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„Morgens brennt hier die Luft“

Logistik „Morgens brennt hier die Luft“

Der Logistik-Riese Krage öffnete 1990 wegen eines Berliner Kunden einen Standort in Potsdam. Was mit 17 Lkw begann ist angewachsen auf: 80 Fahrzeuge, 115 fest angestellte Leute und 80 Subunternehmer. Für Krage selbst jedoch lohnt sich das Geschäft am Rande von Potsdam. Sein Umsatz 2014 belief sich auf 20 Millionen Euro.

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Bauen für die Logistik: Der Potsdamer Geschäftsführer Joachim Krage kann sich auf eine neue Lagerhalle freuen.

Quelle: Markus Sigmund

Potsdam. Kartons mit Werbefotos von Häckslern stehen im Lkw, daneben sind noch viele andere Kartons gestapelt, deren Inhalt nicht offensichtlich ist. Detlef Götsch läuft mit den Frachtzetteln umher. Ab und zu rollt er noch eine weitere Palette aus der großen Umschlaghalle heran. Seit neun Uhr belädt er seinen Siebentonner. Gleich geht die Tour zu den Einzelhändlern los. Nach Werder, nach Golm und Bergholz-Rehbrücke geht die Fahrt. „Seit 36 Jahren mache ich das schon“, sagt Götsch, dessen hohes Alter von 70 Jahren nur sein grauer Bürstenschnitt verrät. „Ich mache das gern, das ist mein Beruf.“ Nur den Verkehr in Potsdam mit den vielen Baustellen findet er grausam. „In Werder ist es genauso“, sagt Götsch. Doch er liebt den Job.

Der selbstständige Fahrer ist eines von der Urgesteinen des Logistikunternehmens Krage. Ohne Fahrer wie Götsch ginge nichts bei Krage – und ohne Krage im Industriegebiet Potsdam-Süd ginge vieles nicht beim Handel in der Region. Das Speditionsunternehmen mit Hauptsitz Langenhagen bei Hannover war eine der ersten Firmen überhaupt, die ihr Domizil im Nachwende-Potsdam aufschlugen. „Das hängt mit unserem damaligen Großkunden zusammen“, sagt Joachim Krage, einer der beiden Geschäftsführer des sehr traditionellen Familienunternehmens. Ein Zigarettenunternehmen brauchte ein Lager außerhalb Berlins. Krage kaufte den Speditionsteil des früher auf dem Potsdamer Gelände ansässigen Kraftverkehrsbetriebs auf. „Damit konnten wir unserem Kunden einen Lagerstand außerhalb Berlins anbieten“, sagt Krage. Und nicht nur das: Man hatte als Logistikunternehmen ein Standbein im Osten und eine Möglichkeit, die unglaublich konsumhungrige Metropole zu bedienen.

Der Logistik-Hotspot liegt weiter östlich

Die Spedition Greif in der Wetzlarer Straße 3 ist ein weiterer größerer Spediteur unmittelbar in Potsdam. Greif hat einen Fuhrpark von 122 Wechselfahrzeugen und einem Dutzend Sattelzugmaschinen. Speditionen dieser Größenordnung sind in Potsdam aber eher die Ausnahme. Die mecklenburgische Spedition Transporte und Logistik Theurer selbst ist zwar auch ein Großunternehmen, doch sie hat mit ihrer im Verkehrshof 2-4 ansässigen „TLT Berlin GmbH“ nur eine Filiale in der Landeshauptstadt. Der Hauptsitz der Firma liegt in Lübesse.

Großbeeren (Teltow-Fläming) ist dagegen ein absolutes Logistikzentrum in der Nähe zu Potsdam. Obwohl die Gemeinde selbst gerade mal rund 8300 Einwohner hat, ist das 1998 erbaute und 2005 erweiterte Güterverkehrszentrum Großbeeren (GVZ) mit seinem Container-Umschlagbahnhof und den zwei Portalkränen ein wichtiger Knotenpunkt für die Versorgung Berlins. Das GVZ Berlin Süd gehört laut Zukunftsagentur Brandenburg zu den Besten der Branche und belegt im nationalen Ranking der Deutschen GVZ-Gesellschaft Platz drei.

