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Leben in der Kolonie Alexandrowka

Zu Hause in... Leben in der Kolonie Alexandrowka

Einst als russische Sängerkolonie gegründet, ist die Potsdamer Alexandrowka heute ein beliebtes Ziel für Touristen aus aller Welt. Doch wie lebt es sich in diesen Häusern? Die MAZ hat ein Ehepaar in seinem Heim besucht.

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Monika und Frank Duif vor ihrem Haus in der Alexandrowka.

Nauener Vorstadt. Die warmen Strahlen der Frühlingssonne tauchen die russische Kolonie Alexandrowka mit ihren akkurat geschnittenen Buchenhecken und den saftig grünen Rasenflächen in gleißendes Licht. Vögel flattern zwischen blühenden Obstbäumen hin und her und zwitschern aufgeregt ihr Ständchen. Ein kleines Paradies inmitten der Stadt.

Frank (73) und Monika (74) Duif wohnen seit Januar 1971 in der Alexandrowka – Nummer drei. Das Haus, vor dem die brandenburgische Landesfahne im Wind flattert, wurde 1826 übergeben. Doch davon ist im Innern nichts zu spüren. Bad und Küche sind top-modern eingerichtet, das Wohnzimmer ist gemütlich und angenehm beheizt. „Wir wollen nicht in einem Museum leben“, erklärt Frank Duif. Die Türrahmen, einige Türen und Beschläge seien noch original erhalten. „Alles andere wurde längst erneuert.“ Die äußeren Holzbalken, die Rundbohlen an den Hausecken und die Schnitzereien sind nur Fassade, dahinter befindet sich beidseitig verputztes Mauerwerk. Das Dach wurde 1991 neu eingedeckt. „Das war unsere erste D-Mark-Ausgabe“, sagt der Hausherr.

Frank und Monika Duif sind seit 54 Jahren miteinander verheiratet. Sie sind gebürtige Potsdamer. Monika Duif wuchs am Nauener Tor auf. Nach dem Zwangsverkauf des Hauses ihrer Mutter in der Friedrich-Ebert-Straße 28, das die Kommune als Experimentierbau für die Rekonstruktion des Holländischen Viertels auserkoren hatte, wäre sie eigentlich lieber in eine Neubauwohnung gezogen. Doch ihr Mann und ihr damals achtjähriger Sohn Maik wollten da nicht hin. „Im Mai 1970 hatten wir den Berechtigungsschein für das Haus in der Alexandrowka, in dem damals drei Mietparteien wohnten“, erzählt Frank Duif, der in Werder aufwuchs. „Der Garten sah verkommen aus. Als erstes habe ich alles entsorgt, was da rumstand. Alte Hühner- und Hundezwinger, Schrott. Anschließend kam das Haus dran. Da gab es noch alte Gasleitungen für die Beleuchtung. Die haben wir herausgerissen und alle Leitungen unter Putz gelegt. Ich war und bin mein eigener Hausmeister“, so Duif.

Nach der Wende wurde Alexandrowka umgestaltet

1988 kauften die Familie das Haus samt 1700 Quadratmeter großem Grundstück von der Kommunalen Wohnungsverwaltung. Die war froh, dass sie sich nicht mehr um die aufwendige Instandhaltung und Pflege kümmern musste. Nach der Wende gingen sämtliche Häuser in Privatbesitz über. Das übermäßig parzellierte Gelände am Ruinenberg wurde sukzessive und behutsam nach den Plänen von Peter Joseph Lenné umgestaltet. Eine „Arbeits- und Interessengemeinschaft russische Kolonie Alexandrowka“ wurde ins Leben gerufen, Duif übernahm den Vorsitz. Ziele seien die Heimatpflege, die enge Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege und die finanzielle Unterstützung der Gartenpflege. So wurde dem Grünflächenamt unlängst für die Pflege der Hecken eine Heckenschere mit langem Schwert spendiert. An den Straßen stehen sieben Bänke, die Sponsoren aufstellen ließen. Eine haben die Duifs gespendet. „Hier lebt es sich sehr schön“, sagen sie. Man habe Bus und Bahn vor der Tür und sei ruckzuck in der Innenstadt oder in Berlin. Der einzige Minuspunkt ist der starke Verkehr auf der angrenzenden Jägerallee.

Jann Jakobs wurde mit Wodka begrüßt

In der Kolonie herrscht eine gute Nachbarschaft. „Als Jann Jakobs im April 1999 hier einzog, habe ich ihn mit einer Flasche Wodka begrüßte“, erzählt Frank Duif. Später kümmerten sich die Duifs auch um den Hund des Oberbürgermeisters. Mehrmals im Jahr feiern die Vereinsmitglieder gemeinsame Feste. Der erste Advent wird in der russischen Teestube begangen, vorm Ferienbeginn im Juli steigt das Sommerfest, immer auf einem anderen Hof.

An die vielen Touristen, die zumeist im Sommer und mit Bussen kommen, haben sich die Duifs gewöhnt. Auch an kuriose Fragen. „Einer wollte wissen, ob ich ein Russe bin. Andere fragten, ob wir noch aufs Plumpsklo gehen.“ Ja, habe er gesagt, hinter der Garage. Und dass es noch russische Wölfe gäbe.

Russische Kolonie Alexandrowka

König Friedrich Wilhelm III. von Preußen ließ die russische Kolonie Alexandrowka in den Jahren 1826/27 für die letzten zwölf russischen Sänger eines ehemals aus 62 Soldaten bestehenden Chores anlegen.

1827 zogen die neuen Bewohner in die vollständig möblierten Anwesen ein. Die Gärten waren angelegt und jeder Haushalt bekam eine Kuh geschenkt. Die Grundstücke durften von den Kolonisten weder verpachtet, verpfändet oder verkauft und nur an männliche Nachkommen vererbt werden.

1861 verstarb der letzte Sänger, 100 Jahre nach der Gründung der russischen Kolonie, 1927 waren es noch vier Familien, die direkte Nachfahren der Sänger waren.

2008 starb der letzte der direkten Nachfahren der Familie Schischkoff in der Kolonie.

Zu DDR-Zeiten wurden die Häuser von der Kommunalen Wohnungsverwaltung (KWV) vermietet. Heute befinden sich die Häuser in Privatbesitz. In einem wohnt Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) als Mieter.

Von Jens Trommer

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