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Kita-Missbrauchsverdacht: Kind wird angehört

Verfahen an zwei EJF-Einrichtungen in Potsdam Kita-Missbrauchsverdacht: Kind wird angehört

Das Ermittlungsverfahren wegen Missbrauchsverdachts an zwei EJF-Kitas war nach Protest von Eltern wieder aufgenommen worden. Nun steht die bislang versäumte Befragung eines Kindes an. Experten erklären, wie schwierig solche Anhörungen sind und fordern kompetente Beratung für die Betroffenen.

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Um das Kind nicht mehrmals befragen zu müssen, wird oft mit Videoaufzeichnungen gearbeitet.

Quelle: Imago

Potsdam. Im wiederaufgenommenen Verfahren wegen Missbrauchsverdachts an zwei Potsdamer Kitas des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks (EJF) soll das betroffene Kind Mitte des Monats angehört werden. Das erklärte der Sprecher der Potsdamer Staatsanwaltschaft, Christoph Lange, am Mittwoch auf Anfrage. Die Befragung werde von geschulten Ermittlern vorgenommen, so Lange.

Hilfe für Betroffene

1999 hat das Bundesverfassungsgerichts in einem Urteil Anforderungen an Glaubhaftigkeitsgutachten bei sexuellem Kindesmissbrauch formuliert. Unter anderem wird darauf hingewiesen, dass die Auswertung von Kinderzeichnungen in solchen Fällen nicht ausreiche.

Betroffene sexueller Gewalt sowie Angehörige und Fachkräfte, die mit Kindern arbeiten, können sich anonym an das bundesweite „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“ wenden. Der Anruf bei Tel.  0800/22 55 5 30 ist kostenfrei.

Wie berichtet, waren Eltern im März erfolgreich gegen die Einstellung der Ermittlungen vorgegangen. Das Verfahren richtet sich gegen einen Hausmeister, der im Jahr 2014 an den Kitas „Clara Zetkin“ und „Am Kanal“ Kinder sexuell missbraucht haben soll. Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen eingestellt, da ein Tatnachweis nicht möglich gewesen sei. Aber: Eines der Kinder, das seinen Eltern im Alter von drei Jahren mutmaßliche Vorfälle offenbarte, war von den Behörden gar nicht angehört worden, weil es zu Beginn der Ermittlungen wegen der psychischen Belastung als nicht vernehmungsfähig galt. Die Anhörung wird nun auf Wunsch der Eltern nachgeholt.

Keine Durchsuchungen im jüngsten Missbrauchsverdachtsfall

In einem weiteren Missbrauchsverdachtsfall an einer dritten EJF-Kita seien Kinder befragt worden, so Staatsanwalt Lange. Das Aussageverhalten sei „schwierig“ gewesen. Die Fünfjährigen hätten in den Befragungen nicht konkret benannt, wer was wo gemacht habe. In der Kita am Heiligen See richtet sich der Verdacht deshalb weiter gegen unbekannt – auch wenn eine Mutter bei der Polizei angab, ihr Kind habe drei Mitarbeiter namentlich genannt. Die Kinder seien sensibel befragt worden, betont Lange. Kinderpsychologen seien bei solchen Gesprächen, die nicht in normalen Büros, sondern in einem Spielzimmer durchgeführt werden, zugegen. „Man geht in solchen Fälle vorsichtig vor und versucht zu erreichen, dass die Kinder von sich aus reden“, erklärt Lange. Durchsuchungen oder Beschlagnahmungen von Material habe es bislang nicht gegeben. Gegenüber den Eltern hatten Kinder auch davon berichtet, dass sie an Orte außerhalb der Kita gebracht und teils auch fotografiert worden seien.

Der Bundesgerichtshof legte Standards für Gutachten fest

Dass sich die Aufklärung in den Potsdamer Fällen hinzieht, ist nicht ungewöhnlich. Die Beweisführung bei Kindesmissbrauch sei oft schwierig, erklärt Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Leider gebe es keine allgemein verbindlichen Richtlinien für das Vorgehen bei der Befragung von Kleinkindern. Der Bundesgerichtshof habe aber in einem Urteil 1999 klare Standards festgelegt. „Ich würde mir wünschen, dass alle, die solche Befragungen mit Kindern durchführen, diese Standards kennen“, so Rörig. „Wir wissen aber von Betroffenen und Angehörigen, dass dies leider nicht immer der Fall ist“, erklärt der Sachverständige der Bundesregierung. „Wenn dann ein Missbrauch am Ende nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann, weil die Befragung fehlerhaft gelaufen ist, ist dies für die Betroffenen besonders schmerzhaft.“

Beauftragter der Regierung fordert Rechtsanspruch auf Beratung

Aber auch Eltern könnten ihren Teil dazu beitragen, die Glaubwürdigkeit einer Kinderaussage zu erhöhen. Um keine „Störeinflüsse“ zu erzeugen, sollten Eltern sich an eine Fachberatungsstelle wenden, betont Rörig, der einen Rechtsanspruch auf Beratung für Kinder und Jugendliche fordert. Eltern sollten ihr Kind zwar berichten lassen und ihm signalisieren, dass es sich anvertrauen kann, aber nicht selbst ermittelnd erfragen, was genau passiert ist. Ohne Fachwissen geschehe es schnell, dass dabei Erinnerungen so zerstört werden, dass eine Aussage des Kindes im Gerichtsverfahren nicht mehr verwendet werden kann.

Von Marion Kaufmann

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