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Potsdam Kunst aus Iran im Waschhaus-Kunstraum
Lokales Potsdam Kunst aus Iran im Waschhaus-Kunstraum
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10:53 14.07.2017
Hoda Zarf: „The Melancholy of Mundane“. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Eine Frau, klein und allein auf einem verschlissenen Stuhl im größten Raum der Galerie, der Rücken zur Tür, das Gesicht zum Fenster. Kopf und Rumpf sind verschwunden unter einer Wulst von bunten Würsten aus Stoff. Ist das eine Medusa? Sehen so vielleicht Gedanken aus? Mit ihren giftig grünen Gummihandschuhen hält sie einen dicken Zopf.

„The Melancholy of Mundane“ wurde diese Installation aus Second-Hand-Material genannt – Melancholie des Banalen. Der Zopf ist ab. Hoda Zarf, die Schöpferin dieser verstörenden Gestalt, ist eine von insgesamt zwölf Künstlern aus dem Iran, die ab Freitag im Waschhaus-Kunstraum ausstellen. „Possible Worlds“ ist der Titel dieser Schau – Mögliche Welten.

Kuratorin Nicoletta Torcelli ist in Freiburg im Breisgau tätig, der, wie sie sagt, einzigen deutschen Kommune mit einer Partnerstadt im Iran. Isfahan ist mit 1,8 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes. Iman Izadinia stammt von dort. Sein „Zero Sum Game“, sein Nullsummenspiel zaubert eine Eiseskälte in die Galerie.

Iman Izadinia: „Zero Sum Game“. Quelle: Bernd Gartenschläger

Mit Stift und Wasserfarbe skizzierte er auf 45 Karobögen meist blutige Ereignisse, die sich ins kollektive Gedächtnis der Weltgeschichte brannten: Revolutionen, Demonstrationen, Diktatoren, Erschießungen, in ein Koordinatensystem mit lauter Nullen an den Achsen. Als Deutscher erkennt man Wehrmachtssoldaten beim Einreißen des polnischen Schlagbaums und Holocaust-Organisator Adolf Eichmann auf der Anklagebank hinter Panzerglas. Zu jedem Bild gibt es einen Ordner mit Material. „Adolf Eichmann, you are charged...“. Einige Blätter weiter Spekulationen über Hitlers Flucht nach Argentinien.

2004 hat Nicoletta Torelli die erste Ausstellung mit iranischen Künstlern kuratiert. Das Land, von dem wir so wenig wissen, hat sie seither nicht mehr losgelassen. Es sei „sehr modern“, ein „sehr gebildetes Land“. Analphabetismus gebe es nicht, die Hälfte aller Studenten seien Frauen. Aber war da nicht was? Richtig: Keine Ausstellung ohne Zensur. Religionskritik ist tabu, Nacktheit ebenso. Und doch bietet die zeitgenössische Kunst aus Isfahan und der Acht-Millionen-Menschen-Metrolpole Teheran, einen eigenen, vielschichtigen, kosmopolitischen Blick auf unsere Welt.

Kuratorin Nicoletta Torcelli (2.v.l.) mit Künstlern in der Installlation „Road Kill“ von Arya Tabandehpoor (vorn). Quelle: Bernd Gartenschläger

Scherben gleich liegen zwei Dutzend ausgemusterte iPhones mit zerbrochenen Displays über den Boden verteilt, auf jedem von ihnen ist, wenn man sich bückt, ein anderes totgefahrenes Tier zu sehen. Katzen, Hunde, Füchse, Ratten, Vögel. „Road Kill“ hat Arya Tabandehpoor diese Installation über Voyeurismus und Vergänglichkeit genannt, die ebenso ein Gleichnis für die alles zermalmende Walze der menschlichen Zivilisation ist.

Schmerz liegt in den Ölbildern der Serie „Wish you were here“, die Samira Eskandarfar gestorbenen Freunden widmete. Ein schlummernder Engel für eine Freundin, die Engelsfiguren liebte, eine Mondkugel für einen Regisseur, der bei Vollmond nicht schlafen konnte, das schwarz-weiße Bild einer Frau mit schwarzem Kopftuch über einem Ölzweig. Für die geliebte Großmutter. Rabiat ist „I’m not me – You need me“, ein Selbstporträt der Künstlerin auf knallrotem Grund mit schwarzer Sturmhaube, die einem umgedrehten Tschador gleich nur den Schmollmund freigibt, den Rest des Gesichts verbirgt.

Bild aus der Serie „Wish you were here“ von Samira Eskandarfarie. Quelle: Bernd Gartenschläger

„Possible Words“ ist die vierte Ausstellung allein mit iranischen Künstlern, die Nicoletta Torcelli kuratiert, es ist ihre erste Iran-Ausstellung außerhalb von Freiburg. Der Kontakt zum Kunstraum kam über Waschhaus-Chef Siegfried Dittler, den sie aus seiner Zeit als Chef des E-Werks in Freiburg kennt, ein dem Waschhaus vergleichbares Kulturzentrum. Es ist überhaupt das erste Mal, dass Kunst aus dem Iran in Potsdam gezeigt wird. Der Waschhaus-Kunstraum öffnet damit ein weiteres Mal nach der jüngsten Sommerschau „Guns and Roses“ mit zeitgenössischer Kunst aus China ein Fenster zur Welt.

Videoprogramm und Rundtisch-Gespräch

Vernissage im Waschhaus-Kunstraum, Schiffbauergasse, am Freitag um 19 Uhr.

Die Ausstellung läuft bis zum 27. August, geöffnet mittwochs bis sonntags von 13 bis 18 Uhr.

Am Sonntag, 16. Juli, gibt es um 16 Uhr ein Videoprogramm und ein Rundtisch-Gespräch.

Von Volker Oelschläger

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