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Kunst aus der Glasnost-Zeit

Villa Schöningen in Potsdam Kunst aus der Glasnost-Zeit

Eine der ersten Ausstellungen der von Henri Nannen gegründeten Kunsthalle Emden präsentierte vor knapp 30 Jahren Werke von systemkritischen sowjetischen Künstlern. Die Ausstellung war eine Sensation, denn über die Nonkonformisten im Untergrund war in der deutschen Öffentlichkeit bis dahin fast nichts bekannt. Nun sind die Werke in der Villa Schöningen in Potsdam zu sehen.

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Das Ölgemälde „Übergang“ von Alexej Alexejewitsch Sundukow in der Mitte des Saals der Villa Schöningen zeigt ein Volk im Tunnel.

Quelle: Friedrich Bungert

Potsdam. Unendlich traurig und abgründig komisch ist die 1971 von Oleg Alexandrowitsch Wukolow gemalte „Beerdigung“, ein kleiner, dicht gedrängter Trauerzug mit offenem Sarg tief unten auf nassgrauem Schnee, der von drei Musikern verfolgt wird. Vorneweg marschiert der Paukenist, dessen stoischer Krach wohl die schütteren Friedhofsbäume erzittern lässt. Wukolows ist eine der ältesten von rund 50 Arbeiten, die 1987/88 in der Ausstellung „Die neue Freiheit der sowjetischen Maler“ in Emden gezeigt wurden.

Der Ausstellung voraus ging eine Entdeckung. Henri Nannen (1913-1996), der Gründer und langjährige Chefredakteur des Magazins „Der Stern“, kam Anfang der 1980er Jahre in Moskau erstmals in Kontakt mit der nonkonformistischen Kunst des Untergrunds. Noch galt im sowjetischen Kunstbetrieb das von Stalin verabschiedete und von Breschnew erneuerte Dogma des Sozialistischen Realismus. Die Existenz einer Gegenkultur war für Nannen, der die Sowjetunion als Journalist seit den 1950er Jahren immer wieder einmal besucht hatte, eine Überraschung.

1986 trug er auf Streifzügen durch Ateliers in Moskau und Leningrad/St. Petersburg eine Sammlung mit Werken dieses neuen russischen Realismus zusammen, die er als eine der ersten Ausstellungen in der von ihm errichteten Kunsthalle Emden vorstellte. Zum 30. Jubiläum der Kunsthalle wird sie erstmals im Großraum Berlin gezeigt. Die Ausstellung ist in der Villa Schöningen in Potsdam bis zum 26. Februar zu sehen.

Tristesse, Sinnlosigkeit und absurde Konfrontationen beherrschen die Räume der Galerie. In „Kreuzworträtsel“ (1985) zeigt Maxim Kantor einen Mann in der Anstalt, der ohne Schreibgerät auf ein Kreuzworträtsel starrt, umgeben von Tischgenossen, die ihm beim Starren zusehen. Kantors „Gespräch“ (1985) ist ein horizontal geschnittenes Triptychon, das die Mimik der Gesichter, die Gestik der Hände und Füße von vier beieinandersitzenden Sträflingen in eigene Ebenen separiert. Wo mag sich die Wahrheit verbergen?

Im „Fest auf unserer Straße“ (1987) von Alexander Michajlowitsch Ivanov beobachtet ein einsames Mädchen mit Luftballons einen Kanalarbeiter beim Abstieg in den Gully. Ivanovs „Weißer Rabe“ (1987-1988), eine Möwe im Krähenschwarm, erinnert an Gerhard Schönes Lied von „Wellensittich und Spatzen“.

„Man will leben!“ (1973) von Lenina Dimitriewna Nikitina mit einem Kätzchen unter dem von der Mutter erhobenen Beil bekommt als Teil des Zyklus „Opfer der Blockade“ eine Bedeutung: Es erinnert so an die 900 Tage währende Hungerblockade von Leningrad durch Hitlers Wehrmacht. In der sowjetischen Millionenstadt spielten sich grauenhafte Szenen ab.

Das Ölgemälde „Übergang“ (1987) von Alexej Alexejewitsch Sundukow zeigt ein Volk mit gesenkten Köpfen auf dem Weg in den Tunnel. Ungewiss, was am Ende des Weges auf sie wartet. Ihre Gesichter sieht man nicht. Dem „Übergang“ gegenüber hängt der „Wintertag“ (1987) von Semjon Natanowitsch Fajbissowitsch. Er zeigt mit matten Zügen eine alte Frau in der Bahn und hinter ihr scharf konturiert eine zweite, ihr ähnliche, die mit Zorn in den Augen zu denken scheint: Das soll es nun gewesen sein?

Info Villa Schöningen, Berliner Straße 86, bis 26. Februar, geöffnet Do-So 10 bis 18 Uhr; freier Eintritt für Kinder und Jugendliche; www.villa-schoeningen.org

Von Volker Oelschläger

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