Was 1990 mit 17 Lkw begann ist heute angewachsen auf ein Betrieb mit 80 Fahrzeugen, 115 fest angestellten Leuten und 80 Subunternehmern. Zu Letzteren gehört zum Beispiel auch der Fahrer Detlef Götsch. Neben dem Verwaltungsgebäude dominieren die große Umschlaghalle, das sogenannte Crossdocking und einige Lagerhallen das und 11 000 Quadratmeter große Areal. Das reicht nicht mehr. Bald wird eine weitere Lagerhalle von 2500 Quadratmetern eröffnet. Den ganzen Tag über, aber besonders frühmorgens kommen die Riesenlaster von der Autobahn und liefern ihre Ladung im Crossdocking ab, von wo aus sie auf die kleineren Lkw verladen wird, die dann zu den Märkten und Einzelhändlern fahren. „Die Industrie, die hierher liefert, bringt zu 99 Prozent Konsumgüter“, sagt Krage. „Das liegt an Berlin mit seiner Wucht an Verbrauch.“

Solche Lieferketten müssen koordiniert und verwaltet werden. Das ist die hohe Kunst der Logistik. Im Verwaltungsgebäude residieren die sogenannten Expedienten und die Disponenten. Die Expedienten sind die Leute, die die Transporte kaufmännisch abwickeln, die Disponenten sind diejenigen, die den Lkw-Fahrern sagen, was sie zu laden haben. Bei Krage Potsdam sitzen sie in einem Raum hinter einer Glasscheibe mit dem Aufdruck „Disposition“.

Täglich rollen die Transporter im Crossdocking ein und aus

Täglich rollen die Transporter im Crossdocking ein und aus.

Quelle: Markus Sigmund

„Morgens brennt hier die Luft“, sagt der 22-jährige Sebastian Neumann. Neumann ist Azubi und zugleich BWL-Student der Wirtschaftsakademie der IHK. Er ist jetzt genau zwei Jahre in der Ausbildung. Tag und Nacht sei die Disposition besetzt. Meist arbeiteten hier drei bis vier Leute am Computer. Nur am Sonntag sei der Raum für ein paar Stunden geschlossen. Neumann, der auch schon dort gesessen hat, findet den Job in der Disposition sehr spannend. „Da kriegt man mit, womit wir eigentlich unsere Brötchen verdienen und ob die Fahrer ihren Job gut machen.“

Ohne Computerprogramme läuft in der Disposition, aber erst recht bei den Expedienten nichts mehr. „Im Grunde sagt uns unsere Software, wie viel wir haben und wo es sich befindet“, erklärt Krage. Was noch in den 70er auf rote Karteikarten für eingehende Waren und auf blaue Karten für ausgehende Wagen geschrieben wurde, wird bei Krage schon seit Anfang der Achtziger in den Computer getippt. „Wir können heute jederzeit nachweisen, wie viel von jedem Artikel sich bewegt“, sagt Krage.

Krage ist eine sogenannte Linienspedition, die als Mitglied des deutschen Logistiknetzwerkes IDS immer die selben Strecken mit den selben Kapazitäten abfährt. „Die Kunst ist es, diese Kapazitäten optimal auszulasten“, erklärt der Chef. Das Unternehmen schafft das, indem es gute Kontakte zu den Kunden hält. Im Potsdamer Zentrum werden Fahrer auch schon mal angewiesen, ausnahmsweise mal eine Viertelstunde früher anzuliefern, damit der Kunde rechtzeitig mit seiner Betriebsversammlung beginnen kann. „Der Kundschaft muss es Spaß machen, mit uns zu arbeiten“, sagt Krage. Was Krage nämlich verliert greifen andere Logistikunternehmen begierig auf. Die Konkurrenz in der Hauptstadtregion ist groß. Die Rieck-Gruppe hat zum Bespiel mit ihrem Standort Großbeeren auch ein Bein in der Tür.

Ein Hotspot der Logistik wird die Landeshauptstadt wohl nicht. Das sagen nicht nur Experten, das sagt auch Joachim Krage selbst. Dazu fehlen Infrastrukturen wie Güterverkehrnetzwerke und Autobahnkreuze in alle Richtungen oder ein großer Hafen. Deshalb redet man auch bei der Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB) nicht vom Logistikstandort Potsdam. Wohl aber vom Logistikstandort Berlin-Brandenburg. Die Hauptstadt selbst ist ein Drehkreuz des Logistiknetzwerkes IDS. Daneben gibt es in Frankfurt (Oder), in Großbeeren (Teltow-Fläming) und in Wustermark (Havelland) große Güterverkehrszentren. Für Krage selbst jedoch lohnt sich das am Rande Potsdam situierte Geschäft. Sein Umsatz im vergangenen Jahr belief sich auf 20 Millionen Euro.

Von Rüdiger Braun

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