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Potsdam Künstler schütten ihr Füllhorn aus
Lokales Potsdam Künstler schütten ihr Füllhorn aus
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21:32 08.02.2019
Das ist der Siegerentwurf für einen der Neubauten am Standort der abgerissenen Fachhochschule am Alten Markt. Die Arbeit des Berliners Wolf von Waldow besteht aus mehreren Teilen Quelle: Stefan Gloede
Innenstadt

Mehr als 50 künstlerische Entwürfe erreichten die Wohnungsgenossenschaft „Karl Marx“ im vergangenen Jahr. Sie hatte einen bundesweiten Wettbewerb für die Fassadengestaltung eines prominenten Neubaus direkt neben der Nikolaikirche ausgelobt. Am Freitag wurden der Siegerentwurf des Berliner Künstlers Wolf von Waldow und erstmals auch weitere Entwürfe im Potsdam-Museum öffentlich vorgestellt.

Die weibliche Darstellung des Überflusses wurde von den Künstlern zum Teil bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert.

„Dieser Wettbewerb sollte beispielgebend sein und Nachahmer finden“, wünschte sich Potsdams Baubeigeordneter Bernd Rubelt (parteilos) bei der Präsentation des Siegerentwurfs. Schon im Vorfeld war von Waldows Arbeit bekannt geworden (MAZ berichtete) und erntete wegen seiner Modernität neben viel Lob auch Kritik.

Der Siegerentwurf besteht aus drei Teilen – den Figuren auf dem Dach, einem herabfallenden Koffer und einem rund sechs Meter breiten Fries über dem Haupteingang. Quelle: Stefan Gloede

Das fragliche Haus mit der Adresse Am Alten Markt 13/14 gehört zum Block III, der ab 2020 an Stelle der früheren Fachhochschule wiedererrichtet werden soll. Das Eckhaus, das sich bis zur Kriegszerstörung 1945 dort befand, wurde 1797 zwei Jahre nach einer Brandkatastrophe errichtet.

Seitdem erinnerte an das Unglück eine weibliche Darstellung des Überflusses mit einem Füllhorn auf dem Dach und ein fast sechs Meter langer Fries über dem Haupteingang mit Kinderfiguren, die ein Feuer löschen. Ein kleines Fragment des Frieses befindet sich im Bestand des Potsdam-Museums.

Der Kirchenbrand von 1795

Die künstlerische Gestaltung des Eckhauses geht auf den Brand der benachbarten Nikolaikirche am 3. September 1795 zurück. Die Chronik berichtet, dass damals bei Reparaturen das Lötfeuer der Arbeiter außer Kontrolle geraten war. Dabei wurde die bis 1724 von Philipp Gerlach erbaute Barockkirche vollständig zerstört. Auch einige umliegende Bürgerhäuser wie das Eckhaus am Alten Markt 13/14 brannten ab.

Bis zum Neubau der Nikolaikirche in der heutigen Form nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel vergingen wegen Thronwechseln und Kriegsjahren noch mehrere Jahrzehnte. Erst 1837 wurde die heutige Nikolaikirche geweiht. Ihre mächtige Kuppel erhielt sie 1850.

Der zweite Teil des Werks ist ein sechs Meter breiter Fries über dem Haupteingang. Er zeigt Menschen, die einerseits mit den herabgefallenen Gegenständen spielen. Zugleich bricht ein Feuer aus, das von ihnen nicht bemerkt wird. Ein Fragment des Frieses von 1797 hat der Künstler eingearbeitet. Quelle: Von Waldow

Der Gewinner des Wettbewerbs

Das Haus erhält einen mehrteiligen, scherenschnittartigen Schmuck aus der Hand von Waldows, der von der Geschichte des Ortes inspiriert ist. In seiner Darstellung wird der Überfluss der Zivilisation vom Dach des Hauses ausgeschüttet und weggeworfen. Im Fries über dem Eingang gerät die Welt erneut in Brand. „Der Entwurf zeigt, dass unser Haus keine schiere Rekonstruktion wird und passt zu uns. Die Fragen von Frieden, Krieg, Wirtschaft und Globalisierung spiegeln die Wirklichkeit unserer Zeit wider“, sagte Genossenschaftsvorstand Sebastian Krause zum Siegerentwurf.

