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Potsdam Jugendweihe zwischen Jubel und Tränen
Lokales Potsdam Jugendweihe zwischen Jubel und Tränen
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19:27 27.05.2018
Die kleine Blumenfee Nina bekam im Nikolaisaal Sonderapplaus. Sie verteilte die Blumen an die jungen Leute. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam

Als auf der Leinwand Fotos aus früheren Kindertagen zu sehen sind, holen einige im Nikolaisaal die Taschentücher heraus. Die Jugendweihlinge als Babys mit kakaoverschmierten Gesicht oder mit der Zuckertüte in den Händen – das berührt Eltern und Großeltern und lässt auch die Jugend nicht kalt. „Ich musste zwischendurch mit den Tränen kämpfen“, sagt Michéle Busse.

Die Schülerin der Friedrich-Wilhelm-von-Steuben-Gesamtschule ist am Samstag im Nikolaisaal in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen worden. Sie war eine von 160 jungen Leuten, die an dem Tag Jugendweihe in Potsdam feierten. Der Veranstalter, der Verein Jugendweihe Berlin/Brandenburg, erlebt gerade einen bemerkenswerten Zulauf. Während in den Jahren 2014 bis 2016 die Teilnehmerzahlen zwischen 170 und 155 pendelten, erhielten im vergangenen Jahr 290 der 13- und 14-Jährigen in Potsdam Jugendweihe. In diesem Jahr sind es insgesamt 365.

Der größte Anbieter nicht-kirchlicher Jugendfeiern, der Humanistische Verband Deutschlands, verzeichnet in Potsdam und Potsdam-Mittelmark dieses Jahr 615 Teilnehmer. In den beiden Jahren zuvor waren es 750.

Burkhard Exner, Bürgermeister und Finanzbeigeordneter in Potsdam, überreichte den Jugendweihlingen die Urkunden. Er hielt im Nikolaisaal mit klugen Worten auch die Festrede. Quelle: Friedrich Bungert

„Wir haben sehr intensiv an den Veranstaltungen gearbeitet“, sagt Anja Gladkich, Geschäftsführerin des Jugendweihe-Vereins, der den aus DDR-Zeiten bekannten Begriff bewusst nicht über Bord warf, „weil die Tradition viel älter ist als die DDR“, die das Fest zu einem verordneten Ritual machte. „Meine Urgroßmutter hatte 1922 in der Weimarer Republik Jugendweihe“, erzählt Felix Fischeder, Vize-Präsident im Jugendweihe-Verein. Damals boten Freidenker und Arbeitervereine Jugendweihen an.

Für Musik und emotionale Momente sorgte Im Nikolaisaal unter anderem das Duo Blackbird. Quelle: Friedrich Bungert

„Die Feier heute war schön“, sagt Sabine Busse, die Mutter von Michéle. „Und nicht so steif wie bei uns“, so die Oma, die 1965 die Jugendweihe erhielt, als sich die Jugend noch mit einem Gelöbnis auf den sozialistischen Staat einschwören sollte. Die Oma von Michéle kann sich noch an das Buch erinnern, das sie damals bekam: „Weltall, Erde, Mensch“, hieß es. „Für uns war es noch ein Pflichttermin“, sagt Sabine Busse, die 1988 Jugendweihe hatte. Legendär bis heute aber sind die Familienfeiern nach dem offiziellen Ritual. „Wir haben in der Wabe im Prenzlauer Berg gefeiert“, erzählt die Mutter von Michéle. Ihre Tochter konnte selbst entscheiden, wie sie den Schritt in die Erwachsenenwelt gehen will. Sie sagte Ja zur Jugendweihe, „weil es Spaß macht, mit den anderen gemeinsam das zu erleben“. Und weil man mal im Mittelpunkt steht, sich herausputzen kann und das erste Mal Geld bekommt, über das man selbst verfügt. Vom Jugendweihe-Geld will sie Klamotten und ein neues Handy kaufen und etwas davon sparen – für den Führerschein.

Führte locker und mit hintergründigen Humor durch die Festveranstaltung: Marquinhos Markus Nichelmann: „Ihr habt eine Urkunde und Blumen bekommen und ein richtiges Buch.Ihr werdet euren Kindern erklären müssen, wie das funktioniert.“ Quelle: Friedrich Bungert

Das Bedürfnis der Jugend, den Schritt ins Erwachsenenleben zu feiern, hat auch Potsdams Jugendpfarrer Jochen Reinke ausgemacht. „Wann haben sie das schon – eine Feier, bei der sich alles um sie dreht.“ Im Kirchenkreis Potsdam, zu dem auch einige Umlandgemeinden gehören, ist die Zahl der Konfirmanden stabil bei etwa 250 geblieben. „Für viele Jugendliche bei uns ist es auch eine Bestätigung der eigenen Taufe. Sie zeigen damit, dass sie als Christinnen und Christen leben wollen.“ Der Jugendpfarrer findet die Vielfalt der Angebote gut. Es gibt sogar Familien, die unabhängig von den Anbietern die Aufnahme ihres Nachwuchses in die Erwachsenenwelt selbst organisieren, weiß er.

Zur Jugendweihe im Nikolaisaal pendelten am Samstag die Emotionen zwischen Jubel, Fröhlichkeit und Tränen und kochten zum Finale hoch, als der Saal die Bourani-Liedzeile mitsang: „Ein hoch auf dich...“ Gelöbnisse gab es keine, nur Empfehlungen. „Lasst euch nicht unter Druck setzen und setzt euch selbst nicht unter Druck. Nutzt euren Spielraum, fragt nach, probiert euch aus und versucht herauszubekommen, was euer Weg ist“, sagte Festredner Burkhard Exner, Bürgermeister und Finanzbeigeordnete der Stadt, der bekannte, dass er mit 14 noch keinen Plan vom Leben hatte.

165 Jahre alte Tradition

Den Jugendweihe Berlin/Brandenburg e.V. gibt es seit 1990, er beruft sich auf eine 165-jährige Tradition, die Freidenker und Arbeitervereine begründeten.

In Brandenburg erhalten beim Verein, der nicht im ganzen Land aktiv ist, dieses Jahr 1895 Schüler die Jugendweihe, 3655 Brandenburger nehmen an Jugendfeiern des Humanistischen Verbands teil. Der Anteil der Jugendlichen, die im Land Brandenburg einen dieser beiden Anbieter wählen, liegt 2018 bei fast 31 Prozent.

Von Jens Steglich

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