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Kempinski-Hotel: „Who is Who?“ im Dritten Reich

Spuren der Vergangenheit Kempinski-Hotel: „Who is Who?“ im Dritten Reich

Wer ging im Kempinski-Hotel Schloss Marquardt von 1932 bis 1944 ein und aus? Der Förderverein des Potsdam-Museums hat das Gästebuch Nobelhotels ersteigert und die MAZ erstmals einen Blick hinein werfen lassen. Und tatsächlich zeigt sich: Dort übernachteten und dinierten die Nazi-Größen. Der Förderverein sieht in dem Dokument eine große Chance.

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Eintrag von Propagandaminister Joseph Goebbels und dem „Duce“-Sohn Vittorio Mussolini im Gästebuch des Kempinski-Hotels Schloss Marquardt.

Quelle: Julian Stähle

Marquardt. Heinrich Prinz der Niederlande, Herzog zu Mecklenburg, war der erste Gast, der sich mit schwungvollem Schriftzug in das Gästebuch des eben im Schloss Marquardt eröffneten Hotels Kempinski eintrug. Der Prinzgemahl von Königin Wilhelma war am 11. November 1932 in dem Herrenhaus am Schlänitzsee.

Das Gästebuch, das vom Förderverein des Potsdam-Museums erst kürzlich auf einer Auktion in Süddeutschland ersteigert wurde, gilt als kleine Sensation. Denn es gibt kaum Dokumente zum Leben im Schloss Marquardt, dessen Geschichte bis ins 16. Jahrhundert zurück reicht. Schlosskastellan Mike Sprenger sagt: „Eigentlich ist es ein Haus ohne Gedächtnis.“ Aus der Kempinski-Ära habe er gerade einmal „sieben bis acht Bilder“. Beispielhaft ist die Aufnahme des Saals mit dem prächtigen Kronleuchter – festlich hergerichtet, doch menschenleer.

Zeit in Potsdam „relativ unterbelichtet“

Für Markus Wicke, den Vorsitzenden des Museums-Fördervereins, ist das Gästebuch ein „sehr interessantes Zeugnis“. Es öffne den Blick in eine Zeit, die in Potsdam „relativ unterbelichtet ist“. Die Geschichte des Schlosshotels mit dem „Arisierung“ genannten Raub durch die Nazis 1937 und der Beschlagnahme als Reservelazarett zwei Jahre danach findet ihren Widerhall in den Namenszügen, die sich meist kommentarlos in dem Büchlein verewigten.

Ein Blick in das Gästebuch

Ein Blick in das Gästebuch.

Quelle: Stähle

Anfangs treffen sich in dem „Märchenschloss, vom Wasser umspült, zwischen Blumenbeeten unter hohen Bäumen“, so die Erinnerung der Schauspielerin Anneliese Uhlig, vornehmlich Vertreter des preußischen Hochadels wie Eitel Friedrich Prinz von Preußen, der Sohn des letzten Kaisers, oder Oskar von Hindenburg, der Sohn des Reichspräsidenten.

Nazis gehen ein und aus

1934 aber beherrschen ranghohe Nazis das Bild: SA-Obergruppenführer Adolf Hühnlein, Reichsjustizkommissar Hans Frank, Reichswehrminister Werner von Blomberg, Reichsbauernführer Richard Walther Darré. Hitlers Vizekanzler Franz von Papen diniert in Marquardt, ohne ein Datum zu hinterlassen. Das vom Generalsekretär Carl Diem geleitete Olympia-Komitee trägt sich gleich mehrfach ein: Am 8. und 31. März, am 30. April, am 5. Mai und am 1. Juni 1935.

Immer wieder einmal zieht die noble Sommerfrische Gäste aus dem Ausland an: Am 11. Juni 1937 begrüßt man Danilo Prinz von Montenegro mit Gattin Melitta, Prinzessin und Herzogin zu Mecklenburg. Am 25. Juli 1937  unterzeichnet Jaksin Ali, der Gouverneur von Basrah. Am 11. Mai 1938 kehrt ein N. Proctor Wilson, Mitarbeiter der BBC, ein, wenig später ein Prinz aus Bangkok, Siam, mit unleserlichem Namen.

Kastellan Mike Sprenger mit einer historischen Aufnahme vom Ballsaal im Kempinski-Hotel Schloss Marquardt

Kastellan Mike Sprenger mit einer historischen Aufnahme vom Ballsaal im Kempinski-Hotel Schloss Marquardt.

Quelle: Julian Stähle

Anneliese Uhlig berichtet in ihren Memoiren „Rosenkavaliers Kind“ von einem Ausflug nach Marquardt anlässlich eines Besuchs des italienischen Filmbeauftragten Vittorio Mussolini, Sohn des „Duce“. Mussolini junior und Propagandaminister Joseph Goebbels verewigten sich am 28. Juli 1938 „nach der Besichtigung der Ufa-Stadt Babelsberg“ im Marquardter Gästebuch.

Schlosskastellan sucht historische Dokumente

Der Kastellan des Schlosses Marquardt, Mike Sprenger, sucht Dokumente und Erinnerungsstücke. Ziel sei in einem ersten Schritt eine Ausstellung zur Geschichte des Hauses. Material werde auch gesucht zur möglichst originalgetreuen Rekonstruktion des Schlosses mit dem Zustand, den es vor dem Umbau zum Hotel hatte.

Das Schloss Marquardt war 1879/80 von Carl Meyer, dem Vertreter der Firma Krupp in Berlin, als zweigeschossiges symmetrisches Gebäude neu aufgebaut worden. 1892 erwarb der Industrielle Louis August Ravené Gut und Schloss Marquardt als Sommerresidenz. Er ließ das Gebäude 1912/13 noch einmal komplett umbauen.

Das Schloss und der öffentlich genutzte Park stehen seit Jahren zum Verkauf. Ein Käufer ist bei einer geschätzten Gesamtinvestition von 100 Millionen Euro allerdings nicht in Sicht. Genutzt wird es für Veranstaltungen und Hochzeiten. Zudem ist Schloss Marquardt eine beliebte Filmkulisse.

Eine erste Ahnung des heraufziehenden Zweiten Weltkriegs findet sich mit dem seitenfüllenden Vermerk „Frühstück nach Beendigung des Herbstmanövers 1937 im Schloss Marquardt“. Am 11. Juli 1939 unterzeichnet Rudolf Heß, „Reichsminister und Stellvertreter des Führers“. Am 19. Oktober 1939 empfängt man die „tapfere U-Boot-Besatzung von Scapa Flow“, die kurz zuvor ein britisches Schlachtschiff mit 833 Mann Besatzung versenkte. Der letzte, auf den 24. Juli 1944 datierte Eintrag stammt von einem Generalmajor und Eichenlaubträger Otto Hitzfeld, Weltkriegsteilnehmer vom August 1939 bis zum April 1945.

Der Förderverein des Potsdam-Museums ist laut Wicke dabei, die teils schwer zu lesenden Einträge zu transkribieren. Aufgabe des Potsdam-Museums könne es später einmal zum Beispiel sein, zu erforschen, „warum sich bestimmte Leute an bestimmten Tagen in Marquardt trafen“. Der Erwerb des Gästebuchs für 1000 Euro wurde vom Förderverein vorfinanziert. Nun werden Spender für den Ankauf gesucht.

Von Volker Oelschläger

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