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Kommt das Bürgerticket für Potsdam?

Ideen für den Klimaschutz Kommt das Bürgerticket für Potsdam?

Einen Beschluss über den „Masterplan 100 Prozent Klimaschutz“ gibt es noch nicht, aber Diskussionen über das Papier sind programmiert. Unter den 150 Ideen für den Klimaschutz vor Ort ist auch das Bürgerticket, ein umstrittenes Modell, bei dem alle für den ÖPNV bezahlen, egal ob sie weiterhin Auto oder lieber Bus fahren. Doch wie realistisch ist das Bürgerticket?

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Gehören Ticketautomaten bald der Vergangenheit an? Beim Bürgerticket werden Fahrscheine überflüssig, denn jeder zahlt – auch wenn er nicht fährt.

Quelle: dpa

Potsdam. Wer fährt, zahlt – so läuft es überall auf der Welt. Außer in Tallin. Seit dem 1. Januar 2013 bietet die estnische Hauptstadt Nahverkehr zum Nulltarif – mit geteiltem Erfolg. Zwar fahren mehr Talliner als zuvor Trolleybus und Tram und die Stadt macht durch einen Steuerkniff seither sogar 20 Millionen Euro Gewinn pro Jahr. Weniger Autos zählte man auf den Straßen aber nicht. Was also taugt der Gratis-Nahverkehr im Kampf gegen Staus und Umweltverschmutzung?

Immer wieder fragt sich das auch die Landeshauptstadt Potsdam. Die Fraktionen Die Andere, Die Linke und die Bündnisgrünen haben die Diskussion über einen kostenlosen ÖPNV mehrmals angestoßen. Jetzt wirft es die Stadt selbst wieder in den Ring: allerdings nicht mehr als Gratis-Konzept, sondern als solidarisch finanziertes Bürgerticket. Die Hoffnung: Wer zahlt, fährt auch.

 

Kritiker rügen das Modell als Zwangsabgabe

Für so ein Bürgerticket würden alle Potsdamer zur Kasse gebeten. Egal, ob und wie oft jeder einzelne die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt, ob er mit dem Rad oder mit dem Auto fährt – jeder wäre verpflichtet, eine Art Anschlussgebühr zu berappen. Fahrscheine wären dabei obsolet: bezahlt ist schließlich bezahlt. Befürworter des Modells versprechen sich davon, dass mehr Menschen als bisher den ÖPNV nutzen und das Auto stehen lassen. Kritiker reden indes von einer Zwangsabgabe. Ob die überhaupt rechtens ist, haben die Gerichte noch nicht abschließend geklärt.

„Pro Bahn Berlin-Brandenburg ist grundsätzlich dafür, ohne dass wir uns jetzt schon im Detail damit befasst haben“, sagt der Sprecher des Fahrgastverbandes, Hans Leister. „Wir sind dafür, statt der Nutzerfinanzierung – es bezahlen die, die mitfahren – mehr auf die Nutzen­finanzierung – es bezahlen die, die vom ÖPNV profitieren – umzustellen“, so Leister und erklärt: Wenn Menschen ihr Auto stehen lassen und auf die Öffentlichen setzen, hätten auch diejenigen, die Auto fahren wollen oder müssen, einen Nutzen davon – schließlich trage jedes Auto weniger dazu bei, dass der Straßenverkehr überhaupt fließen kann. Insofern sei es nur konsequent, dass alle mitfinanzieren und die Kosten des ÖPNV nicht nur auf die Nutzer umgelegt werden, sondern auf alle, die Vorteile dadurch haben.

Jetzt hat der Fachausschuss das Wort

Das Bürgerticket ist eine Idee von vielen im Masterplan „100 Prozent Klimaschutz“, den die Stadt derzeit mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (Pik) erarbeitet. Das Papier, das von den Stadtverordneten in den zuständigen Fachausschuss überwiesen wurde und dort Ende August auf der Tagesordnung steht, zeigt Rahmenbedingungen, Potenziale, Strategien und eine Vielzahl von Ideen auf, wie die Klimaziele zu erreichen sind.

„Beim Bürgerticket handelt es sich um einen von 150 Vorschlägen, die noch geprüft werden müssen“, betont Stadtsprecher Stefan Schulz. „Das heißt, hier sind noch sehr viele Hürden zu beachten. Wir stehen nicht vor einer direkten Umsetzung.“ Wird der Klimaplan eines Tages von den Stadtverordneten beschlossen, werden die darin beschriebenen Strategien durch die Verwaltung zwar innerhalb eines Jahres geprüft, sagt Schulz. Das bedeute allerdings nicht, dass danach auch eine konkrete Studie zum Bürgerticket vorliegt, denn als Strategie sind im Plan übergeordnete Handlungsmaxime zu verstehen und nicht konkrete Projekte. Diese seien nicht Teil des Beschlusses, sondern lediglich als Vorschläge zu verstehen, wie die Strategien mit Leben gefüllt werden können.

Mehrere Jahre, um ein tragfähiges theoretische Modell zu entwickeln

Im Falle der alternativen ÖPNV-Finanzierungsmodelle – also auch im Falle des Bürgertickets – sei bereits abzusehen, dass sie nicht prioritär umzusetzen sind, so Schulz. Demnach haben derzeit der grundsätzliche Ausbau des ÖPNV und das Vorantreiben der Multimodalität Vorrang. Macht sich Potsdam dennoch irgendwann daran, das Bürgerticket einzuführen, würde es laut Schulz mehrere Jahre dauern, allein ein tragfähiges theoretisches Modell zu erarbeiten – die Bereitschaft aller Beteiligten vorausgesetzt. Denn Potsdam kann so etwas nicht im Alleingang realisieren: „In den Prozess wären vor allem das Land Berlin, der VBB und der Vip einzubinden.“

Berliner Rechenspiele

Ein Bürgerticket ist in vielen Kommunen im Gespräch, etwa in Berlin und im Großraum Leipzig-Halle.

Die Kosten für jeden einzelnen würden laut den Berliner Grünen rund 15 Euro im Monat betragen, laut der Linken knapp 30 Euro. Zum Vergleich: Das Monatsticket für das Berliner Stadtgebiet kostet derzeit im Abo 82,67 Euro.

Potsdam ist von Kostenschätzungen für ein Bürgerticket noch weit entfernt. Für das Monatsticket sind hier im Moment 60,20 Euro fällig. Laut Stadt nutzen rund 100000 Fahrgäste täglich Bus und Tram – es sind ebensoviele Autos unterwegs. nf

Von Nadine Fabian

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