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Karneval im „Hans Marchwitza“

Zu Hause in Potsdams Innenstadt Karneval im „Hans Marchwitza“

Das Potsdam-Museum präsentiert am Sonntag zum Internationalen Museumstag eine reich illustrierte Broschüre „Unterm goldenen Atlas. Zum 50. Jahrestag des Kulturhauses ,Hans Marchwitza’“. Das Kulturhaus in der Potsdamer Innenstadt war ein zentraler Schauplatz für Volkskunst und Hochkultur. Legendär aber war der Karneval. Eine Zeitzeugin erinnert sich.

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Hannelore Feilbach vor dem Knobelsdorffhaus. Hinter dem goldenen Geländer hatte sie Ende der 1960er Jahre ihr Büro.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam/Innenstadt. Eintrittskarten für den Karneval im Potsdamer Kulturhaus „Hans Marchwitza“ waren in den 1970er und 1980er Jahren so begehrt, dass sie den Status einer Schattenwährung hatten. Ute Samtleben, von 1972 bis 1981 Mitarbeiterin für Ausstellungen, berichtet in einer Broschüre des Potsdam-Museums zum 50. Jubiläum des Kulturhauses, wie sie die Ausstattung für eine Ausstellung des Künstlers Otto Niemeyer-Holstein organisierte: „Alles, was so schön und modern war, haben wir schließlich mit spezieller Bestechungstechnik bekommen. Mit Potsdamer Faschingskarten, die überregional beliebt waren, und Kästen voller Rotkäppchen-Sekt.“

Eine Wegbereiterin des legendären Karnevals war Hannelore Feilbach (74), die in der August-Bebel-Buchhandlung (heute Literaturladen Wist) arbeitete und 1967 in die „Staatlichen Kulturhäuser“ wechselte. Sie begann im Kreiskulturhaus, dem heutigen Kulturhaus Babelsberg, das zu der Zeit gerade den Namen Bertolt Brechts bekommen sollte. Wegen eines Vetos der Brecht-Witwe Helene Weigel entschied man sich später für den Nowaweser Herbert Ritter als Namenspaten. Doch da war Feilbach bereits im Büro der Staatlichen Kulturhäuser im 1966 eröffneten „Hans Marchwitza“. Seinen Sitz hatte es im erste Obergeschoss des Knobelsdorffhauses hinter dem Balkon mit dem vergoldeten Geländer.

Über Jahre hatte sie die Entwicklung auf dem Alten Markt verfolgt: „Es war ein großer leerer Platz. Das Alte Rathaus und das Knobelsdorffhaus waren leere Ruinen, ausgebrannt mit hohlen Fenstern. Ich fand es sehr schön, dass das wieder aufgebaut wurde.“ Im Büro war sie zuständig für die Organisation von Großveranstaltungen unter staatlicher Leitung. Der 1. Mai gehörte dazu

Sanierte Turmspitze des Alten Rathauses im Jahr 1964

Sanierte Turmspitze des Alten Rathauses im Jahr 1964.

Quelle: Potsdam Museum/Gerhard Hillmer

und der 7. Oktober als Jahrestag der DDR. Zuerst aber erzählt sie vom Fest zum 25. Jahrestag des Potsdamer Abkommens auf der Terrasse des Interhotels, von dem in der Sendung „Sieben bis zehn – Sonntagmorgen in Spreeathen“ des Berliner Rundfunks live berichtet wurde. Das Publikum für diese Uhrzeit besorgte sie mit einem Trick: Sie lud Direktoren der Potsdamer Großbetriebe samt Entourage ein und alle Tische waren voll besetzt. Später kam auch die Bevölkerung.

Der Karneval war die Kür: „Da ich hier im Hause war, habe ich mitgeholfen. Deswegen kenne ich den Fasching wie meine Westentasche.“ Karneval gab es vor dem „Hans Marchwitza“ in der Fachschule für Angewandte Kunst an der Schopenhauerstraße, in der die späteren Maler der Defa studierten, und im Kulturbundhaus „Bernhard Kellermann“ am Heiligen See. Der Fasching im „Marchwitza“ aber war „berühmt-berücksichtigt“, so die Zeitzeugin, mit Programm „vom Keller bis unter die Kuppel“: „Die Ausstattung hat immer die Defa-Truppe gemacht, das war 1a.“ Gefeiert wurde freitags und samstags, sonntags war Kinderkarneval, montags Fasching für den harten Kern. Manche kamen durch die Hintertür, andere durch Kellerfenster. Das Haus

Programmflyer der Karnevalssaison 1982/83

Programmflyer der Karnevalssaison 1982/83.

Quelle: Potsdam-Museum/Privatbesitz

platzte aus allen Nähten. „Es war immer eine Bombenstimmung. Es gab viele Leute, die kannte ich nur vom Fasching. Man hat sich einmal im Jahr gesehen.“

1970 ging Hannelore Feilbach zum Jura-Studium an die Berliner Humboldt-Universität. Dem Karneval und dem „Hans Marchwitza“ insgesamt blieb sie auch später als Familienrichterin treu. „Es war ja ein Kulturhaus, das Tag und Nacht belebt war.“ In den 1990er Jahren sei es mit dem Verschwinden der Volkskunstgruppen „zum stillen Haus geworden“. Heute engagiert sich Hannelore Feilbach ehrenamtlich im Filmmuseum. Doch das Kulturhaus, das mit dem Einzug des Potsdam-Museums zum Forum für Kunst und Geschichte wurde, hat sie weiter im Blick: „Ich bin im Verteiler und werde zu allen wichtigen Dingen eingeladen.“

Broschüre zum Kulturhaus „Hans Marchwitza“

Das Potsdam-Museum präsentiert am Sonntag zum vierten Atlasfest begleitend zur aktuellen Foyerausstellung eine Publikation „Unterm goldenen Atlas. Zum 50. Jahrestag der Eröffnung des Kulturhauses ,Hans Marchwitza’“.

Die reich illustrierte Broschüre vereint Exkurse zur Geschichte des Alten Rathauses, des Kulturhauses „Hans Marchwitza“ und zum Kulturbetrieb der DDR mit Zeitzeugenberichten.

Das nach dem Arbeiterdichter und Ehrenbürger Hans Marchwitza (1890-1965) benannte Kulturhaus wurde 1966 in dem nach schweren Kriegsschäden rekonstruierten AltenRathaus und dem benachbarten Knobelsdorffhaus eröffnet. Nach einem Komplettumbau ist der Gebäudekomplex seit 2012 Sitz des Potsdam-Museums – Forum für Kunst umnd Geschichte.

Das Atlasfest ist der Beitrag des Potsdam-Museums und seines Fördervereins zum Internationalen Museumstag. Eröffnet wird es um 14 Uhr mit der Präsentation des Heftes und einer Führung zur Hausgeschichte. Um 16 Uhr gibt es einen Einblick in die Kunstsammlung des Potsdam-Museums.

Veranstaltungen zum Museumstag gibt es auch im Naturkundemuseum, Breite Straße 13, in der Gedenkstätte Lindenstraße 54, im Filmmuseum, Breite Straße 1, im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Am Neuen Markt 9, im Fluxus-Museum, Schiffbauergase 4F, und in der Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße 1.

Von Volker Oelschläger

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