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Kampf für den Erhalt des Ärztehauses

Ehemaliges Strahleninstitut in Babelsberg Kampf für den Erhalt des Ärztehauses

Das Ärztehaus in der Kopernikusstraße ist eine Institution in Babelsberg. Nicht nur für die medizinische Versorgung ist das ehemalige Strahleninstitut wichtig, für viele Anwohner sind damit auch Erinnerungen verknüpft. Die Stadt hat angekündigt, sich für den Erhalt des Hauses einzusetzen, doch noch ist nichts in trockenen Tüchern.

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Das unter Denkmalschutz stehende, ehemalige Strahleninstitut in der Kopernikusstraße war lange im Eigentum der AOK.

Quelle: Fotos: Gartenschläger, Kaufmann (2)

Babelsberg. Schon als Kind ging Manuela Köthur in die Zahnarztpraxis im Ärztehaus im ehemaligen Babelsberger Strahleninstitut. „Ich bin in der Kopernikusstraße aufgewachsen“, erzählt die 40-Jährige. „Meine Eltern leben noch immer hier.“ Sie selbst wohnt inzwischen nicht mehr um die Ecke und trotzdem hat sie ihrer Zahnarztpraxis die Treue gehalten. Dass es das Ärztehaus in der Kopernikusstraße vielleicht bald nicht mehr geben könnte, ein Investor schicke Wohnungen aus den Praxen machen könnte – „unvorstellbar“, sagt sie. „Da würde etwas wegbrechen.“ Für ältere, nicht so mobile Menschen wäre das Problem besonders groß. „Auch meine Oma kommt immer hierher. Das Ärztehaus muss bleiben“, fordert die langjährige Patientin.

Manuale Köthur ist Patientin der Zahnarztpraxis

Manuale Köthur ist Patientin der Zahnarztpraxis.

Quelle: Marion Kaufmann

Wohl jeder Babelsberger kennt das markante, denkmalgeschützte Backsteingebäude, das jährlich von rund 40 000 Patienten besucht wird. Neben den beiden Zahnärzten gibt es eine Röntgenpraxis, einen Urologen, einen Gynäkologen, drei Allgemeinmediziner und eine Apotheke.Wie berichtet, hat die AOK Nordost das Haus nun an den Hamburger Immobilienfonds Evoreal verkauft, der einen Weiterverkauf plant. Dass ausgerechnet eine Krankenkasse das Gebäude veräußert, sorgt für besonderes Unverständnis bei Ärzten und Patienten.

Gespräche zwischen Schubert und den Ärzten

Am Mittwoch haben die Stadtverordneten einem Dringlichkeitsantrag der Linken zugestimmt, dass die Stadt sich für den Erhalt des Ärztehauses einsetzen soll. Am Donnerstag suchte Gesundheitsdezernent Mike Schubert (SPD) vor Ort das Gespräch mit den Ärzten. „Das Ärztehaus gehört zu Babelsberg wie die Motorhalle“, sagt Schubert und verspricht, alles zu versuchen, um die Praxen am Standort halten zu können. Wie eine Lösung aussehen könnte, lässt er aber offen. Dem Vernehmen nach soll es Gespräche mit dem Oberlinhaus und dem Bergmann-Klinikum geben, ob diese das Haus übernehmen könnten.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg nimmt nun Stellung. „Das Ärztehaus hat eine breite medizinische Ausrichtung und ist für viele Patienten in Babelsberg und darüber hinaus ein etablierter Anlaufpunkt. Wir befürworten den Erhalt des Standortes“, sagte Sprecher Christian Wehry am Donnerstag auf Anfrage.

„Das Thema schwelt schon seit Jahren, aber die Informationspolitik der AOK war nicht transparent“, kritisiert Zahnärztin Catrin Richter. Wie die meisten Praxen hat auch ihre, die sie mit einem Kollegen teilt, einen jährlich kündbaren Mietvertrag. Wenn sie ausziehen müsste, wäre das ein Fiasko. „Andere, bezahlbare Praxisräume zu finden, ist unmöglich“, sagt sie. „Wir nehmen ja nicht nur einen Karteischrank und ziehen dann mal um.“ Die schweren Behandlungsstühle könnten nicht überall aufgestellt werden.

Die AOK weist die Vorwürfe zurück. „Als gesetzliche Krankenversicherung ist es nicht unsere Hauptaufgabe, als Immobilienverwalter tätig zu sein, sondern wir sind einem wirtschaftlichen Umgang mit den Beitragsgelder verpflichtet“, sagt Vize-Sprecher Matthias Gabriel. Da es sich um ein Haus mit hohem Sanierungsbedarf handle, das zudem unter Denkmalschutz stehe, sei die Entscheidung für den Verkauf „unumgänglich“ gewesen. Dem Käufer sei nahegelegt worden, das Gebäude künftig weiter für die dort ansässigen Ärzte zu nutzen. Im Übrigen sei den Ärzten bei einem früheren Bieterverfahren der Erwerb der Immobilie angeboten worden.

