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Kein Platz für Wölfe in der Döberitzer Heide

Sielmanns Naturlandschaft Kein Platz für Wölfe in der Döberitzer Heide

Erstmals seit der Eröffnung von Sielmanns Naturlandschaft in der Döberitzer Heide bei Potsdam wurden in der besonders geschützten Kernzone fast 250 Wildschweine geschossen. Die Artenvielfalt auf dem früheren Truppenübungsplatz hat weiter zugenommen. Erstmals wurden auch durchstreifende Wölfe gesichtet. Für immer bleiben werden die Raubtiere wohl nicht.

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Ein Wisent kämpft in der Döberitzer Heide mit zwei Wildschweinen um den Futterplatz..

Quelle: Jürgen Ohlwein/Heinz-Sielmann-Stiftung

Potsdam/Döberitzer Heide. Wildschweine sind schlau. Rainer Entrup hat es selbst erlebt, wie sie beim Herannahen der Jagdgesellschaft im Nichts verschwanden. Alarmiert vom leisen Schlagen der Autotüren, von herüberwehenden Wortfetzen und dem Klappern aneinanderschlagender Ausrüstungsteile brachen sie jäh in dichten Rotten aus dem Unterholz und stürmten durch kleine Tore aus Holz in die Kernzone von Sielmanns Naturlandschaft, in der die Jagd strikt verboten war. Entrup ist Leiter des Bundesforstbetriebs Westbrandenburg, der in der Döberitzer Heide seit zwei Jahren als Dienstleister für die Heinz-Sielmann-Stiftung tätig ist.

Rainer Entrup und Hannes Petrischak vor einer Schleuse, die kleineren Tieren wie Reh, Schwein und Wolf Zugang zur Kernzone gewährt

Rainer Entrup und Hannes Petrischak vor einer Schleuse, die kleineren Tieren wie Reh, Schwein und Wolf Zugang zur Kernzone gewährt.

Quelle: Volker Oelschläger

2010 schlossen Mitarbeiter der Stiftung einen Dreifachzaun um das 1860 Hektar große Kerngebiet auf dem früheren Truppenübungsplatz und entließen die ersten europäischen Urbewohner, Wisente und Przewalskipferde, dazu Rot- und Damwild. Ein von den Großtieren respektierter, auf Seiten des Geheges doppelt gespannter Elektrozaun soll nicht zuletzt verhindern, dass ein bis zu 600 Kilogramm schwerer Bulle plötzlich auf der nahen Autobahn oder auf der Bundesstraße 5 „zum Stehen kommt“, sagt der Bundesförster.

80 dieser Europäischen Bisons, dazu 30 Urpferde und 60 bis 80 Rothirsche leben mittlerweile in der Kernzone, schätzt Hannes Petrischak, Leiter Naturschutz bei der Stiftung. Vom Menschen werden sie auf dem Gelände weitgehend in Ruhe gelassen. Die Entwicklung der Großtierbestände in dem umzäunten Gebiet, ihr Verhalten und ihre Wirkung auf die Laubwald- und Heidelandschaft sind das Thema einer Forschungsarbeit, deren Ergebnisse 2019 vorliegen sollen.

Przewalskiipferde in der Döberitzer Heide

Przewalskiipferde in der Döberitzer Heide.

Quelle: Hannes Petrischak/Heinz-Sielmann-Stiftung

Für kleinere Tiere hingegen ist die Barriere durchlässig. Rings um das Kerngebiet ist der 22 Kilometer lange Dreifachzaun mit 600 grob gezimmerten Klappen versehen, durch die Schweine, Rehe, Füchse und Wölfe nach Belieben hinein und hinaus können. Fotobeweise für Wölfe in der Döberitzer Heide gibt es noch nicht. Doch laut Stiftungssprecherin Elisabeth Fleisch wurden schon durchziehende Tiere gesichtet.

