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Potsdam Hände hoch! – Kulturtage der Gehörlosen in Potsdam
Lokales Potsdam Hände hoch! – Kulturtage der Gehörlosen in Potsdam
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07:42 18.05.2018
Die Digitalisierung macht für Gehörlose vieles leichter: telefonieren zum Beispiel – und das müssen Nicole Fleischer und Jürgen Schuster vom Organisationsteam während der Kulturtage am laufenden Band. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Hände können zupacken und streicheln, können gefaltet im Schoß liegen und arbeiten. Hände können schenken und wegnehmen, können kalt sein und warm, weich und rau. Können mit Dreck beschmiert sein und nach Seife duften. Hände können reden. Das tun sie eigentlich immer. Wer aber hören kann, achtet meist nicht auf all die großen und kleinen Dinge, die Hände sagen. – Wer das ändern möchte, hat jetzt einmalig leicht Gelegenheit dazu, denn Potsdam ist Gastgeber der Deutschen Kulturtage der Gehörlosen.

Die Kulturtage finden nach ihrer Premiere 1993 in Hamburg und den Stationen Dresden, München, Köln und Erfurt zum sechsten Mal statt. Sie sind die größte Begegnungs- und Informationsplattform für Gehörlose, für Gebärdensprachnutzer und hörbehinderte Menschen in Deutschland – und für alle, die sich für Gebärdensprache und die Gehörlosenkultur interessieren. „Wir erwarten 2500 Besucher“, sagt der Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes Helmut Vogel – natürlich mit seinen Händen. „Wir feiern ein großes Familienfest – wir feiern unsere Sprache und unsere Kultur.“ Auch Hörende, betont Vogel, sind dazu eingeladen: „Wir wollen uns nach außen öffnen und transparent machen, was wir sind, was wir können und was wir wollen.“

„Wir wollen nicht unsichtbar sein“

In Deutschland leben etwa 80 000 Gehörlose. Zwei von ihnen sind Nicole Fleischer (45) und Jürgen Schuster (63) aus Potsdam. Sie haben die Kulturtage, die in der Metropolishalle am Filmpark Babelsberg stattfinden, mitorganisiert – ehrenamtlich, mit größter Vorfreude und Spannung. „Wir Gehörlosen sind ein Teil der Gesellschaft“, sagt Nicole Fleischer. „Wir wollen nicht unsichtbar sein.“

Nicole Fleischer ist seit Geburt an taub – als einzige in der Familie. Sie war zehn Monate alt, als ihre Eltern stutzig wurden: Ein Luftballon war geplatzt neben der kleinen Nicole geplatzt – das Mädchen aber zuckte bei dem Knall nicht einmal... Auch Jürgen Schuster ist in seiner Familie, der einzige, der nichts hören kann. „Ich hatte mit 18 Monaten eine Gehirnhautentzündung – das war’s“, sagt Schuster. Seine Gebärden sind leicht und elegant.

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Zum 6. Mal finden die Deutschen Kulturtage der Gerhörlosen statt. Zum ersten Mal in Potsdam. Zur Eröffnung gab’s Applaus. Wie der auf Gebärdensprache funktioniert? Ganz einfach: Hände zum Himmel und kräftig schütteln!

Die Sprache der Gesten und Mimik, diese Sprache, die ohne viel Geplänkel aus- und daher schnell zum Punkt kommt und dennoch nicht ohne Poesie ist, ist nicht nur ein Kommunikationsmittel, sie ist eine Grundfeste der Gehörlosenkultur. „Wir wissen, das unsere Gebärdensprache und unsere Gehörlosenkultur genauso wertvoll und vor allem gleichwertig sind wie die deutsche Sprache und Kultur“, sagt Helmut Vogel. Allerdings sei diese Gleichwertigkeit noch keine gesellschaftliche Realität. „Was oftmals fehlt, ist das Wissen darüber und dem folgend die konkrete sozialpolitische Umsetzung“, so Vogel. Auch wenn die Digitalisierung vieles leichter mache – vor allem in der Bildung stoßen Gehörlose auf Barrieren; sie türmen sich aber auch bei den einfachsten Dingen des Alltags auf.