Das kam für die Mieter aus finanziellen Gründen nicht in Frage. Die AOK habe in den letzten Jahrzehnten zudem nichts getan, um den Verfall des Hauses aufzuhalten, moniert etwa Urologe Holger Dietrich. Das habe bereits zum Auszug der Physiotherapie, des Chirurgen sowie des Orthopäden geführt.

Stadt hatte laut AOK Vorkaufsrecht

Erstaunlich ist aus Sicht der AOK, dass die Stadt sich nun so plötzlich, nachdem die Ärzte öffentlich Alarm geschlagen haben, für das Haus einsetzt: „Vor dem Verkauf wurde auch die Stadt Potsdam informiert, die das ihr eingeräumte Vorkaufsrecht aber nicht nutzen wollte“, erklärt Gabriel. In der Stadtverordnetenversammlung hatte Bürgermeister Burkhard Exner (SPD) noch erklärt nicht zu wissen, ob die Stadt informiert gewesen sei. Die Frage des Vorkaufsrecht sei nicht so einfach, meint nun Mike Schubert. Dieses komme wohl nur zum Tragen, wenn es sich um ein Gebäude von öffentlichem Interesse handle. Das Ärztehaus falle anders als ein Medizinisches Versorgungszentrum nicht darunter, weil die Ärzte private Mieter seien.

„Wir sind nun trotzdem zuversichtlicher“, sagt Allgemeinmediziner Ulrich Wüllenkämper nach dem Gespräch mit Schubert. Er habe den Eindruck, dass sich dieser tatsächlich für die Mediziner und ihre Patienten einsetzen wolle.

Apothekeninhaberin Erika Rosenow und Mitarbeiterin Michaela Meier

Apothekeninhaberin Erika Rosenow und Mitarbeiterin Michaela Meier.

Quelle: Marion Kaufmann

Bislang sei die Stadt nicht an Evoreal herangetreten, sagte Geschäftsführer Frank Petersen am Donnerstag auf Anfrage. Es gebe zwar Interessenten, aber noch keinen Käufer für das Objekt, das die Hamburger Gesellschaft in einem Paket von insgesamt 36 Immobilien erworben hat. Für ihn sei fraglich, ob das Haus als Ärztehaus angesichts des fehlenden Aufzugs überhaupt als solches geeignet sei, so Petersen.

Erika Rosenow, die seit 2001 die Brunnen-Apotheke an dem Standort führt, sieht deshalb nicht sehr optimistisch in die Zukunft. „Es regiert die Marktwirtschaft“, sagt die 61-Jährige. „Ich würde gerne noch jemanden einstellen. Aber so lange ich nicht weiß, wie es weitergeht, kann ich nicht planen.“ Bei den Kunden sei der Verkauf Thema Nummer 1, sagt die langjährige Mitarbeiterin Michaela Meier. „Manche ältere Kunden erzählen, wie sie hier als Kinder gebadet haben.“ Denn einst war im Haus auch eine Badeanstalt untergebracht. „Die Babelsberger sind sehr traditionsbewusst und deshalb verwurzelt mit dem Haus“, erklärt sie. Für die Anwohner gehe es um mehr als die medizinische Versorgung. Auch ihre Erinnerungen stehen zum Verkauf.

Haus mit Geschichte

Das denkmalgeschützte Ärztehaus in der Kopernikusstraße hat eine Geschichte, die immer mit medizinischer Versorgung zu tun hatte.

Im Verlauf des Wohnungsbaus im Bereich der Großen Sandscholle im damaligen Nowawes entstand 1927 ein Verwaltungsgebäude für die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK). Errichtet wurde es von Paul Schönbeck.

Neben der Verwaltung wurden hier auch medizinische Einrichtungen untergebracht. So gab es auch eine Zahnklinik und eine spezielle Badeanstalt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Schwerpunkt des Gebäudes auf die Radiologe verlagert. Es entstand das Strahleninstitut. Dennoch waren weiterhin Fachärzte aus anderen Bereichen in dem Haus tätig.

Nach der Wende wurde das Strahleninstitut aufgelöst und das Gebäude wurde zu einem Ärztehaus umfunktioniert. Noch immer befindet sich aber eine Radiologiepraxis in dem Haus. Die AOK Nordost als Eigentümerin hatte zeitweise auch Räume im Haus genutzt.

Von Marion Kaufmann

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