Dass sich der Räuber ansiedelt, hält Petrischak trotz des reichen Nahrungsangebots für unwahrscheinlich: „Ein Rudel braucht einen Bewegungsraum von 20 000 Hektar.“ Das Gelände zwischen Bundesstraße und Autobahn, den Potsdamer und den Berliner Gewässern sei viel zu klein. Zudem mögen Wölfe kein Großwild, sagt Entrup: „Alles, was mehr als 35 Kilo wiegt, ist für den Wolf unangenehm.“

Wisente weiden in der Döberitzer Heide

Wisente weiden in der Döberitzer Heide.

Quelle: Hannes Petrischak/Heinz-Sielmann-Stiftung

Für die Stiftung wurde in den vergangenen Jahren das Schwarzwild zum Problem. In der Kernzone gibt es mit 45 Prozent des Baumbestandes einen selten hohen Anteil an Eichen, deren Früchte für Wildschweine pure Energie sind. In guten Jahren mit reicher Ernte vermehrt sich die Schweinepopulation um 500 Prozent, sagt Entrup. Doch die Eiche trage nur alle vier, fünf Jahre richtig auf. In Hungerjahren verkümmern die Tiere und brechen in hungrigen Rotten ins Umland ein. Doch auch dort ist das Angebot bei sandigen Böden „nicht so üppig“, weiß der Bundesförster. Lupine und Roggen machten die Tiere nicht satt. Dafür sei der Schaden enorm, den sie auf ihrer Futtersuche anrichten.

Ein Wisent kämpft in der Döberitzer Heide mit einer Wildschweinrotte

Ein Wisent kämpft in der Döberitzer Heide mit einer Wildschweinrotte.

Quelle: Jürgen Ohlwein/Heinz Sielmann Stiftung

Der Stiftung war die Schweinejagd in der Kernzone bisher nach Landesgesetz untersagt. Doch im vergangenen Jahr erteilte das zuständige Veterinäramt des Landkreises Havelland erstmals eine Ausnahmegenehmigung. Im Kerngebiet wurden zwischen Oktober und April 245 Wildschweine „entnommen“, so Stiftungsvorstand Michael Beier, in der umliegenden sogenannten Naturerlebnis-Ringzone (Nerz) wurden in einer konzertierten Aktion weitere 250 Schweine geschossen. Diesmal waren die Klappen dicht, als die Jäger kamen. Entrup lobt, dass erstmals auch wirkungsvoll mit den Landwirten kooperiert wurde, die auf ihren Raps- und Getreidefeldern „Schussschneisen“ für die Jagd anlegten.

Mit 13 Schweinen pro 100 Hektar seien in dieser Saison deutlich mehr Tiere als üblich erlegt worden, sagt der Bundesförster: „Normal sind zwei bis drei Tiere pro Hektar.“ Laut Entrup wurde die Schwarzwildpopulation in der Döberitzer Heide damit erstmals spürbar und nachhaltig reduziert. Vorstand Beier erklärte, dass die Jagd für die Stiftung auch künftig „ein wichtiger Bestandteil zur Durchsetzung von Naturschutzzielen“ sein werde.

Jäger an der ökonomischen Grenze

Die für Landschaftspflege und Landwirtschaft wichtige Regulierung des Schwarzwildbestandes stößt an ökonomische Grenzen.

Die Anzahl der Tiere wächst bei energiereichem Nahrungsangebot mit dem industriellen Anbau von Sorten wie Mais und Raps stetig.

2016/17 wurden landesweit 70 000 Wildschweine geschossen – doppelt so viel wie vor 40 Jahren.

Doch der Markt für das Wildfleisch ist trotz seiner Qualität in der Konkurrenz zum Angebot von Schweinefleisch aus der Massentierhaltung begrenzt.

Zusätzliches Problem sind laut Bundesförster Rainer Entrup gebotene Abschüsse von Frischlingen, die sich für Jäger nicht rechnen.

Auch der vorgeschriebene zehnprozentige Anteil von Bachen an der Gesamtabschusszahl werde oftmals nicht erfüllt.

Von Volker Oelschläger

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