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Kritzler hören besser zu

So wird Geistige Aktivität gefördert Kritzler hören besser zu

Wer Kreise, Kästchen oder Schnecken malt, während er einem Vortragenden zuhört, wirkt unhöflich und unaufmerksam. Zu Unrecht, wie Experten herausgefunden haben. Kritzeln ist ein gutes Mittel, um die Konzentration wach zu halten. Das gilt bei Konferenzen genauso wie in der Schule. Gleichzeitig verrät die unbewusste Nebenbeschäftigung auch noch einiges über ihren Urheber.

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Auch in der Redaktion der Märkischen Allgemeinen wird gekritzelt.

Quelle: Gestaltung: D. Scheerbarth

Potsdam. Der Vortrag zieht sich hin. Mitschreiben ist nicht notwendig, weil alle Konferenzteilnehmer ein ausführliches Skript vor sich liegen haben, aber bei manchen bewegt sich der Stift dennoch über das Papier. Sie kritzeln. Kästchen oder Kreise, manchmal auch Blumen, Sterne oder Gesichter.

Experten wissen inzwischen: Die scheinbar unhöfliche Nebenbeschäftigung ist in Wirklichkeit ein gutes Mittel, um die Konzen­tration wach zu halten. „Das ist eine Art Übersprungshandlung“, erklärt Humanwissenschaftlerin Julia Festman von der Universität Potsdam. Die geistige Anspannung wird durch die unbewusste Bewegung abgemildert. Gleichzeitig wird der Geist daran gehindert, in Tagträumereien abzugleiten. Nicht jeder kritzelt, manche halten ihre Hände ganz ruhig, andere spielen etwa mit einem Kugelschreiber oder kippeln mit dem Stuhl. Wer aber kritzelt, der hat sich in der Regel ein hochindividualisiertes Muster dafür angewöhnt, so Festman. Das heißt zum Beispiel, dass jemand, der Kästchen malt, in aller Regel dauerhaft bei seinen Kästchen bleibt und nicht beim nächsten Mal zu Blumen oder Gesichtern wechselt.

Kritzeln für die Aufmerksamkeit

Offenbar ist Kritzeln eine besonders effektive Methode, die Aufmerksamkeit zu erhalten. Das fand die britische Psychologin Jackie Andrade von der Universität Plymouth im Jahr 2009 bei einem Gedächtnistest heraus. Die Teilnehmer hörten eine monotone Nachricht ab, in der aufgezählt wurde, wer alles zu einer Party kommen würde und wer abgesagt hatte. Die eine Hälfte, die beim Abhören der Nachricht kritzeln durfte, behielt 29 Prozent mehr Informationen als die Vergleichsgruppe. Der Psychologe Alfred Gebert von der Fachhochschule des Bundes in Münster fand heraus, dass diejenigen seiner Studenten, die während der Vorlesung kritzelten, bei Tests überdurchschnittlich gut abschnitten.

Das könnte auch für die Schule eine Rolle spielen. Bisher sehen es Lehrer in der Regel gar nicht gerne, wenn Kinder im Unterricht ihre Hefte vollkritzeln. Möglicherweise zu Unrecht, denn die Nebentätigkeit hält auch bei Schülern die Aufmerksamkeit auf einem höheren Niveau. „Wer kritzelt, schläft nicht ein, sondern sucht nach einer Möglichkeit, mental am Ball zu bleiben“, sagt Julia Festman. Im klassischen Frontalunterricht sind die Schüler mit ihren Händen oft wenig beschäftigt. Wer unbewusst kritzelt, ist geistig aktiver und bringt auch seine kreative Seite stärker ein. Nicht von ungefähr würden moderne Formen der Gruppenarbeit wie Mind-Mapping mit Formen der Visualisierung arbeiten, mit denen wie beim Kritzeln nicht nur das rationale Denken, sondern auch Kreativität und Fantasie angesprochen werden.

Stirbt das Kritzeln aus?

All das könnte allerdings verloren gehen, wenn Notizen nicht mehr auf Papier, sondern digital gemacht und meist getippt werden. „Wenn sich das verbreitet, stirbt das Kritzeln langsam, aber sicher aus“, erwartet Julia Festman. Ihre Beobachtung: Wenn Studenten, die ein Tablet zum Notieren benutzen, ihre Gedanken abschweifen lassen, dann googlen sie zum Beispiel nebenbei Fachbegriffe, checken E-Mails oder schreiben sie sogar. Das alles beansprucht zum einen mehr Aufmerksamkeit als Kritzeln und lenkt darum stärker ab, zum anderen werden damit keine kreativen Impulse aus dem Unterbewussten angesprochen. Einige Tüftler haben zwar inzwischen eine App entwickelt, mit der sich Kritzeleien digital an Tablet oder Handy anfertigen lassen. Aber Julia Festman glaubt nicht, dass das etwas Vergleichbares wäre.

Die Wissenschaftlerin steht auch Überlegungen, bei Kindern auf das Erlernen der Handschrift zu verzichten, sehr kritisch gegenüber. „Schreiben ist ein hochkomplexer Vorgang, der die Mühe Wert ist“, erklärt sie. Ein Wort lesbar in Handschrift aufs Papier zu bringen, erfordert lange Übungen. Das Kind muss den Stift richtig halten, ihn im richtigen Schwung und mit dem richtigen Druck führen. Eine Computertastatur zu bedienen ist dagegen viel simpler. Während daher beim Schreiben mit der Hand das Gehirn vielschichtig gefordert ist, stellt Tastaturschreiben weniger Ansprüche. Und dem Produkt, dem geschriebenen Text, fehlt auf dem Computer eine ganze Reihe von Ausdrucksmerkmalen, die ein handschriftlicher Text noch mitbringt. Ganz abgesehen von der Frage, ob Kritzeleien am Rand dem Denkprozess weitergeholfen haben.

Persönlichkeit wird sichtbar

Weil
nicht bewusst gesteuert sind, lässt sich an ihnen oft etwas über die Persönlichkeit des Urhebers ablesen, erklärt der Psychologe und Kunsttherapeut Georg Franzen aus Celle. Das Bewusstsein ist beim Vortrag, das Unbewusste lebt sich auf dem Blatt aus. Therapeuten können die Zeichnungen deuten. „Das ist ähnlich wie bei Träumen“, sagt Franzen.

Starre oder weinende Augen beispielsweise können auf eine depressive Verstimmung hindeuten, so der Psychologe. Messer oder scharfe Formen sind möglicherweise Anzeichen für aggressive Stimmungen und sollten ernst genommen werden.

Kästchen verraten einen sehr rationalen Charakter. Wer dagegen Blumen malt, fühlt sich offenbar in Harmonie mit seiner Umgebung. Schnecken auf dem Papier könnten eine gewisse Ungeduld verraten. Auf jeden Fall seien die Kritzeleien hilfreich, um Spannungen abfließen zu lassen und dadurch zu entlasten, so Franzen.

Von Ulrich Nettelstroth

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