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Lessing wird lässig: Schüler peppen „Nathan, der Weise“ auf

Theaterprojekt der Montessori-Schule Lessing wird lässig: Schüler peppen „Nathan, der Weise“ auf

Ist Lessings Drama aus dem Jahr 1779 heute nicht kalter Kaffee? Schließlich haftet dem „Nathan“ trotz schöner Kernbotschaft – alle Religionen sind gleich – bei vielen Schülergenerationen der Ruf eines Literatur-Klassikers mit der Lizenz zum Gähnen an. Doch diese Zeiten sind spätestens am Montag, den 26. September, mit der Premiere der Montessori-Schüler vorbei.

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Aus der Improvisation entstand die neue Version des „Nathan“.

Potsdam. Yasmin (15) ist mit ihrer Familie aus einem Dorf bei der syrischen Stadt Aleppo geflohen. Seit sechs Monaten besucht sie die Montessori-Oberschule am Wildpark in Potsdam-West. Und seit einer Woche verkörpert sie Recha, die Ziehtochter von „Nathan, dem Weisen“, dem Titelhelden aus Gotthold Ephraim Lessings gleichnamigem Klassiker der deutschen Bühnengeschichte. „Ja“, sagt Yasmin und ihre großen braunen Augen strahlen: „Theaterspielen ist toll.“ Das finden Miran aus Syrien, Elisabeth, Jule, Moana, Florian und die anderen 50 Montessori-Schüler des 9. Jahrgangs auch.

Es ist Freitagmittag, und die Jugendlichen machen mit ihren Betreuungslehrerinnen Ilonka Halász und Dorothee Berres vor der Nikolaikirche an Holztischen ihre Pause bei einer leckeren Würstchensuppe. Von Müdigkeit und Motzigkeit keine Spur, obwohl die Proben für den „Nathan“ schon seit Montag laufen – täglich fast sechs Stunden. Gemeinsam mit den Regisseuren Jens Neumann und Jörg Isermeyer, die sonst unter anderem für die Goethe-Institute in Ost- und Mitteleuropa Inszenierungen betreuen, haben sie sich in den vergangenen drei Wochen das Stück erarbeitet.

Montessori-Schülerinnen auf dem Platz zwischen FH und Nikolaikirche

Montessori-Schülerinnen auf dem Platz zwischen FH und Nikolaikirche.

Quelle: Ilonka Halász

Aber ist Lessings Drama aus dem Jahr 1779 für Jugendliche von heute nicht schon extrem kalter Kaffee? Schließlich haftet dem „Nathan“ trotz seiner schönen Kernbotschaft – alle Religionen sind gleich – bei vielen Schülergenerationen der Ruf eines Literatur-Klassikers mit der Lizenz zum Gähnen an. Doch diese Zeiten werden spätestens am Montag mit der Premiere der Montessori-Schüler vorbei sein. Die Auf­führung ist gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Anstatt am Original zu kleben, haben die Jugendlichen zu den Szenen des Stückes improvisiert. Die besten Ideen wurden von den Regisseuren aufgegriffen. Entstanden ist so ein witziger Mix aus Lessing-Original und Montessori-Moderne.

Bei den Proben auf der Treppe vor der Nikolaikirche,

Bei den Proben auf der Treppe vor der Nikolaikirche,

Quelle: Bernd Gartenschläger

Außerdem gehen die Jung-Darsteller dorthin, wo sich in Potsdam Kirche und Politik treffen. Spielstätte ist das gesamte Landtagsumfeld – angefangen vom Innenhof des Parlaments über die Treppen der Fachhochschule bis hin zum Portikus der Nikolaikirche.

Da steht in der ersten Szene der Papst auf der Terrasse des Landtags und ruft die christlichen Ritter zum Kreuzzug auf. Später geht es durch das Fortunaportal hinaus zu einer Ecke des Gebäudes. Ein Türbogen stellt den Eingang von Nathans Haus dar, das im Stück leider kurz zuvor Opfer der Flammen geworden ist – verkohlte Holzteile zeugen davon. Glücklicherweise ist Nathans Ziehtochter Recha dem Desaster entronnen, ein Kreuzritter hat sie gerettet.

Eintritt frei!

Premiere : 26. September, 18 Uhr, am Alten Markt. Weitere Aufführungen am 28. September, 10 Uhr, und am 29. September um 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Gefördert wird das Projekt durch das Land und den Europäischen Sozialfonds (ESF) im Rahmen des Programms „Initiative Sekundarstufe I“ (INISEK). „Die Jugendlichen sind nicht nur aktiv in die künstlerischen Prozesse einbezogen, sie übernehmen auch viele planerische und organisatorische Aufgaben, die bis zur bühnenreifen Aufführung nötig sind“, betont INISEK-Projektleiter Markus Wicke: „So kann das Theaterprojekt ein wichtiger Baustein einer späteren beruflichen Karriere werden.“

Und wie das so ist im Internet-Zeitalter, ist auch schon ein Youtuber zur Stelle, um alle Welt am Brand in Nathans Haus teilhaben zu lassen. Auf dem Platz vor der Nikolaikirche befindet sich das fiktive Tattoo-Studio, wo sich Recha den Schriftzug „I love my daddy“ stechen lässt. Höhepunkt des Stückes ist bekanntlich die „Ringparabel“. In der Montessori-Aufführung wird sie in Musical-Form erzählt. Und statt der drei gleichen Ringe – Sinnbild für die Gleichrangigkeit der Religionen – geht es aber um drei identische Elvis-Perücken.

„In dem Stück geht es um verschiedene Kulturen“, erklärt Jule (14), was sie an dem Stück anspricht: „Bei uns sind ja auch sechs Geflüchtete im Jahrgang.“ Einige aus der Schule waren in den vergangenen Monaten mit ihren Eltern bei den Anti-Pogida-Demos. Auch diese Erlebnisse haben sie in das Stück einfließen lassen. In einer Szene nehmen sie die AfD und deren Parolen aufs Korn. Bei den Proben hielten ein paar Passanten die Demo sogar für echt. Jetzt sorgen die Werbe-Aufsteller für das Stück dafür, dass alle erkennen: Das ist nur ein Schauspiel und zum Glück noch nicht Realität.

Von Ildiko Röd

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