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Kopfschuss aus Habgier: Potsdamer legt Revision ein

Zu lebenslanger Haft verurteilt Kopfschuss aus Habgier: Potsdamer legt Revision ein

Das Landgericht Potsdam ist sich sicher: Hans-Dieter V. hat seinen Kompagnon auf einer Geschäftsreise mit einem Kopfschuss ermordet, darum wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch V. bestreitet die Tat und legte umgehend Revision ein. Was hat ihn zu einem Mörder gemacht?

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Zwölf Verhandlungstage lang war der Angeklagte ein freier Mann – nach dem Urteil wird Hans-Dieter V. direkt ins Gefängnis gebracht.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam/Glindow. Ein Aufsehen erregendes Ende hat am Freitag der vor dem Landgericht geführte Mordprozess gegen den Potsdamer Hans-Dieter V. genommen: Noch im Verhandlungssaal wurde der 60-Jährige in Handschellen gelegt und von der Anklagebank direkt ins Gefängnis gebracht. Bis zum letzten Moment hatte Hans-Dieter V. abgestritten, den Glindower Brunnenbauer Joachim L. (55) im Juni 2009 auf einer gemeinsamen Geschäftsreise in Tschechien erschossen zu haben. Bevor ihn die Justizbeamten abführten, beantragte V. denn auch Revision und legte sofortige Beschwerde gegen den gegen ihn verhängten Haftbefehl ein.

Urteil ohne eindeutige Beweise

Das Urteil nahm der wegen Mordes in Tateinheit mit Betrug und Untreue Angeklagte ohne äußere Regung entgegen: Schuldig in allen Punkten. Die Strafe: Lebenslang. „Wir standen in diesem Verfahren vor einer großen Schwierigkeit“, sagte der Vorsitzende der 1. Großen Strafkammer, Richter Theodor Horstkötter: „Wir haben keine eindeutigen Beweismittel wie Tatzeugen, DNA, eine Tatwaffe. Aber wir haben so viele Indizien, die keinen begründeten Zweifel mehr offen lassen, dass Sie Joachim L. am 10. Juni 2009 in einem Waldstück zwischen Ostrava und Suchná Rudná ermordet haben.“

Alles zum Kopfschuss-Prozess

Verhängnisvolle Geschäftsreise: Brunnenbauer Joachim L. fand den Tod während einer Reise nach Tschechien. Er war vermögend, lebte aber sparsam.

Treffsicherer Angeklagter: Hans-Dieter V. ist ein guter Schütze, er gründete den Glindower Schützenverein mit und war aktiver und begeisterter Sportschütze.

Der Prozessauftakt: Schon zu Beginn der Verhandlung kommen Tatsachen an den Tag, die den Angeklagten in keinem guten Licht erscheinen lassen

Wie das Schwurgericht zu diesem Urteil gekommen ist, erklärte der Richter in einem zweieinhalbstündigen Vortrag. Entscheidend waren demnach das Motiv und die Persönlichkeit des Angeklagten sowie sein Verhalten nach der Tat. Der Angeklagte habe als Sportschütze zudem Zugang und ein Nähe zu Waffen. Auch gebe es keinerlei Hinweise auf einen unbekannten Dritten. Dass der Angeklagte im Internet zu Begriffen wie Todeszeitpunkt-Feststellung und Knochendichte recherchierte, als sich die Ermittlungen auf ihn fokussierten, und dass er sich bei seinem Versicherungsmakler erkundigte, ob seine Rechtsschutzversicherung auch bei einem Tötungsdelikt gedeckt sei, runde die Sache ab.

Aber: „Was hat einen Menschen wie Sie dazu gebracht, einen anderen Menschen zu töten? Das Tatmotiv war der Antrieb: Ihre Gier nach Geld, Ihr grenzenloser Bedarf an Geldmitteln“, so der Richter. Hans-Dieter V.s Vita zeige, dass er jederzeit bereit sei, für Geld Straftaten zu begehen: „Sie sind ein Mensch, der so kaltblütig ist, einen Menschen zu töten – auch wenn das jetzt das erste Mal in Ihrem Leben war.“

„Er geht über Leichen“

Joachim L., der nicht zuletzt wegen einer Erbschaft vermögend war, habe dem spielsüchtigen und schon seit Langem verschuldeten Angeklagten als Geldquelle gedient. Als diese zu versiegen drohte, habe Hans-Dieter V. den Plan gefasst, Joachim L. zu töten und sich so das Geld, das auf einem gemeinsamen Firmenkonto lagerte, zu sichern: „Sie überzeugten ihn, die Geschäftsreise anzutreten.“

Der Angeklagte und das spätere Opfer kannten sich seit den 90ern. Doch erst, als Joachim L. 2007 durch eine Erbschaft für Hans-Dieter V. interessant wurde, erschlich der sich laut Horstkötter das Vertrauen des späteren Opfers – so habe er es zuvor mit etlichen Menschen getan. Viele – zum Beispiel die ehemalige Lebensgefährtin und einige Geschäftspartner – hatten im Prozess ausgesagt und den Angeklagten als einen stets auf sich und den eigenen Vorteil bedachten Menschen beschrieben. „Er geht über Leichen“, sagte einer der Zeugen.

Täglicher Geldbedarf von mehr als 1000 Euro

Der bereits wegen Betrugs und falscher Versicherung an Eides statt verurteilte Angeklagte hatte Joachim L. erfolgversprechende Geschäfte in Osteuropa in Aussicht gestellt. „Dieser war verblendet von der Idee, mit Ihrer Hilfe im Ausland Geld verdienen zu können.“ Schließlich habe L. einen Großteil seines Vermögens in eine gemeinsame Firma in Polen eingebracht. Der Angeklagte transferierte immer wieder größere Beträge aufs eigene Konto, um Minusstände auszugleichen. „Für Sie stellte sich das als Hauptgewinn, als Volltreffer dar“, so Horstkötter. Joachim L. habe aber nur Verluste eingefahren und das auch bemerkt: „Er war nicht blauäugig, er hat den Geldfluss akribisch beobachtet.“ Dennoch gewährte er dem vermeintlichen Freund ein Darlehen über 135.000 Euro – dieser habe aber gewusst, dass er das Geld nicht zurückzahlen könne und er habe das auch gar nicht gewollt.

Als L. im Frühjahr 2009 misstrauisch wurde, spitzte sich die Situation für den Angeklagten zu. Dabei habe er nicht nur unter finanziellem, sondern auch unter privatem Druck gestanden, denn seine Ehefrau habe die Spielsucht und die einhergehenden Schulden – laut Gericht lag sein täglicher Geldbedarf zwischen 1000 und 2000 Euro – bemerkt. Joachim L. aber zog da schon Stück für Stück sein Vermögen aus der Firma ab.

Das Gericht folgte mit seinem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage. Die Verteidigung hatte einen Freispruch gefordert.

Haftbefehl wegen Fluchtgefahr

Die hohe Haftstrafe und die Schwere der Tat sind nicht die einzigen Gründe für den Haftbefehl gegen V. Eine Rolle spielen auch seine Verbindungen nach Osteuropa, v.a. nach Polen und Kasachstan, und die fehlende soziale Bindung. So gilt das Verhältnis zu seiner Herkunftsfamilie als zerrüttet. Er hat keinen Kontakt zu den drei Kindern aus erster Ehe. Von seiner zweiten Frau und der gemeinsamen Tochter lebt er getrennt. Das Gericht geht zudem davon aus, dass V., der von Sozialleistungen lebt, Geld im Ausland versteckt: Ein Großteil des von ihm veruntreuten Geldes ist verschollen.

Von Nadine Fabian

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