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Kleine Medizin, große Hilfe

Unbürokratische Hilfe für Obdachlose und andere Bedürftige. Kleine Medizin, große Hilfe

Seit acht Monaten können sich Obdachlose und andere Bedürftige kostenfrei und ohne Bürokratie im Arztmobil versorgen lassen. Ein paar Mückenstiche genügen. Eingerissene Fingernägel, blaue Flecken, eine Blase am Fuß. Was harmlos scheint, birgt für Obdachlose ein hohes Risiko.

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Hilfe aus zwei Koffern: Friederike Neumann (Streetworkerin), Ortrud Vargas Hein (ärztliche Direktorin am Klinikum), Arztmobil-Schwester Antje, Sozialdezernentin Elona Müller-Preinesberger, Michael Oppelt (Chefarzt Notaufnahme) und Mobil-Arzt Tim Karhausen (v.l.).

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Selbst kleinste Wunden können zu schweren Entzündungen, zu Abszessen, gar zur Blutvergiftung führen. "Wir können den Leuten mit kleiner Medizin große Hilfe leisten", sagt Horst Schütz. Der Allgemeinmediziner gehört zum Team des Arztmobils, im dem sich Obdachlose und andere Bedürftige kostenfrei und ohne Bürokratie behandeln lassen können.

Seit acht Monaten gibt es das Arztmobil. Als es Anfang Dezember zur ersten Tour aufbrach, pflasterten Durchhalteparolen seinen Weg, denn aus anderen Städten mit Sprechstunde auf der Straße war zu hören, dass es einen langen Atem braucht, bis so ein Angebot angenommen wird. In Potsdam aber sind die Patienten prompt da. Allein beim ersten Termin stellten sich 20 Bedürftige vor. Einem schwerkranken Mann konnte das Leben gerettet werden.

130 Behandlungen hat das Arztmobil-Team bislang zu verbuchen. Das haben die Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger und Michael Oppert, Chefarzt der Notaufnahme im Klinikum "Ernst von Bergmann", gestern bei einem Bilanzgespräch verkündet. Der Praxisbus ist ein Erfolg. Das Vertrauen der Szene wächst, vor allem dank Mund-zu-Mund-Propaganda der Patienten. Die meisten von ihnen wählen den Standort des Arztmobils bei der bbw-Akademie an. Dort wurde inzwischen ein kleiner Behandlungsraum eingerichtet. Bei der Akademie läuft zudem, finanziert durchs Jobcenter, ein Projekt zur Betreuung wohnungsloser Menschen. Außerdem gibt es dort eine warme Mahlzeit; man kann duschen und Wäsche waschen.

Der Standort an der Suppenküche der Volkssolidarität auf dem Areal der Stadtverwaltung wurde indes aufgegeben. Die Männer und Frauen, die dort ein- und ausgehen, seien stärker ins Hilfssystem eingebunden, so dass sie das Mobil nicht unbedingt brauchen, sagt Elona Müller-Preinesberger.

Dass der Bus überhaupt durch Potsdams Straßen rollt, ist denen zu verdanken, die an vorderster Front arbeiten: den Streetworkern von der Gesellschaft für "Creative Sozialarbeit" (Creso) und dem Diakonie-Projekt "Wildwuchs". Sie haben den Bus gefordert ‒ die Landeshauptstadt und das Klinikum haben den Notruf als Auftrag begriffen. Bis heute kommt das Klinikum für alle Kosten auf. ‒ Der Knackpunkt der Erfolgsstory.

"Es ist Aufgabe der Krankenkassen, sich hier zu beteiligen", sagt die Beigeordnete. Doch die haben abgelehnt: Sie seien verpflichtet, ausschließlich Mitglieder zu versorgen. Dass jeder zweite Obdachlose im Arztmobil krankenversichert ist, schert die Kassen offenbar nicht. Müller-Preinesberger will nachhaken. So oder so wolle sie "alles daran setzen", dass das Arztmobil auch 2014 zu den Menschen fährt, die Hilfe brauchen.

Menschen wie Andreas (29), Oliver (33) und Michael (45). Die drei haben vom Pressetermin Wind bekommen und sich quasi selbst eingeladen ‒ zum Glück. So können sie einmal in aller Öffentlichkeit ihren Ärzten, Schwestern und Streetworkern applaudieren. "Das Arztmobil muss unbedingt sein", sagen sie unisono. Die Behandlung sei immer top, was sie von anderen Ärzten nicht behaupten könnten. Vor allem aber genießen die drei, dass sie in der Praxis auf Rädern auch mal ihr Herz ausschütten können: "Jeder im Team ist mit Leib und Seele dabei. Das Arztmobil ist das Beste überhaupt."

Von Nadine Fabian

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