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Potsdam Wo junge Wohnungslose in Potsdam unterkommen können
Lokales Potsdam Wo junge Wohnungslose in Potsdam unterkommen können
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00:22 01.03.2019
Bett, Laptop, ein paar Klamotten: Ein Blick in ein WG-Zimmer bei den „Jungen Wilden“. Quelle: Nadine Fabian
Potsdam

Als Stephan (27) hier vor einem Jahr auf der Schwelle steht, ist ihm nur eine Reisetasche mit dem Nötigsten geblieben: mit ein paar Pullis, Hosen und Socken, mit dem Laptop und dem Handy. Und mit dem Abi-Jahrbuch, das er um nichts in der Welt hergeben würde. Kaum ein Tag ist seither vergangen, an dem Stephan nicht in den glänzenden Seiten, die von Sorglosigkeit und Lebenslust, von Zukunftsträumen und Aufbruchsstimmung erzählen, versunken ist. An dem er nicht darüber nachgedacht hat, wo er einst war. Wohin er wollte. Und wo er heute ist – im Asyl für junge Obdachlose.

Der Weg dorthin ist in Stephans Fall gerade, kurz und steil: Nach dem Abitur macht er eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Weil er Spaß am Zahlenschieben hat, plant er, neben dem Beruf BWL zu studieren – da geht die Firma, in der er angestellt ist, Pleite. „Wenn ich etwas bereue, dann dass ich nicht sofort reagiert, dass ich mich zu spät gekümmert habe,“ sagt Stephan: „Kein Geld, keine Miete, keine Wohnung – das war’s.“

Jeder Bewohner hat ein möbliertes Einzelzimmer

Seit zehn Jahren finden junge Männer und Frauen wie Stephan, im Alter zwischen 18 und 30, Hilfe beim Wohnprojekt „Junge Wilde“ im Lerchensteig. Träger ist die Arbeiterwohlfahrt (Awo), die im Auftrag der Landeshauptstadt auf dem Sozialcampus am Rande der Stadt auch das Obdachlosenheim und eine Flüchtlingsunterkunft betreibt. 24 Plätze gibt’s dort draußen für „Junge Wilde“ – in der Regel sind alle belegt. Jeder Bewohner hat ein möbliertes Einzelzimmer in einer WG. Küche und Bad werden geteilt. Haustiere sind nicht erlaubt, Alkohol und Zigaretten nicht verboten. Besucher müssen bis Mitternacht verschwunden sein. Wer gegen die Hausordnung verstößt, riskiert den Rauswurf. „Wir sind streng, aber wir sind immer gesprächsbereit“, sagt Sascha Podubin, Sozialarbeiter und Leiter des Wohnprojekts.

Die Zahlen sind nahezu stabil – trotz steigender Mieten

In Potsdam sind rund 250 Personen wohnungslos – etwa 50 davon leben nach Angaben der Streetworker auf der Straße, viele von ihnen seien Durchreisende. Die Zahlen gelten seit Jahren als nahezu stabil. „Überraschenderweise trotz des angespannten Wohnungsmarktes und steigender Mieten“, sagt Gregor Jekel, im Rathaus der Leiter für den Bereich Wohnen. „Die häufigsten Gründe, weshalb Menschen die Wohnung verlieren, sind Mietschulden und mietwidriges Verhalten.“ Überall da, wo die Situation ins Ausweglose abzugleiten droht, versucht die Stadt über ihre Wohnungssicherung einzugreifen. Seit zehn Jahren gibt es zudem den Arbeitskreis „Wohnungslos“, in dem sich die „Wosi“, die Awo, das Jobcenter, die Suppenküche der Volkssolidarität und andere Akteure zusammengefunden haben, um die Hilfsangebote besser aufeinander abzustimmen.

