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Kneipenrangelei endet mit Bordsteinkick

Prozessauftakt nach brutaler Attacke in Potsdam Kneipenrangelei endet mit Bordsteinkick

Dass Burkhard S. aus Michendorf überlebt hat, gleicht einem Wunder. Während David A. auf ihm saß und ihn fixierte, trat Dennis K. ihm mehrmals gegen den Kopf. Wegen der brutalen Attacke vor Clärchens Tanzcafé in Potsdam stehen die Männer aus Ketzin nun vor Gericht. Vorwurf: versuchter Totschlag. Die Angeklagten beschuldigen derweil ihr Opfer.

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Quelle: Bernd Gartenschläger

Babelsberg.  Der Bordsteinkick ist eine der perfidesten Arten, den Gegner bei einer Schlägerei zu misshandeln. Das Opfer wird mit dem Kopf auf den Bordstein oder auf eine andere feste Kante gelegt und festgehalten – einer der Täter tritt zu und bricht dem Wehrlosen im ärgsten Fall das Genick, zertrümmert seinen Schädel. Solch brutale Attacken werden vor allem nach Zusammenstößen von Linken und Rechten berichtet. Erschütterndstes Beispiel ist sicher die Ermordung des 16-jährigen Marinus Schöberl im Sommer 2002 in Potzlow in der Uckermark.

Das Opfer hat die Erinnerung an die Attacke verloren

Burkhard S. aus Michendorf hat einen Bordsteinkick überlebt. – An die Nacht, die ihn beinahe das Leben kostete, kann sich der heute 44-Jährige nicht erinnern. Nicht an den Moment, da er vor Clärchens Tanzcafé in Potsdam-Babelsberg zu Boden ging und sein Kopf aufs harte, schmutzige Pflaster gedrückt wurde. Nicht an den ersten Tritt, nicht an den zweiten, den dritten...

Burkhard S. kam mit zerstampfter linker Gesichtshälfte in die Klinik – gebrochen und zersplittert das Jochbein, die Nase, die Augenhöhle, der Oberkiefer. Die Ärzte mussten sein Gesicht mit Drähten, Schrauben und Metallplatten wieder „herausziehen“. Noch heute, zweieinhalb Jahre später, klagt S. über Taubheitsgefühle, Atemprobleme und Nasenbluten.

Dennis K. hat bis zu zehn Mal zugetreten

Am Montag sitzt Burkhard S. den beiden Männern gegenüber, die ihn Mitte Oktober 2013 so zugerichtet haben. Dennis K. (32) und David A. (37) aus Ketzin (Havelland) müssen sich vor dem Potsdamer Landgericht wegen versuchten Totschlags verantworten. Demnach hat Dennis K. acht bis zehn Mal Burkhard S. gegen den Kopf getreten, während David A. auf S. gesessen und ihn fixiert hat. Erst, als Zeugen einschritten, sollen sie aufgehört und S. in einer Blutlache zurückgelassen haben. Einige Stunden später stellten sie sich.

Jetzt, im Prozess, schweigen die Angeklagten zu den Vorwürfen, lassen ihre Verteidiger aber jeweils eine Erklärung verlesen. Darin ist vor allem von sehr viel Alkohol zu erfahren, von ungezählten Bieren, Feiglingen und Klopfern, von Pfeffi, Wodka und Whisky gemischt mit Cola. Schon daheim in Ketzin habe man getrunken, dann auf der Autofahrt nach Potsdam, später auf der Bowlingbahn und etwa ab Mitternacht im Clärchens – deshalb agierten die Angeklagten vermutlich im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit. Sie beharren zudem darauf, dass sie zunächst selbst angegriffen worden seien – von Burkhard S., dem sie bis dato nie begegnet waren. Er soll in der Diskothek durch provokant-aggressives Verhalten aufgefallen sein, habe David A. verbal angegriffen, sei dann handgreiflich geworden und habe A. schließlich einen Bierkrug über den Kopf und einem anderen aus der Clique die Faust ins Gesicht geschlagen. Auf dem Parkplatz der Disko kam es dann zu der Schlägerei, die mit dem Bordsteinkick endete.

Vom Vater verachtet, vom Stiefvater geschlagen

„Ich hatte viel zu viel getrunken“, heißt es von Dennis K. Seine Erklärung ist getränkt von Reue und Selbstmitleid. Er habe S. „lediglich eine reinziehen“ wollen. Nun aber erkenne er sich nicht wieder. „Es tut mir so leid, was passiert ist.“ Er habe es in seinem Leben nicht leicht gehabt, sei vom Vater verachtet und vom Stiefvater geschlagen worden. „Ich habe nie aufgegeben und viel getan, um mir meine Träume und Wünsche zu erfüllen – das habe ich mir mit dem Abend total versaut.“

 David A. distanziert sich indes ausdrücklich von der Tat des Kumpels – also von den Fußtritten gegen den Kopf. „Dass Dennis K. dazukommt, habe ich nicht gewollt und hätte es auch nicht zugelassen. Für mich war das ausschließlich eine Angelegenheit zwischen mir und Herrn S.“ Es tue ihm sehr leid – zu keinem Zeitpunkt habe er jemandem „bewusst“ Schmerzen zufügen wollen.

Beim Täter-Opfer-Ausgleich abgeblitzt

Beide Angeklagten haben sich bemüht, im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs mit Burkhard S. ins Gespräch zu kommen. Beide sind bei ihm abgeblitzt „Ich habe kein Interesse daran, mich mit diesen Leuten an einen Tisch zu setzen“, sagt er im Gerichtssaal. Überhaupt habe er sich in den vergangenen Monaten nicht mehr mit dem Vorfall befasst. „Ich habe eine Familie, ein kleines Kind, ich saniere ein altes Haus – ich habe anderes zu tun.“ Seine Ablehnung stellt er im Gerichtssaal demonstrativ zur Schau. Dennoch wendet sich Dennis K. an ihn – offenbar ist es ihm ein Bedürfnis, wenigstens ein einziges Mal persönlich um Entschuldigung zu bitten: „Es tut mir urst leid, was da passiert ist und was ich Ihnen angetan habe.“ Nach diesen Worten verlässt Burkhard S., der im Prozess als Nebenkläger auftritt, Saal und Gericht. Der Prozess wird am Freitag, 3. Juni, um 9.30 Uhr fortgesetzt.

Von Nadine Fabian

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