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Kopfschuss-Prozess: „Er hat gern gespielt“

Landgericht Potsdam Kopfschuss-Prozess: „Er hat gern gespielt“

Nichts außer Indizien: Ein aus Glindow stammender Mann wurde 2009 geradezu hingerichtet, doch es gibt weder eine Tatwaffe, die dem Angeklagten zugeordnet werden kann, noch ein Projektil oder Blutspuren. Nun sagte vor Gericht der ehemalige Leiter der Potsdamer Spielbank aus. Der Grund: Der Angeklagte soll spielsüchtig gewesen sein.

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Der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter begrüßt den Angeklagten am ersten Verhandlungstag.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam/Glindow. Das Landgericht hat im Mordprozess gegen den 60-jährigen Potsdamer Hans-Dieter V., der seinen aus Glindow stammenden Kompagnon zunächst um mehrere Hunderttausend Euro betrogen und dann im Juni 2009 auf einer Geschäftsreise in Tschechien mit einem Schuss in den Hinterkopf geradezu hingerichtet haben soll, einen psychiatrischen Gutachter hinzugezogen. Grund ist die Aussage des Angeklagten, er sei von 2007 bis 2010 spielsüchtig gewesen.

Der zweite von zehn angesetzten Verhandlungstagen in diesem klassischen Indizienprozesses – es gibt weder eine Tatwaffe, die dem Angeklagten zugeordnet werden kann, noch ein Projektil oder Blutspuren – bestimmte denn auch das Thema Glücksspiel. So nahm Ingo Edelmann (53), kaufmännischer Direktor der Brandenburgischen Spielbanken GmbH und Co. KG im Zeugenstand Platz. Als Leiter der Spielbank Potsdam, der er bis vor einem Jahr außerdem war, habe er – „Mit Distanz und Abstand, wie es sich gehört“ – regelmäßig mit Gästen Kontakt gehabt, immer wieder auch mit dem Angeklagten. Nach seiner Erinnerung war V. regelmäßig zu Gast und spielte an Automaten. „Er hat gern gespielt“, sagt Edelmann. „Auch mit höheren Einsätzen.“

Viel riskiert, viel verloren

Laut Edelmann verfügt die Potsdamer Spielbank über 96 Automaten. Dabei sei es möglich, an mehreren Geräten gleichzeitig zu spielen. Diese seien vom Hersteller auf eine bestimmte Gewinnchance eingestellt. Ein berechenbares Schema gebe es aber nicht. „Es gibt Phasen, da kassiert der Automat nur. Es gibt Phasen, da bezahlen wir.“

Die Frage des Staatsanwalts Jörg Möbius, wie realistisch es sei, dass der Angeklagte – wie er selbst sagt – über drei, dreieinhalb Jahre hinweg um die 300.000 Euro eingesetzt und dabei 50.000 Euro Verlust gemacht habe, beantwortet Edelmann zunächst mit einem Lachen. „Es könnte möglich sein – dann wäre er ein sehr glücklicher Spieler.“ Seiner Erfahrung nach seien „deutlich höhere Verluste“ zu erwarten.

Wie viel der Angeklagte tatsächlich riskiert, wie viel er gewonnen und verloren hat, das könne er nicht sagen, versichert Edelmann: „Wir überwachen unsere Gäste nicht.“ Gewinne und Verluste würden namentlich nicht erfasst. Kontrolle gebe es aber. So würden seit 2002 all jene registriert, die das klassische Glücksspiel – etwa Roulette- und Black-Jack-Tische – besuchen, seit 2010 auch die Automatenspieler. Über Gewinne ab 15.000 Euro werde das LKA informiert. Hintergrund: Weil Glücksspielgewinne steuerfrei sind und Spielbanken zur Geldwäsche genutzt werden könnten, hat die Bundesregierung 2008 das „Gesetz über das Aufspüren von Gewinnen aus schweren Straftaten“ mit entsprechenden Auflagen erlassen.

Ehefrau versuchte, ihn sperren zu lassen

An ein Gespräch mit dem Angeklagten könne er sich besonders gut erinnern, sagt Edelmann. Im Mai 2009 hatte V.s Ehefrau versucht, ihn sperren zu lassen. Als Gründe gab sie an, dass bei ihm eine Spielsuchtgefährdung bestehe und er Einsätze riskiere, die in keinem Verhältnis zum Einkommen und Vermögen stehen. Bei so einer „Fremdsperre“ schreibe die Spielbank den Betroffenen an, um die Sache zu hinterfragen, so Edelmann. Wenig später erschienen V. und seine Frau gemeinsam bei ihm im Büro. „Sie sagte, dass es eine falsche Einschätzung ihrerseits war“, so Edelmann. Die Eheleute hätten ihm in einem sehr ruhigen Gespräch versichert, dass es keine finanziellen Probleme gebe, daher habe er die Sperre aufgehoben. „Das hätte ich nicht, wenn die Ausführungen der beiden nicht glaubhaft gewesen wären. Eine Beziehungsangelegenheit – aber das ist nur mein persönlicher Eindruck.“

Edelmann beschreibt V.s Spielverhalten als intensiv: „Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass es Auffälligkeiten gibt.“ Als es auf 2010 zuging, sei V. immer öfter in die Spielbank gekommen. Ende August 2010 habe er sich dann selbst sperren lassen. Als Grund kreuzte er auf dem Formblatt „Sonstiges“ an, gab zudem an, ein „unwiderstehliches Verlangen Glücksspiele zu spielen“ zu haben, unter seinem Verhalten zu leiden und es zu verheimlichen. Die Fragen nach Geldsorgen beantwortete er mit einem Nein. „Ich denke, dass er selbst zu der Erkenntnis gelangt war, dass er an der Stelle, an der er sich befand, besser Schluss machen sollte“, so Edelmann. Die Sperre sei bis heute nicht widerrufen worden und stehe noch heute im bundesweiten Sperrsystem der konzessionierten Spielbanken. „Spielhallen wie etwa die am Hauptbahnhof sind da aber nicht dabei.“

Online-Selbsthilfe für Glücksspieler

In Deutschland ist laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von ca. 241000 problematischen und rund 215000 pathologischen Glücksspielern auszugehen.

Auf Brandenburg umgerechnet sind das 7200 problematische und 6400 krankhaft glücksspielende Menschen. Davon finden laut Johannes Lindenmeyer, Direktor der Salus Klinik Lindow zu der auch die Sucht-Ambulanz Potsdam gehört, nicht einmal 10 Prozent den Weg in eine Behandlung.

Betroffene finden nun Unterstützung im Internet. Das Angebot www.selbsthilfegluecksspiel.de der Salus Klink hilft ihnen dabei, das Spielverhalten selbstständig zu reduzieren oder ganz aufzugeben, ohne in die Öffentlichkeit gehen zu müssen.

Die Teilnehmer machen etwa täglich Angaben zu Spieldruck und tatsächlichem Spielverhalten. Sie treffen Vereinbarungen mit sich selber und bereiten sich auf Risikosituationen und eventuelle Rückfälle vor. Eine Expertin steht zur Unterstützung per Mail bereit. In einem abgeschirmten Forum können sich die Teilnehmer anonym austauschen. Das Programm dauert sechs Wochen – mit einem Selbsttest kann ein Betroffener sofort feststellen, ob es für ihn geeignet ist. nf

Von Nadine Fabian

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