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Potsdam Kosmetik-Seminar: Mit Schönheit gegen den Krebs
Lokales Potsdam Kosmetik-Seminar: Mit Schönheit gegen den Krebs
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01:16 15.02.2019
Cornelia Merkel lernt nach der Krebs-Erkankung einen neuen Umgang mit ihrem Körper. Quelle: FOTOS (2): Stefan Gloede
Innenstadt

Früher färbte Cornelia Merkel ihre Haare immer hellblond. Bevor sie in ihrer Brust eines Tages diesen Knoten ertastete. Bevor sie dann eine Perücke tragen musste, um den kahlen Kopf zu verbergen. „Der Verdacht Brustkrebs hat sich gleich bestätigt“, sagt sie. Das war im April 2017.

Die 51-Jährige trägt silberne Kreolen, mehrere Ohrstecker und neongelbe Schuhe zu der blauen Jeansbluse. An ihrem Handgelenk ranken sich feine Tattoos. Nagelmodellagen, Haare färben, Tattoos – all das ist für Cornelia Merkel in der nächsten Zeit Geschichte. Der Kopf, sagt sie, weiß das auch. „Aber man muss es mal hören.“ Die Veränderungen zu begreifen, fällt ihr schwer. „Sie haben einen Giftcocktail bekommen – 15 Jahre braucht der Körper, um sich wieder zu regenerieren. Es ist ein totaler Eingriff“, erklärt Gabriele Häusler.

Sie leitet das Kosmetik-Seminar für Tumorpatientinnen in dem kleinen Raum der Brandenburgischen Krebsgesellschaft in der Charlottenstraße 57 gegenüber „Ernst von Bergmann“-Klinikums. „Wir sind hier keine Tupperparty“, sagt Gabriele Häusler mehrmals an diesem Nachmittag. „Etwas Frisches anziehen, sich wahrnehmen, zu spüren: ,Ich bin da’, das ist so wichtig.“

Jede Teilnehmerin hat einen kleinen grauen Beutel mit Schminkutensilien bekommen, vor ihnen steht ein Spiegel mit mehrfacher Vergrößerung. Cornelia Merkel sieht sich seitlich darin und schiebt ihn weg. „Man kann ihn auch umdrehen“, sagt Gabriele Häusler dann. Die Kosmetikerin erklärt die Pflege der jetzt so sensiblen Haut ganz genau. Keine Pinsel, in denen sich rasch Bakterien sammeln, keine schäumenden Waschseifen, keine übermäßige Chemie in der Pflege. Das angeschlagene Immunsystem nicht zu irritieren, hat jetzt oberste Priorität.

Kosmetikberaterin Gabriele Häusler (links) erklärt Lieselotte Kersch, wie sie sich schminken kann. Quelle: Stefan Gloede

Laut Tumorzentrum erkranken allein in Brandenburg 15 000 Menschen jährlich an Krebs. „Die Haare sind weg, zum Teil alle, auch die Haut, Schleimhäute und Nägel sind in Mitleidenschaft gezogen“, weiß Bianka Rohne, Geschäftsführerin der Brandenburgischen Krebsgesellschaft. Körper, Geist und Seele müssen wieder in Einklang gebracht werden. Das Seminar ist ein Baustein davon. „Als Betroffene möchte ich nicht so mies aussehen, wie ich mich fühle. Keiner möchte bemitleidet werden“, sagt Bianka Rohne. Mit dem Kurs nimmt man den Frauen das Gefühl fremdbestimmt zu sein. „Ich kann gut aussehen und mich pflegen. Das kommt auch im Gehirn an – dieser Effekt ist nicht zu unterschätzen.“

Seit fünfzehn Jahren bietet die Brandenburgische Krebsgesellschaft die Schminkkurse jetzt an, etwa fünfmal im Jahr finden sie statt. Bis zu zehn Teilnehmerinnen können in dem kostenfreien Seminar mitmachen. Mit dem Schminkkurs möchte man auch Mut machen. „Es geht um Lebensqualität – Krebs muss nicht das Ende der Fadenstange sein“, so Bianka Rohne. Der Verein bietet dabei die Räume, die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) stellt die Kosmetikerin. Die Produkte werden von den Kosmetikfirmen gespendet.

Selbstbewusstsein stärken

„Ist das zu dunkel?“, fragt Cornelia Merkel und zieht mit einem schwarzen Augenbrauenstift die Konturen nach. Gabriele Häuser erklärt, an welcher Nasenlienen sie sich orientieren müssen, um die Brauen natürlich aufzuzeichnen. „Es ist ungewohnt – aber deswegen bin ich ja hier“, sagt Cornelia Merkel. Im September hatte sie sich schon einmal für den Kurs angemeldet. Weil es ihr nicht gut ging, konnte sie dann aber doch nicht kommen. Damals hatte sie keine Haare, Wimpern und Augenbrauen. „Man denkt immer, man kommt da drumherum“, sagt Cornelia Merkel. „Haare, Nägel – das war schon immer mein Ding.“

Die Diagnose kam genau zum 50. Geburtstag, die geplante Reise nach New York mit ihrer Familie entfiel. Plötzlich blieb das Leben stehen. Während der Chemotherapie war die Speditionskauffrau aus Teltow sogar noch stundenweise arbeiten. „Man denkt dann nicht so viel darüber nach“, sagt die 51-Jährige. Die letzte Bestrahlung hatte sie im Dezember. „Jetzt bin ich aus dem Gröbsten raus“. Seit einigen Wochen hat sie nun wieder kurze, weiche Haare. Mit Zickzack Bewegungen trägt sie die Wimperntusche auf. So richtig funktioniert es noch nicht, die kurzen Haare am Lid lassen sich noch nicht mit der Bürste greifen.

Lieselotte Kersch sitzt ihr gegenüber und trägt gerade Make-Up aus dem Pumpspender auf. Schminken gehörte für die Seniorin bisher nicht dazu. „Auch nicht als junge Frau“, sagt. Nun sitzt sie in dem Seminar bei Gabriele Häusler. „Fühlt sich wie eine zweite Haut an“, sagt sie und lächelt in den Spiegel.

Es ist wie Theaterspielen, sagt Gabriele Häusler. „Wir lenken den Blick auf eine andere Richtung. Was hinter der Fassade ist, wissen nur Sie.“ Seit 25 Jahren gibt sie neben ihrer Arbeit im eigenen Kosmetikinstitut in Bornstedt ehrenamtlich Seminare für Krebspatienten. Sie weiß genau, welche Bedeutung es für die Frauen hat. „Es ist ein Drama für eine Frau schlechthin, wenn die Nägel und Haare weg sind. Jede Freude schiebt das Immunsystem an – das sind Streicheleinheiten für die Seele.“ Am Ende geht es bei dem Seminar auch um das Miteinander, den Austausch, das gegenseitige Mutmachen. „Sie strahlt jetzt richtig. Sie war am Anfang so abgespannt“, sagt Lieselotte Kersch begeistert zu einer Teilnehmerin. Alle sind sich einig: Es war ein interessanter Einblick – und Ausblick.

Von Anne Knappe

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