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Potsdam Jung, gebildet und doch in Nöten
Lokales Potsdam Jung, gebildet und doch in Nöten
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20:06 16.04.2018
Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck kam als Schirmherr der Landesstiftung „Familien in Not“ am Montag zu einem Abendessen für Bedürftige ins Restaurant „Garage du Pont“ von Sandra Desinger, hier mit Söhnchen Mattis auf dem Arm. Quelle: Friedrich Bungert
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Berliner Vorstadt

„Hier ist nicht gerade die Sonnenseite des Lebens versammelt“, sagt Matthias Platzeck. Er ist am Montagabend zu einem Abendessen für Familien in Not gekommen ins Restaurant „Garage du Pont“ in der Berliner Vorstadt. Der Ex-Ministerpräsident und frühere Potsdamer Oberbürgermeister ist Schirmherr der Landesstiftung „Familien in Not“, die 1992 von der damaligen Ministerpräsidentin Regine Hildebrandt angeregt worden war, um Familien und werdenden Müttern zu helfen, wenn gesetzliche Ansprüche nicht reichen für verschiedene Notwendigkeiten des Lebens. Er möchte das „Vermächtnis von Regine“ weitertragen und hat nach seinem aktiven Politikerleben die Schirmherrschaft gleich mehrerer sozialer Stiftungen übernommen. „Hier erfährt man Schicksale“, sagt er der MAZ: „Das erdet einen selber auch.“ Vor allem um die Kinder gehe es. „Wir alle leben von Erinnerungen, die Kleinen ganz besonders. Die erinnern sich später, dass sie mit den Eltern mal hier schön essen waren“, was sonst wohl selten passiere.

Die „Klinik-Clowns“ unterhielten die Kinder. Quelle: Rainer Schüler

„Das kommt wirklich selten vor“, bestätigt Nicole Z. (43) aus Potsdam, die ihrer drei halbwüchsigen Kinder wegen ihren Familiennahmen nicht in der Zeitung lesen möchte. Die freiberufliche Hebamme ist alleinerziehende Mutter und macht ihren Job nur mit dem Fahrrad; ein Auto kann sie sich nicht leisten. Den Kindern, zwei sind 14, eins ist 16 Jahre alt, versucht sie das zu geben, was sie brauchen, aber Essengehen ist alles andere als normal. Sie ist über eine Schwangerenberatungsstelle an die Familienstiftung gekommen und hat von ihr auch schon Urlaubsunterstützungen bezogen.

15 Familien mit 18 Kindern kommen an diesem Abend in die Restaurant-Garage, acht Familien kommen aus Potsdam. Inhaberin Sandra Desinger hat selbst drei Kinder hat und weiß, wie schnell einen das überfordern kann. „Mir ging es in der Jugend selber nicht so gut“, sagt sie: „Ich freue mich, dass wir in der Lage sind, Bedürftigen zu helfen.“ Sie hatte sich vor fünf Jahren mit dem Essensangebot an die Stiftung gewandt, die seither kein weiteres Angebot dieser Art bekommen hat. Der Auftakt war ein begeisternder Erfolg, die sie weitermachen ließ: gestern gab es das nunmehr fünfte Essen, an einem Schließtag des Restaurants; die meisten Mitarbeiter, lustig geschminkt, arbeiteten unentgeltlich.

Antje und Marius Woiteck passen auf den ersten Blick so gar nicht in die landläufigen Vorstellungen von bedürftigen Menschen. Er (36) hat Philosophie und Musik studiert; sie (36) studiert Lehramt.

Antje und Marius Woiteck aus Potsdam haben studiert und eine Werbeagentur gegründet, die ein Demograhie-Spiel erfand, das vom Land ausgezeichnet wurde. Eingebracht hat es den Eltern von demnächst fünf Kindern nichts. Quelle: Friedrich Bungert

Vier Kinder haben sie bereits; das fünfte ist im „Anmarsch“. Mit einer Werbeagentur hatten sie sich selbständig gemacht und wurden 2014 für ihr interaktives Spiel „Wir sind Brandenburg – Demographic Games 3000“ ausgezeichnet. Finanziell eingebracht hat es ihnen gar nichts; die Agentur wird aufgelöst. Marius sieht in der eigenen Familie, „dass die mit der wenigsten Bildung das meiste Geld verdienen“.Er ist „enttäuscht vom deutschen Bildungssystem“ und hält nicht viel von der viel propagierten Kinderfreundlichkeit der Landeshauptstadt. Das Paar will auswandern nach Skandinavien.

Geflüchtet ist Abdulahu Wagner (43) vor nunmehr 19 Jahren vor dem Bürgerkrieg aus Pristina im Kosovo. Sein Aufenthalt wird immer nur um ein, zwei Jahre verlängert; Ende 2018 ist wohl endgültig Schluss.

Abdulahu Wagner (Kosovo-Albaner) und seine Lebensgefährtin Anita Verinaz (Serbin) stammen aus Ex-Jugoslawien. Er ist seit 19 Jahren in Potsdam und arbeitet hier auch. Der Aufenthaltsstatuts der Mutter von drei Kindern wendet wahrscheinlich in zwei Monaten, der des Vaters zum Jahresende. Die Kinder sind in Potsdam geboren. Quelle: Rainer Schüler

Dann müssen er und seine serbische Lebensgefährtin Anita Verinaz mit den drei in Potsdam geborenen Kleinkindern zurück, nur wohin? „Das wäre eine Rückkehr in ein fremdes Land“, sagt Platzeck zu dem Pizza-Bäcker: „Was soll das?“ Er wünscht Abdulahu, dass die Sache gut ausgeht und trinkt ein Bier mit ihm.

Fast 4200 Familien konnte die Stiftung seither mit über drei Millionen Euro unterstützen. Allein im Jahr 2017 half die Stiftung 107 Familien mit rund 61000 Euro. Auch bei der Geburt eines Kindes stand die Stiftung in den vergangenen Jahren vielen Frauen mit einer ergänzenden Babyerstausstattung bei. 2017 wurden 4865 bedürftige Schwangere aus Brandenburg mit rund 3,51 Millionen Euro aus Mitteln der Bundesstiftung „Mutter und Kind – Schutz des ungeborenen Lebens“ unterstützt.

Von Rainer Schüler

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