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Potsdam Kampf um die Straße
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19:26 06.07.2018
Aus Protest gegen eine Kundgebung der DVU auf dem Luisenplatz im September 2008 wird auf einem Hoteldach die Fahne des Toleranz-Bündnisses „Potsdam bekennt Farbe“ gehisst. Quelle: Joachim Liebe
Potsdam

Als Anne Pichler nach acht Jahren in Florida wieder in Potsdam war, verstand sie die Welt nicht mehr: „Es war die Zeit, als Rechtsextremismus unglaublich präsent war. Ich war erschüttert und dachte, dass Sport eine ziemlich gute Antwort dazu liefern kann.“

Denn im Sport würden Werte vermittelt „ohne den erhobenen Zeigefinger: zusammen an einem Strang ziehen, dieses Umgehen mit Regeln, aber auch dieses sich auseinandersetzen müssen mit Regelverstößen“.

Seit August 2000 ist die heute 47-Jährige Geschäftsführerin des Stadtsportbundes, der aktuell für 164 Vereine mit fast 32 000 Mitgliedern steht. Im September 2000 initiierte Anne Pichler im Schlaatz ein Sportfest unter dem Motto „Potsdams Sportler bekennen Farbe“.

Von Anfang an habe sie die Idee gehabt, das Thema „weiter zu ziehen“. Mit Veranstaltungen gegen Rechtsextremismus unter einem eigenen, der Aids-Schleife vergleichbaren Symbol. Die Idee fand rasch Befürworter.

Anne Pichler Quelle: Volker Oelschläger

Im November 2000 gab es im Stern-Center unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Matthias Platzeck (SPD) ein Sport- und Kulturprogramm unter dem Motto „Potsdam bekennt Farbe – gemeinsam für Toleranz, Gewaltfreiheit und ein friedliches Miteinander“.

Zu einer ersten Bewährungsprobe für das junge Bündnis wurde der bis heute nicht aufgeklärte Brandanschlag auf den jüdischen Friedhof vom 8. Januar 2001. Mehrere 1000 Schüler versammelten sich zur Mahnwache vor der geschändeten Trauerhalle. Das Bündnis organisierte bis in den März hinein Mahnwachen vor der Gedenktafel für die Synagoge am Platz der Einheit.

Im Rathaus wurde ein Strategiepapier „für Demokratie und Toleranz gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit“ ausgearbeitet, das von den Stadtverordneten im Juni 2002 als „Lokaler Aktionsplan“ beschlossen wurde.

Am 7. Juli 2002 gründete sich ein Beirat zur Umsetzung mit Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) als Vorsitzendem und Anne Pichler als Vize.

Das Bündnis „Potsdam bekennt Farbe“ mit seinen heute 40 Mitgliedern und eigener Servicestelle im Rathaus gilt als bundesweit einmalig. Noch im selben Jahr mobilisierte das Bündnis mehrfach gegen rechtsextreme Versammlungen. Am 14. September sagte die NPD bei 1000 Gegendemonstranten eine Kundgebung auf dem Luisenplatz ab.

„Es geht darum, denen keinen Raum zu geben, sich dagegen zu stellen“, sagt Anne Pichler: „Unser Ansatz war, es nicht zu machen wie in Dresden: Geht schon wieder weg. Sondern zu sagen: Nicht in Potsdam!“ Zum bislang letzten Mal mobilisierte das Bündnis im März, als 35 Rechtsextreme in der Jägerallee auf mehr als 1000 Gegendemonstranten trafen.

Aus dem Protest gegen eine DVU-Kundgebung 2008 am Luisenplatz entstanden die Potsdamer Toleranzfeste, die immer zum Ende des Sommers an unterschiedlichen Orten ausgerichtet wurden.

Dass dieses Fest für 2018 zugunsten einer Vielzahl kleinerer Aktionen abgesagt wurde, sei im Bündnis demokratisch beschlossen worden, sagt Anne Pichler. Sie hoffe, dass die Tradition wieder aufgenommen wird.

MAZ-Serie „1000 plus 25 Jahre Potsdam“

Mit einem Fest wird am 8. Juli auf dem Alten Markt der 1025. Jahrestag Potsdams gefeiert. Die MAZ blickt aus diesem Anlass in einer Serie auf das jüngste Vierteljahrhundert zurück. Pro Jahr wird an ein Ereignis erinnert.

Bisher erschienen:

Kunst-Skandal zur 1000-Jahrfeier 1993 – die „Fontanelle“

Schießerei im KGB-Städtchen – der Abzug der Russen 1994

Boheme auf Abwegen – Neueröffnung des Café „Heider“ 1995

„Einkaufen? Eine Katastrophe.“ – Die Stern-Center-Eröffnung 1996

Wilder Osten – Der Potsdam-Center-Skandal 1997

Die SPD steht hinter mir – Abwahl von OB Horst Gramlich 1998

Sonnenfinsternis im Neuen Garten – 1999 wächst das Potsdamer Weltkulturerbe

Das Ende der Philharmonie – 2000 eröffnet der Nikolaisaal

„Ja zu langen Unterhosen“ – Die Buga 2001 und die AG Stadtspuren

Kampf um die Straße – 2002 gründet sich das Bündnis „Potsdam bekennt Farbe“

Schlechte Stimmung in Neu Fahrland – 2003 wächst Potsdam Richtung Norden

Rettung der Brandenburger Straße – Richtfest bei Karstadt 2004

Zu schön für den Titel – 2005 scheitert die Bewerbung als Kulturhauptstadt

Premierenfieber in der Schiffbauergasse – 2006 wird der Theaterneubau eröffnet

Bürgerprotest für Barockfassaden – Die Geburt von „Mitteschön“ 2007

Kultureinrichtungen kollabieren – 2008 ist das Jahr des Jugendprotests

Eskalation am Griebnitzsee – Anrainer blockieren zum Osterfest 2009 den Uferweg

Bürgerpark statt Straßenschlucht – Die Geburt der Gartenstadt Drewitz 2010

Der Stadtwerke-Skandal 2011 – Potsdams erste Transparenzkommission

Gedächtnis der Stadt zieht in die Mitte – Eröffnung des Potsdam-Museums 2012

Ein Café „Et Cetera“ – Eröffnung des Bildungsforums 2013

Das erste Konzert im Innenhof – 2014 wird das Landtagsschloss eröffnet

„Neue Nachbarschaften“ helfen Flüchtlingen – Die Blaupause für den Herbst 2015

Das letzte Bürgerbegehren – 2016 mobilisieren Potsdamer für Fachhochschule, Staudenhof und Mercure

Im Epizentrum des Streits um die Stadtmitte – Das Barberini kommt, die alte FH verschwindet

Von Volker Oelschläger

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