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Kampf um Erhalt letzter DDR-Grenzanlagen

Verein kämpft für Erinnerungsorte in Potsdam Kampf um Erhalt letzter DDR-Grenzanlagen

Gegen den Abriss letzter Zeugnissen des DDR-Grenzregimes am Potsdamer Jungfernsee kämpft ein neu gegründeter Verein „Erinnerungsorte Potsdamer Grenze“. Die Zeit drängt: Gerade wurde das Mannschaftsgebäude des Grenzkommandos abgerissen. Als nächstes soll das Dieselhaus fallen, in dem der Generator für die Stromversorgung der Grenzanlagen stand.

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Historischer Blick von der Bertinistraße auf die Anlagen der Grenzübergangsstelle. Der Jungfernsee war mit einer Pontonbarriere und versenkbaren Stahlnetzen abgesperrt.

Quelle: Archiv

Potsdam. Vier Jahrzehnte lang war der Jungfernsee Grenzübergang für den Schiffsverkehr zwischen der DDR und West-Berlin. Zentrales Bauwerk war eine quer über den See geführte Pontonbarriere mit zwei Durchfahrten jeweils in Ufernähe, die mit Seilsperren und Kettennetzen blockiert wurden. Nahte ein Schiff, konnte das Stahlnetz in 35 Sekunden auf Durchfahrtstiefe abgesenkt werden. Ein prominent besetzter Verein „Erinnerungsorte Potsdamer Grenze“ kämpft nun gegen das Verschwinden der letzten Spuren des Grenzregimes am Havelufer an.

Gründungsmitglieder sind unter anderem Dieter Vorsteher, Stellvertretender Direktor des Deutschen Historischen Museums, Jürgen Reiche, Ausstellungsdirektor des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, und Ina Grätz vom Deutsch-Deutschen Museum Villa Schöningen.

Die Grünen bringen am Mittwoch einen Antrag in die Stadtverordnetenversammlung ein, nach dem das Rathaus bis März 2016 ein Konzept für das Gelände der ehemaligen Grenzanlagen entlang der Bertinistraße entwickeln soll. Als authentische Erinnerungsorte werden der Wachturm, die benachbarte Dieselhalle und das alte Wasserwerk genannt. In einem zweiten Schritt soll mit Stelen ein Informationspfad auf dem Uferweg zwischen der Villa Schöningen an der Glienicker Brücke und der Villa Jakob am Ende der Bertinistraße gestaltet werden.

Zentrale Forderung der Grünen: Bis zum Vorliegen des Konzeptes „dürfen authentische Bauwerke und Zeignisse in diesem Bereich ... nicht abgerissen oder verändert werden.“ Dass Gefahr im Verzuge ist, beweist das zuletzt von einer Segelmacherei genutzte frühere Mannschaftshaus des Grenzkommandos nahe dem Wachturm, das nach Angaben von Jan Fiebelkorn-Drasen, dem Initiator des neuen Vereins, vor zwei Monaten fiel. Das Rathaus teilte auf MAZ-Anfrage mit, dass der 2006 verabschiedete Bebauungsplan Nr. 10 für dieses Grundstück die „Entsiegelung“ und „Anlage einer öffentlichen Parkanlage“ vorsah.

Ebenfalls akut gefährdet ist das benachbarte Dieselhaus, in dem der Generator für die taghelle Nachtbeleuchtung der Dutzende Hektar umfassenden Grenzübergangsstelle stand. Der Verein will dieses Gebäude für Ausstellungen nutzen, eine erste Förderung sei über die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe, bereits in Aussicht gestellt. Überraschend wurde bei Gesprächen mit der Stadt über einen Nutzungsvertrag mitgeteilt, dass es Abrisspläne gebe. Rathaussprecher Jan Brunzlow teilte auf MAZ-Anfrage mit, dass der Abriss dieses Hauses „nicht genehmigungspflichtig“ sei. Auch die „Zustimmung“ der Denkmalpflege liege „aufgrund fehlender historischer und gestalterischer Bedeutung der Halle“ vor.

Ulrike Poppe zählt ebenso zu den weiteren Gründungsmitgliedern des Vereins wie Thomas Wernicke, Ausstellungsleiter im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, und Frank Bösch, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschungen (ZZF) Potsdam. Das ZZF hat laut Fiebelkorn-Drasen bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Mittel für die Erforschung des Grenzabschnitts beantragt.

Die Grenzübergangsstelle Nedlitz

Die Grenzübergangsstelle (GÜST) zwischen unterer Havel und West-Berlin befand sich ursprünglich im Bereich des Weißen Sees in Nedlitz. Deshalb ist in der Fachliteratur immer von einer „GÜST Nedlitz“ die Rede, wenn es um den Jungfernsee geht.

Der Jungfernsee wurde rund 1200 Meter vor der eigentlichen Grenze nach West-Berlin auf der Enge vor dem heutigen Wasserstraßenamt von einer Pontonbarriere mit zwei jeweils 25 Meter breiten Durchfahrten in Ufernähe blockiert, die ihrerseits mit versenkbaren Stahlnetzen verschlossen wurden.

Zu den erhaltenen Bauwerken der GÜST Nedlitz zählt neben dem Wachturm und dem Dieselhaus ein Kanal, durch den die Kette ins Wasser geführt wurde, mit der man das Stahlnetz in 35 Sekunden versenken und in 37 Sekunden wieder aufziehen konnte.

Unstrittig ist der Erhalt des Wachturms, der laut Rathaussprecher Brunzlow zu den „denkmalgeschützten Anlagen“ zählt. Der Turm solle zum Gedenkort entwickelt werden. Partner ist auch hier der Verein, der neben einem großflächigen Plakat mit dem Jungfernsee zur Zeit der innerdeutschen Grenze eine zweite großflächige Abbildung mit dem „Beschießungsplan“ der Grenztruppen für diesen Abschnitt plant.

Als Aussichtspunkt sei der Wachturm allerdings ungeeignet, so Fiebelkorn-Drasen. Ersatzweise will der Verein auf dem 4,50 Meter hohen Brunnenausgang des alten Wasserwerks am Jungfernsee einen Ausblick über die ehemaligen Grenzanlagen einrichten.

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Von Volker Oelschläger

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