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Lorbeeren ohne Vorschuss

Bei „Artgerecht“ aus Teltow spielen Menschen mit und ohne Behinderung, die wie andere Rockbands behandelt werden wollen / Auftritt beim Iron Roll Lorbeeren ohne Vorschuss

In dem Haus, in dem Thomas Borchardt aufwuchs, hatte das Orchester des Potsdamer Hans-Otto-Theaters seinen Probesaal. Wenn die Musiker ihren Arbeitsort verließen, schlich sich der kleine Thomas zwischen Kesselpauken und Vibraphone.

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Respekt statt Mitleid: „Artgerecht“ finden die Idee des Iron Roll toll – und rocken nun mit.

Quelle: PROMO

Potsdam. Er experimentierte mit Resonanzröhren und Pedalen wie andere Kinder im Sandkasten. Über einen virtuosen Jazzmusiker dachte er: „Der muss ja Arme wie ein Oktopus haben.“

Der Kleine Thomas ist heute 51 Jahre alt. Er arbeitet als Gruppenleiter in den Diakonischen Werkstätten in Teltow. Mit Musik aufgewachsen zu sein, begreift er als großes Glück. Ein Privileg, das die meisten der Menschen mit Behinderung, mit denen er zusammenarbeitet, nicht genießen durften. „Meine Biografie war einfach“, sagt Borchardt, und erklärt, wie seine Rockband „Artgerecht“ die Biografie ihrer Mitglieder musikalischer gemacht hat.

2009 hat sich die Band gegründet. Im wahrsten Sinne trommelten Borchardt und ein paar Kollegen die Mitarbeiter der Diakonischen Werkstätten zusammen. Sie suchten Menschen, die Lust haben, zusammen zu spielen. Nicht als Behindertenband, die nur wegen ihrer Behinderung Respekt erntet. „Wir wollen nicht irgendwelche Lorbeeren vorab“, sagt der Mann, dem die Rührung in den Augen anzusehen ist, wenn er von Bandproben und Konzerten spricht.

Neben Thomas Borchardt (Saxophon) und Marco Focke (Gitarre), ebenfalls Gruppenleiter, spielen bei „Artgerecht“ vier Menschen mit Behinderung. Ein Nachfolger des vor Kurzem ausgestiegenen Schlagzeugers wird noch gesucht. Der Sänger Ronald Gnedler schwärmt in den selbst geschriebenen Texten der Band von einem Sommer, der Hoffnung verspricht, um im nächsten Song zu kritisieren, dass er sich dauernd gegen Lügen verteidigen muss. In der letzten Zeile heißt es: „Es ist an der Zeit, wir lassen die Instrumente reden!“

Instrumente reden zu lassen, erfordert von der Teltower Rockband besonders viel Fantasie. Auch von Thomas Borchardt. Die Lernbehinderung seiner Bandkollegen betrifft auch das Rhythmusgefühl. Außerdem haben sie Schwierigkeiten, nach Noten zu spielen. Er bringt ihnen neue Stücke bei, indem er Buchstaben aufschreibt und Punkte dahinter markiert. Sie zeigen dem Gitarristen, wie oft er welchen Akkord zu spielen hat. Mit Edding schreibt er an den jeweiligen Bund am Gitarrenhals einen Buchstaben. Das Instrument des Keyboarders Frank Lenz ist so eingestellt, dass es mit dem Drü-cken einer Taste einen ganzen Akkord spielt. Die Art, miteinander zu spielen und zu üben, wird den Bandmitgliedern gerecht. Das erklärt den Namen: „Artgerecht“.

Eines der nächsten großen Konzerte führt die Teltower zum „Iron Roll“ in Potsdam. Sie spielen am Finalwochenende des Wettbewerbs, bei dem am 4. und 5. Mai die Teilnehmer im Rollstuhl gegeneinander antreten (MAZ berichtete). Ihre Auftritte, bei denen sie auch die Puhdys und Status Quo covern, führten sie schon quer durch Deutschland. Eine dieser Tourneen verbanden „Artgerecht“ mit einem Besuch in Bayern bei einem der größten Hersteller von Musikinstrumenten. Borchardts Erinnerungen klingen wie die aus seiner Kindheit. „Da hingen Tausend Gitarren an einer Wand, das war der Wahnsinn“, sagt er. Mit einer davon experimentiert jetzt einer der Bandkollegen. Er hat sie sich gekauft. (Von Maurice Wojach)

Wer etwas von Artgerecht hören möchte, wird im Internet unter www.myspace.com/bandartgerecht fündig.

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