Eine große Hoffnung

Mit den Kulturtagen ist daher auch eine große Hoffnung verknüpft: Gehörlose und Hörende sollen sich begegnen und kennenlernen, sie sollen Vorbehalte abbauen und Verständnis füreinander entwickeln. Nur über den Dialog könne man eine inklusive und barrierefreie Gesellschaft schaffen, sagt Vogel: „Wir sind der Überzeugung, dass Austausch und Begegnung die wichtigste Voraussetzung ist für Inklusion.“ Inklusion aber funktioniere ohne Gleichwertigkeit nicht.

Sich begegnen und austauschen, miteinander diskutieren, Spaß haben und letztlich gemeinsam ein Stück weiterkommen – das alles soll das Programm, das die Veranstalter zusammengestellt haben, ermöglichen. 90 Referenten sind nach Potsdam eingeladen, über sozialpolitische, gesellschaftliche und kulturelle Themen zu berichten. 40 nationale und internationale Künstler treten an, die Besucher zu unterhalten, sie zu amüsieren, zu rühren und anzuregen. 55 Aussteller schlagen ihre Info-Stände auf. Zwei Talkshows, ein Quiz und diverse Stadtrundfahrten sind angesetzt. Ein Foto- und Filmwettbewerb ist ausgelobt, eine Kunstausstellung aufgebaut, ein Gala-Abend geplant. Weil der Gehörlosen-Community Inklusion ein wichtiges Anliegen ist, hat sie übrigens für Barrierefreiheit für ihre hörenden Besucher gesorgt: Dolmetscher begleiten die Kulturtage und übersetzen alle Veranstaltungen in die Deutsche Sprache. Auch Taubblindenassistenten sind vor Ort.

Höhepunkt der Kulturtage ist das „Fest der Hände“, das am Sonnabend mitten in Potsdam auf dem Luisenplatz steigt. Ein Sign Mob – also ein Flash Mob in Gebärdensprache – soll eine La-Ola-Welle durch die Brandenburger Straße schicken und so das erste Eis brechen. „Hände hoch!“ heißt es dann auch für die beiden Potsdamer vom Orga-Team. „Ich bin mir sicher, dass es für Hörende super ist, zuschauen und die Gebärdensprache selbst ausprobieren zu können“, sagt Nicole Fleischer. „Unsere Sprache ist wirklich schön.“

Spaß haben und lernen beim „Fest der Hände“

Begegnen, zuschauen, informieren, Gebärden – darum geht es beim „Fest der Hände“, zu dem der Deutsche Gehörlosen-Bund und der Landesverband der Gehörlosen Brandenburg für Samstag einladen. Gefeiert wird von 13 bis 16 Uhr auf dem Luisenplatz.

Um 13.30 Uhr beginnt das Bühnenprogramm mit dem Moderator Kay Schröter vom Landesverband. Das „Zentrum für Kultur und Visuelle Kommunikation der Gehörlosen“ (ZFK) aus Potsdam und Stadtführer Jürgen Schuster zeigen verschiedene Gebärden, u.a. zur Stadt Potsdam.

Um 14 Uhr startet am Vorplatz des Brandenburger Tore ein „Sign Mob“ – also ein ein Flash Mob in Gebärdensprache, der sich entlang der ganzen Brandenburger Straße zieht. Eine La-Ola-Welle aus Händen rollt sich dann vom Brandenburger Tor bis zur Friedrich Ebert-Straße und zurück.

Nachdem Luftballons mit dem Logo der 6. Kulturtage aufgestiegen sind, kann um 15 Uhr das Publikum einige Gebärden lernen und rund um das Thema Gebärdensprache und Gehörlosenkultur Fragen stellen.

Von Nadine Fabian

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