Das Wohnprojekt "Junge Wilde" ist auf dem Sozialcampus im Lerchensteig zu finden. Quelle: Nadine Fabian

Basti (23) steckt mit fünf Stellen vor dem Komma in den Miesen. Darunter sind nicht nur Mietschulden. „Ich war selbstständig, habe in Umzüge gemacht. – Ist schiefgegangen“, sagt Basti. Seit einem dreiviertel Jahr lebt er mit Stephan in einer WG. Die beiden haben sich angefreundet, kochen gemeinsam, trainieren im Fitnessraum. „Schlecht haben wir es hier nicht“, sagt Basti. „Aber das hat man sich natürlich nicht ausgesucht: dieses Umfeld, diese Leute, mit denen man im normalen Leben nicht unbedingt etwas zu tun haben möchte – ich will hier auf jeden Fall wieder raus.“ Basti ist im Heim aufgewachsen, hat die Schule abgebrochen und eine Lehre gar nicht erst angefangen. „Ich bin ein Praktiker“, sagt er. „Klar möchte ich arbeiten – Kfz-Mechatroniker, das wäre mein Traum.“

Keiner wird abgewiesen – egal, in welcher Verfassung er ist

Zu den „Jungen Wilden“ kommt man per Einweisung nach dem Ordnungsrecht, wie es auf Verwaltungsdeutsch heißt, denn es ist Pflicht jeder Kommune, wohnungslose Menschen mit einer Notunterkunft zu versorgen. Ein wichtiger Anlaufpunkt ist daher auch die Notaufnahme des Projekts, bei der sich junge Leute ohne Dach über dem Kopf rund um die Uhr melden können. „Hier wird niemand abgewiesen“, sagt Sascha Podubin. „Jeder – egal, in welcher Verfassung – bekommt ein Bett, eine Dusche, neue Wäsche, etwas zu essen und die Zeit, die er braucht, zur Ruhe zu kommen.“

Stephan und Basti wurden von der Wosi vermittelt. Ihnen ist auf den ersten Blick nicht anzusehen, dass sie obdachlos sind. Nicht auf den zweiten, nicht auf den dritten. „Wir mussten nie auf der Straße schlafen“, sagt Stephan. „Zum Glück.“ Ob sie sich schämen? Stille. „Wenn deine Freunde so sind, wie du selbst hättest sein sollen – das macht einen schon traurig“, sagt Stephan. „Sagen wir so: Ich bin nicht stolz, hier gelandet zu sein“, sagt Basti. Seinen jüngeren Schwestern verheimlicht er, wo er gerade wohnt. „Ich möchte ihre heile Welt nicht kaputt machen“, sagt er – und wäre neulich beinahe aufgeflogen. Eins der beiden Mädchen hatte einen Besuch in Potsdam geplant und wollte bei Basti übernachten. Ihre „heile Welt“ zusammenzuhalten, hat Basti tausend Ausreden und 150 Euro für ein Hotelzimmer gekostet. „Bei nicht mal 450 Euro im Monat ganz schön heftig – aber das war es mir wert, sag Basti. “Wenn irgendwann einmal alles vorbei ist, rücke ich mit der Sprache raus. Vielleicht.“

Potsdams Wohnungslose – ein Überblick

Die Anzahl der Kündigungen (413 in 2018), Räumungsklagen (213) und Zwangsräumungstermine (136) ist in den vergangenen fünf Jahren in etwa gleich geblieben und gemessen an der steigenden Einwohnerzahl rückläufig.

In etwa einem Drittel der Fälle gelingt der Wohnraumerhalt durch Mietschuldenübernahme durch die Stadt. Ein Teil der Fälle kann sich selbst helfen, der übrige Teil meldet sich bei der Wohnungssicherung nicht zurück.

Die Anzahl der Plätze in den Obdachlosenunterkünften ist stabil. Das Obdachlosenheim hat 95 Plätze, das Wohnprojekt „Junge Wilde“ 24, das Familienhaus 45. Hinzu kommen 25 Notbetten und 22 von der Stadt gemietete Wohnungen für 55 Betroffene. Die Angebote sind stets ausgelastet. nf

Von Nadine Fabian

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