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Kirchturm mit Musik von der Rolle

Kirchen in Potsdam Kirchturm mit Musik von der Rolle

So vieles wurde schon geschrieben über die Garnisonkirche von Potsdam, und doch kommt immer wieder Neues ans Tageslicht. Zum Beispiel, dass das Glockenspiel im prachtvollen Turm mit einem Spieluhrwerk betrieben wurde, wie es in Miniaturform die Kinder von heute immer noch kennen.

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Per Setzkamm verstellte man die Walzenstifte, um eine neue Melodie zu spielen.

Quelle: Albert Weinsheimer (1934), be.bra-Verlag

Innenstadt. Wikipedia- oder Potsdamwiki-Leser winken womöglich ab: Noch ein Buch zur Garnisonkirche? Und wieder von Kitschke? Das kennen wir doch alles.

Stimmt nicht, denn in den zehn Jahren seit dem Vorgängerbuch hat sich der Historiker und Bauingenieur – im Geheimen Staatsarchiv Dahlem etwa – durch Berge vergessener Akten gegraben und viele unbekannte Details ans Licht gebracht. Über Arnoldus Cassebohm zum Beispiel, dem man das Glockenspiel der Kirche zu danken hat; es ist verloren seit der Bombennacht des 14. April 1945. Er brachte es aus Holland mit auf Geheiß des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I., der oft in Holland war und die Glockenspiele der Amsterdamer Kirchen kannte. So eins wollte er für Potsdam haben, wahlweise automatisch oder von Hand zu spielen.

Eine Spieluhr wurde in den Turm der Garnisonkirche zu Potsdam eingebaut, eine, wie sie die Kinder bis heute kennen: mit einer Walze zum Drehen, dann erklingt die etwas blecherne Musik. Nur war diese Walze 1,85 Meter dick und das Glockenspiel schon zur Erbauungszeit berühmt für seine „reine Stimmung“.

Bisher war nicht beweisbar, wer das Glockenspiel in Potsdam eingerichtet hat und woher es stammt. Doch Kitschke fand die Akte, die das klärt: Arnoldus Cassebohm nämlich hat das Carillon gebaut; er war „Klockenist“ der Parochialkirche Berlin. Der König wies ihn im Juni 1721 vertraglich an, mit einem „hiesigen Bürger nahmens Griese“ nach Amsterdam zu reisen und binnen vier Wochen mit dem Glockenwerk zurück zu kommen. Zwei Jahre durften der Aufbau und die Einrichtung im Turm dauern; 9000 Taler sollte Cassebohm dafür bekommen. Als Vorbild fungierte das 1650 mit 33 Glocken der Gebrüder Francois und Pierre Hemony eingerichtete Spiel auf dem Münzturm in Amsterdam, an der Reguliersgracht gelegen.

Der Münzturm an der Reguliersgracht von Amsterdam trägt das Carillon, dem das von Potsdam nachempfunden wurde

Der Münzturm an der Reguliersgracht von Amsterdam trägt das Carillon, dem das von Potsdam nachempfunden wurde.

Quelle: be.bra-Verlag

Der Auftrag zur Herstellung der Glocken ging an Jan Albert de Grave aus Amsterdam, der aus Celle bei Hannover stammte und noch im selben Jahr 35 Bronzeglocken lieferte, von 113 bis 19 Zentimeter im Durchmesser. Nur die beiden größten trugen eine Widmung auf lateinisch: „Laudate Deum Unicum Refugium Nostrum“ (Lobet Gott unsere einzige Zuflucht) und „Jehova Exercitium est Rex gloriae“ (sinngemäß: Gottes Amt ist König der Ehren). Alle Glocken trugen das Signum des Machers: „Jan Albert de Grave me fecit: Amsteldolami“ und die jeweilige Jahreszahl. Zusammen wogen die Glocken 4522 Kilogramm, allein der Bourdon, die tiefste Glocke, etwa 875 Kilo. Ein blinder Organist prüfte der Glocken Reinheit. „Sehr lieblich, voller Resonanz“ und „untereinander sehr gut abgestimmt“ lautete das Urteil. Doch die Fachwerkkirche, die es vor dem Barockbauwerk von Gerlach gab, trug die Last der Glocken nicht lange und wurde 1730 abgerissen. Wenn man schon mal eine neue Kirche baut, kann man doch gleich auch noch das Glockenspiel erweitern, wird der Soldatenkönig sich gedacht haben und bestellte sich fünf weitere als Bass, die so schwer waren wie alle anderen vorher, mehr als sechs Tonnen. Der Berliner Geschützgießer (Stückgießer) Johann Paul Meurer hat sie gemacht.

Das Glockenspiel war als Carillon geplant und konnte per Hand oder mit dem Walzenwerk gespielt werden. Die Bronzewalze herzustellen, war eine Fummelarbeit von sechs Monaten: Sechs Gesellen bohrten und feilten 5280 quadratische „Taktlöcher“ in die fast fünf Zentimeter dicke Wandung der Walze. Für das Einrichten der „selbstspielenden“ Melodien benötigte man 16 verschiedene Stiftsorten, die auf der Innenseite des Walzenmantels festgeschraubt wurden. Das Bleigewicht zum Bewegen der Walze wog 456 Kilogramm. Von der Walze aus gab es Drähte zu den äußeren Schlaghämmern. Einige Glocken hatten zwei benachbarte Hämmer, was die schnelle Wiederholung eines Tones ermöglichte.

Das mechanische Gangwerk des Glockenspiels

Das mechanische Gangwerk des Glockenspiels: rechts im Hintergrund sieht man die Walze..

Quelle: be.bra-Verlag

Das Turmuhrwerk stammte vom Berliner Meister Lorenz Friedrich Griese; seine vier Zifferblätter hatten keine Minutenzeiger! Die Glocken erklangen zur vollen Stunde mit einem Choral, zur halben mit einem weltlichen Lied. dazwischen gab es kurze Musiksätze. Alle siebeneinhalb Minuten hörte man über Potsdam etwas Anderes.

Die Spielwerkskammer bestand aus Eichenholz und war mit Kuperblech bedacht. 365 Stufen führten zu ihr hinauf. Je nach Stärke des Anschlages konnte eine Melodie hervorgehoben werden, wenn Cassebohm per Hand spielte; die automatische Begleitung blieb deutlich leiser.

Im Laufe der Zeit sprangen neun Glocken und mussten umgegossen werden. Täglich zwei Mal wurden die großen Gewichte mit Muskelkaft aufgezogen für den Walzenantrieb, den Halbstunden- und Stundenschlag und das Gehwerk der Uhr. Ab 1926 wurde das viel leichter: Ein elektrischer Mechanismus zog alles alles auf.

Die Garnisonkirche

Die Garnisonkirche.

Quelle: A. Kitschke

Am Freitag, dem 18. Dezember, um 18 Uhr wird das im be.bra-Verlag Berlin erschienene Buch von Andreas Kitschke in der Nagelkreuzkapelle an der Breiten Straße der interessierten Öffentlichkeit präsentiert.

 

 

Von Rainer Schüler

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