Die Wettbewerbs-Jury unter Vorsitz der Potsdamer Künstlerin Annette Paul bewertete insgesamt acht Entwürfe. Zweitplatzierter wurde Matthias Braun aus Würzburg, der sich die Frage gestellt hat, wer der Bauherr ist und seine Arbeit „Menschen sind unser Gold“ nannte. Dabei sollten zwei Mitglieder der Genossenschaft als vergoldete Figuren auf dem Dach des Hauses thronen. Im Fries hätten weitere Mieter in sehr moderner Anmutung ein Feuer gelöscht. Hier hatte die Denkmalpflege allerdings Bedenken wegen der Konkurrenz zu den goldenen Figuren auf dem Alten Rathaus und dem Fortunaportal.

Matthias Braun aus Würzburg wollte Mitglieder der genossenschaft vergoldet auf das Dach setzen. Quelle: Braun

Rekonstruktion verworfen

Auch der Potsdamer Bildhauer Eckhart Böhm hatte sich am Wettbewerb beteiligt und eine Rekonstruktion des originalen Figurenschmucks vorgeschlagen. „Es wurde aber schnell deutlich, dass eine Rekonstruktion ohne Bezüge zur Gegenwart nicht unsere Genossenschaft repräsentiert“, so Krause. Deshalb sei der Vorschlag nicht so hoch wie die zeitgenössischen Arbeiten bewertet worden. Zudem habe Böhm den gesteckten Kostenrahmen von 50 000 Euro mit der Wiederherstellung um ein Vielfaches überschritten.

Das Originalfragment aus Sandstein befindet sich in der Dauerausstellung des Potsdam-Museums. Man erkennt feuerlöschende Putten. Quelle: Stefan Gloede

So geht es im Block III weiter

Neben den Fragen der künstlerischen Gestaltung spielte auch das weitere Geschehen auf dem Baufeld eine Rolle. „Wir sind gerade dabei, uns als Bauherrengemeinschaft zu finden“, sagte Krause. Insgesamt sechs verschiedene Eigentümer bebauen das Karree. „Wir müssen die Baulogistik abstimmen, denn es gibt nicht viel Platz“, erklärt er. Dabei soll alles möglichst in einem Zug bebaut werden. Begonnen wird dabei mit der Bewohnertiefgarage – auch hier gebe es laut Krause noch Verhandlungen um rechtliche und technische Fragen.

„Wir starten die Genehmigungsplanung und wollen Mitte des Jahres die Bauanträge stellen“, sagte Krause. Laut Rubelt soll im Herbst die Baustraße eingerichtet werden, so dass spätestens Anfang 2020 der eigentliche Baustart gefeiert werden kann. Kampfmittel wie Bomben-Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg werden auf dem Baufeld nicht mehr erwartet.

Aufruf an die Potsdamer

Die Archäologen haben dagegen noch Hoffnung auf Funde. Unterhalb der historischen Schienen, die kürzlich entdeckt wurden, wird nun nach älteren Artefakten gesucht. In dem Bereich wurde in der Nachkriegszeit bereits ein historisches Richtschwert gefunden – und auch das erhaltene Fragment des Sandsteinfrieses mit den löschenden Kindern. Rubelt rief daher am Freitag die Potsdamer dazu auf, eventuell erhaltene Fragmente der Häuser rund um die Nikolaikirche zur Verfügung zu stellen, damit sie dokumentiert und abgegossen und dann bei der Gestaltung des Blocks IV verwendet werden können.

Von Peter Degener

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