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Laien! Lichter! Lecker!

Fernsehkoch Horst Lichter stand am Sonntag in der Küche mit sieben Familien, die sonst die Potsdamer Tafel besuchen Laien! Lichter! Lecker!

Maria Biermanns Augen funkeln. Das ist der Moment, auf den die Potsdamerin seit Wochen wartet. Am Freitag hat sie ihn noch im Fernsehen gesehen, jetzt steht er direkt vor ihr und streckt ihr die Hand entgegen.

Potsdam. „Hallo, ich bin der Horst“, sagt der TV-Koch mit dem gezwirbelten Schnurrbart und strahlt dabei – wie er es die meiste Zeit macht an diesem Sonntagvormittag im Berufsbildungswerk des Oberlinhauses. Gemeinsam mit sieben Familien, die sonst die Potsdamer Tafel besuchen, kocht Horst Lichter ein Drei-Gänge-Menü. Und so viel sei vorab verraten: Entgegen dem Motto „Viele Köche verderben den Brei“ schmeckt es am Ende vorzüglich.

Doch der Reihe nach. Es ist 11 Uhr, als die rheinländische Frohnatur die 36 Laienköche in der Steinstraße begrüßt. Mit dem Kochsonntag löst Horst Lichter ein Versprechen ein, das er Tafel-Sprecherin Maria Conze im Juli vergangenen Jahres anlässlich der 1000. Sendung der ZDF-Kochshow „Küchenschlacht“ gegeben hatte. Von der Idee, gemeinsam mit den Kunden der Tafel den Kochlöffel zu schwingen, war der 51 Jahre alte Lichter sofort begeistert. „Meine Mutter arbeitet in meinem Geburtsort Rommerskirchen selbst für die Tafel“, erzählt er den Familien. „Ich weiß, wie’s Euch geht.“

Wie sehr er das weiß, gibt er eine Stunde später am Rande des Gewusels in der Lehrküche des Berufsbildungswerks zu. Während die Tafelfamilien Gemüse schnippeln, Kartoffeln schälen und Sahne schlagen, erinnert sich Horst Lichter an die Zeit, als er Anfang zwanzig war. Auf die Frage, ob er selbst in seinem Leben denn immer genug Geld für Essen hatte, antwortet er ganz ehrlich: „Nein, hatte ich nicht. Es gab Zeiten, da wusste ich nicht, wo ich die Kohle hernehmen soll, um satt zu werden.“ Damals, mit 22, arbeitete er nicht in seinem Beruf als Koch, sondern „malochte in der Fabrik“, wie er sagt. Nebenbei jobbte er auf dem Schrottplatz. „Ich musste die Kreditrate für unser Haus zusammenbekommen“, erzählt er und hält kurz inne. „Das war kurz nachdem unser Kind gestorben war.“

Vielleicht ist es dieser Schicksalsschlag, der ihn für Kinder besonders zugänglich macht. In der Lehrküche hat er immer wieder den kleinen Wisdom auf dem Arm. Der zweijährige Junge ist mit seiner Mutter Sandra Roß in die Steinstraße gekommen. Dem Profikoch darf er sogar am hochheiligen Schnurrbart ziehen. „Siehste, der ist echt, der geht nicht ab“, sagt Horst Lichter – und lacht.

Was beim gemeinsamen Kochen auf den Tisch kommt, hat der Fernsehkoch vorab entschieden. „Ich wollte bewusst kein edles Menü zaubern“, sagt er. Hummersüppchen und Rinderfilet wären doch albern, findet er. „Wo sollen denn die Tafelbesucher das herbekommen?“ Viel lieber will er was Bodenständiges kochen, mit Zutaten, die auch an den Ausgabestellen zu finden sind. Und so gibt es: einen Salat mit „lecker Sößchen“, Kartoffelsuppe und zum Dessert ein Schokoladenküchlein. „Das ist alles super lecker!“, schwärmt der Koch. Und wenn es nebenbei noch gesund ist, sei das doch auch nicht schlecht.

Maria Biermann ist im Team „Salat“ gelandet. Im Akkord schält sie Gurken. Die Tafel besucht die 63-Jährige immer dann, wenn das Geld vom Ein-Euro-Job nicht reicht. In der Lehrküche nimmt Horst Lichter sie zur Seite, vor Aufregung lässt sie fast die Gurke fallen. „Schau mal hier“, sagt der Profi. „Mit dem Teelöffel kannst Du die Kerne entfernen.“

Ein paar Meter weiter schmeckt Astrid Jach die Kartoffelsuppe ab. Ihr knurrender Magen verrät: „13 Uhr, meine Mittagszeit.“ Die 62-Jährige hat sich nicht sofort gemeldet, als die Einladung zum Kochen kam. „So wie es immer eine Überwindung ist, zur Tafel zu gehen, so habe ich auch hier gezögert“, sagt sie. Doch ein bisschen Spaß in ihrem sonst eher tristen Alltag zu haben, das hat sie überzeugt. „Ich habe studiert, mein Leben lang gearbeitet, aber jetzt mit über 60 kriege ich einfach keinen Job mehr“, sagt sie resigniert. Ohne das Essen von der Tafel wäre es schwer, über die Runden zu kommen. Die Kartoffelsuppe nach Lichters Rezept schmeckt ihr besonders gut. „Deftige Hausmannskost, so koche ich gern.“ Und auch vom Profi gibt’s als Lob ein Küsschen auf die Wange. „Ein Traum!“, schwärmt er und schnalzt mit der Zunge.

Ins Schwärmen gerät auch Maria Biermann beim großen Familienessen in der Mensa, wo alle gemeinsam gekochten Köstlichkeiten aufs Buffet kommen. Der Potsdamerin schmeckt aber nicht nur das leckere Essen – vor allem hält sie einen Schatz in den Händen. Auf ihrer roten Schürze hat Horst Lichter unterschrieben und – noch viel besser – auf ihrer Digitalkamera ist ein Bild, auf dem er sie umarmt. „Ich bin stolz“, sagt sie und ihre Augen bekommen wieder dieses glasige Funkeln, das am Anfang schon mal aufblitzte. Sie wird diesen Tag nie vergessen, fügt sie hinzu – und man glaubt es ihr.

Das Video „Lichter über den ,wahren’ Lafer“ ist online unter maerkischeallgemeine.de/pdm zu sehen. (Von Meike Jänike)

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