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Keine Schule, kein Job, kein Bock

Maik D. kifft, seit er 14 ist. Weil er in Michendorf dealte, wurde er nun verurteilt Keine Schule, kein Job, kein Bock

Maik D. ist noch ein Kind, als er auf die schiefe Bahn gerät. Nach der siebten Klasse bricht er die Schule ab. "Warum? Weiß ich nicht mehr", sagt der heute 26-Jährige am Dienstag auf der Anklagebank im Amtsgericht Potsdam.

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MICHENDORF. Er kann und will auch nicht erzählen, weshalb er sich in dem Heim, in das ihn die überforderten Eltern mit 14 stecken, ebenfalls vor dem Unterricht drückt. Weshalb er keine Lehre macht. Sich keinen Job sucht. ‒ Weshalb er dealt.

Maik D. aus Wilhelmshorst steht vor Gericht, weil er mit Cannabis gehandelt und den Stoff sogar an Minderjährige verkauft hat. Seine Kunden kontaktierten ihn über Handy, die Geschäfte wickelte Maik D. gern im Wäldchen in Michendorf-West oder am Bahnübergang ab. Das soll anderthalb, zwei Jahre so gegangen sein. Einmal im Monat kaufte er 50 Gramm Marihuana für 500Euro. Davon vertickte er 35Gramm, 15 konsumierte er selbst. Er kifft seit er 14 ist und war sein bester Kunde.

Am 3. Juli 2012 fliegt Maik D. auf. Streifenpolizisten halten ihn mit dem Fahrrad an. Maik D. hat eine Bierflasche in der Hand und Kopfhörer auf. Ein Blick in seine Augen verrät, dass er auch Drogen konsumiert hat. Die Pupillen sind so stark geweitet, dass die Iris kaum mehr zu erkennen ist. Maik D. ist zittrig, schwitzt ‒ und gibt alles sofort zu. Er habe heute einiges geraucht, erzählt er den Polizisten. Und er habe noch Stoff dabei. Er räumt seine Taschen aus, nennt den Namen seines Lieferanten, gewährt Einsicht ins Handy, in dem diverse "Brauchst Du noch was?"-Kurznachrichten gespeichert sind. Schließlich führt er die Polizisten zu sich nach Hause. Maik D. ist während der gesamten Maßnahme friedlich, notieren die Beamten im Protokoll. Obwohl er unter Drogen steht, scheint er im Kopf geordnet ‒ er ist "im Normalzustand", heißt es.

Durch seine Aussage hat Maik D. weitere Verfahren ins Rollen gebracht, betont sein Verteidiger Steffen Voigt. "Was er hier von Anfang an geleistet hat, muss sich strafmildernd auswirken. Hier sitzt ein Junge, der sein Leben umkrempelt und anfängt, sich etwas Neues zu suchen."

So anpackend wie sein Anwalt ihn schildert, wirkt Maik D. nicht. Als er während einer Bewährungsstrafe im Jahr 2009 Sozialstunden zu leisten hat, schmeißt er seinen bisherigen Gelegenheitsjob, weil es ihm "einfach zu viel" wurde. Sein Bruder bringt ihn als Aushilfe in einem Supermarkt unter ‒ Maik D. verduftet wieder: "Das war auch nichts für mich." Jetzt habe er Aussicht, Tische und Stühle für Veranstaltungen aufzubauen. "Da habe ich meine Ruhe und es ist auch nicht anstrengend."

Maik D. wurde zu zwei Jahren Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung, verurteilt. Warum muss er nicht ins Gefängnis? Weil ihm sein Geständnis, seine "geradezu freudige Geständnisbereitschaft" wie es Richterin Birgit von Bülow formuliert, hoch anzurechnen sei.

Obwohl Maik D. bereits 26 ist, erinnert das Urteil an den Kerngedanken des Jugendstrafrechts: Erziehung vor Bestrafung. Bis er aufgeflogen ist, habe bei Maik D. das reine Chaos geherrscht, so die Richterin. "Und Sie sind in Ihrer Seele noch ganz schön jugendlich. Sie sind jemand, der nicht genug Anleitung gehabt hat, den man nicht genug an die Hand genommen, dem man nicht gezeigt hat, wo’s langgeht." Sicher biete das Gefängnis Führung und Anleitung. "Ein Aufenthalt im Gefängnis kann aber auch nach hinten losgehen. Man kann dort auch in schlechte Gesellschaft geraten. Sie gehören nicht zu den harten Jungs, Sie sind ein weicher Typ ‒ die Gefahr ist groß. Das Gefängnis ist nicht der richtige Ort, um Sie auf die rechte Spur zu bringen."

Die Richterin ermahnte Maik D., in den nächsten Tagen zur Suchtberatung vorzusprechen. "Wenn nicht, muss ich die Bewährung widerrufen. Sie sind jetzt 26 ‒ und die ganz, ganz schönen Jahre zwischen 14 und 26 sind verstrichen, während Sie vor sich hin gekifft haben."

Von Nadine Fabian

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