Erst als Thomas C. und Katrin H. 2004 weglaufen, hätte sich das Gefühl mit Leben gefüllt.

Ein einziges Mal sei sie selbst zu Besuch in Neu Fahrland gewesen, sagt die Sozialarbeiterin. Thomas C. habe beeinflusst gewirkt, unter Druck. „Aus unserer Sicht hatte er Sprachverbot.“ Thomas und die Schwestern hätten „wie Marionetten“ auf der Couch gesessen und schon zur Begrüßung betont, wie sehr sie die K.s lieben.

„Die Pflegeeltern haben professionelle Hilfe in der Erziehung dieser traumatisierten Kinder gebraucht“, sagt Heidemarie S. Sie hätten aber alles abgeblockt und die Kinder isoliert. Sie spricht von einem Machtkampf zwischen dem Amt und der Familie. Für die K.s sei das Amt ein Feindbild gewesen. Dennoch sei man nie unangemeldet bei ihnen erschienen. „Wir hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera“, sagt Heidemarie S. „Unsere negativen Gefühle wurden von keiner Seite bestätigt. Wir wollten nicht Gefahr laufen, dass sich die Kinder durch unser Zutun etwas antun.“ Thomas C. habe in der Schule geäußert, dass er aus dem Fenster springt, wenn er aus der Familie geholt wird.

Als das Mittelmark-Amt an Potsdam übergibt, teilt es den Kollegen seine Sorgen mit. Die Potsdamer machen ähnliche Erfahrungen. Als sie zu Thomas C.s Amtsvormündin bestellt wird und ihren Antrittsbesuch in Neu Fahrland macht, wirken die Kinder gestellt, sagt Christiane R. „Sie berichteten im Vorauseilenden, wie gut es ihnen geht, dass sie für immer bleiben wollen. Das war überschwenglich betont, wirkte einstudiert.“

Der Prozess wird am 14. Mai fortgesetzt. Gehört werden mehr Zeugen als zunächst geplant, etwa die Familienhelferin und eine weitere Amtsvormündin. Für den 27. Mai wurde ein vierter Prozesstag anberaumt. (Von Nadine Fabian)

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