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Potsdam Hier bekommen nicht nur Arbeitslose eine zweite Chance
Lokales Potsdam Hier bekommen nicht nur Arbeitslose eine zweite Chance
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00:21 16.08.2018
Wie im Spielzeugladen: Maria (27) und Maxim (29) lernten sich bei der Arbeit in der „Toys Company“ kennen und wurden ein Paar. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Im unscheinbaren Dekra-Haus vom Typ Bürokomplex im Industriegebiet Süd ist so etwas wie eine Wichtelwerkstatt untergebracht. Ausrangiertes Spielzeug wird hier überprüft, gereinigt, in Gang gebracht und schließlich an Menschen verteilt, die zum Leben auf finanzielle Hilfe angewiesen sind. In den Räumen der Potsdamer „Toys Company“ sieht es aus wie in einem Spielzeugladen. Und wie in einer Werkstatt und einer Bibliothek für junge Leser. Kinderbücher und CDs für verschiedene Altersgruppen sind regalweise sortiert, Brett- und Gesellschaftsspiele, Puzzle stapeln sich. Es gibt ein Stofftierparadies, Abteilungen mit Mobiles, Greifspielzeug, Stapeltürmen, Bauklötzern, Puppen, Autos, Laternen, Instrumenten, Inlineskates und einen verschleierten Schrank mit besonderen Exponaten für Geburtstagskinder. Im Fundus bedienen dürfen sich ein- bis zweimal monatlich finanzschwache Familien, die das per Arbeitslosengeld-II-Bescheid nachweisen können.

Sechs Stunden am Tag, dreißig Stunden in der Woche

„Häufig bringen Eltern ihre Kinder mit und die bringen dann richtig Wirbel hier rein. Sie sind bei uns die Hauptpersonen“, sagt Wolfgang Wilke. Er ist Anleiter und Ansprechpartner in der Toys Company. Mit seinen 68 Jahren könnte der gelernte Baumaschinist längst in Rente sein. Seit sechs Jahren aber ist er dem 2009 in Potsdam gestarteten Projekt von Dekra Akademie, Jobcenter und Stadt treu. Jeden Morgen weist Wolfgang Wilke den 19 Teilnehmern die Aufgaben zu und schaut darauf, dass alle die Regeln einhalten. Gearbeitet wird sechs Stunden am Tag, 30 Stunden in der Woche.

„Wir haben feste Zeiten: Arbeitsbeginn, Pause und Feierabend. Damit gehen für viele die Probleme schon los“, sagt der frühere Ausbilder und Abteilungsleiter. Unter seiner Aufsicht sollen sich Langzeitarbeitslose im Alter von 20 bis 63 wieder an die Strukturen der Arbeitswelt gewöhnen. Wilke will sie „anschieben, etwas zu tun“. „Einige haben gewisse Handicaps und kommen mit Gehhilfen“, sagt er. Die durchschnittlich sechsmonatige Maßnahme sei sehr beliebt, es gebe eine Warteliste, zugeteilt wird der Platz vom Fallmanager im Jobcenter. Eine Mehraufwandsentschädigung von 1,50 Euro erhalten Teilnehmer pro Arbeitsstunde.

Das Programm wird sozialpädagogisch begleitet

„Man kann sich das wie ein fiktives Unternehmen vorstellen, das von den Mitarbeitern am Laufen gehalten wird“, beschreibt Jana Pitack von der Dekra Akademie das Konzept. Das Programm wird sozialpädagogisch begleitet. Zum Angebot gehören Beratungen zu Themen wie Ernährung und Schulden, Bewerbungstraining, Familienhilfe und Physiotherapie. In der Toys Company gibt es verschiedene Arbeitsbereiche, zwischen denen die Teilnehmer rotieren: das Lager, der Warenein- und -ausgang, der Kreativbereich, wo Schmuck oder Plakate entstehen, die Verwaltung und die Werkstatt mit allerhand Sägen, Schleifgeräten und anderen Spezialwerkzeugen. Jana Pitack sagt, es gehe auch darum, Prozesse kennenzulernen, etwa wie eine Inventur funktioniert, und davon ausgehend mögliche Praktika oder Weiterbildungen zu überlegen.

Funktioniert hat das zum Beispiel für Maria und Maxim, die nur ihre Vornamen in der Zeitung lesen möchten. Beide waren vor drei Jahren nach langer Abstinenz vom Arbeitsmarkt unter Wolfgang Wilkes Fittichen. Sie sind sogar ein Paar geworden. Die 27-jährige gelernte Reiseverkehrskauffrau musste wegen mehrerer Herz-OPs mit dem Arbeiten aussetzen, der 29-jährige Russisch-Sprachmittler wegen einer chronischen Krankheit. Noch heute besuchen sie oft die „Spielzeugfabrik“, noch immer ist Wilke für sie eine Anlaufstelle. Maxim studiert inzwischen Gesundheits- und Sozialdienstleitungen. „Ich wollte mich weiterentwickeln. Das gibt einem einen Schub“, sagt er rückblickend. Maria absolviert eine Ausbilder-Eignungsprüfung. Die Toys Company habe sie motiviert und auf das Arbeitsleben vorbereitet: „Für mich war das gut zur Stabilisierung und zum wieder Eingewöhnen.“

Die Devise lautet: „Bloß nichts wegschmeißen!“

Wolfgang Wilke ist stolz auf die zwei. Er erinnert sich auch an einen „Mann, der früher jahrelang im RAW gearbeitet hat und sich bei uns als der perfekte Schneider herausstellte – er hatte die Ruhe und Geduld dafür“. Mit seinem Team klebt er außerdem Bücher, behebt fehlerhafte Elektrik, baut Eigenkreationen wie kleine Holzhubschrauber aus Spateln oder ein großes Holzpferd, das früher mal ein Wohnzimmertisch war. Seine Devise ist: „Bloß nichts wegschmeißen. Manchmal haben die Sachen jahrelang im Kinderzimmer geschmort, sind aber immer noch bespielbar. Die Step gibt nichts wieder raus.“ Und wenn doch einmal ein Spielzeug irreparabel kaputt ist, dienen seine Bauteile es als Ersatzteillager.

Spielzeug-Spenden sind willkommen

Die Toys Company im Möbelhof 5 gibt Montag bis Freitag 8 bis 14 Uhr Spielzeug aus und nimmt Spielzeugspenden Montag bis Freitag 8 bis 15 Uhr an.

Sammelboxen stehen auch im Havel-Nuthe-Center, im Schlaatzweg 1, bei Eon, bei der MBS und in der Staatskanzlei.

Spielzeugspenden werden auch abgeholt. Dafür empfiehlt sich ein vorheriger Anruf unter 0331/8171821.

„Fahrräder und Dreiräder gehen weg wie warme Semmeln. Überhaupt alles, was beweglich ist. Autos: Je größer desto besser“, sagt Wolfgang Wilke über gefragte Spenden.

Das Projekt zeigt sich auch bei Stadtteilfesten, Adventsmärkten oder in der Kirche am Stern, wo Kinder an einem Glücksrad mit jedem Dreh ein repariertes Spielzeug gewinnen können.

Potsdam ist einer von 26 Toys-Company-Standorten deutschlandweit. Die Fabriksimulationen dürfen regulär Beschäftigte nicht vom Markt verdrängen, müssen wettbewerbsneutral sein und der Allgemeinheit dienen anstatt Gewinne zu erzielen.

Von Michaela Grimm

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