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Potsdam MAZ dokumentiert kontroverse Predigt zur Garnisonkirche
Lokales Potsdam MAZ dokumentiert kontroverse Predigt zur Garnisonkirche
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15:59 21.03.2017
Beeindruckender Solitär: Der hohe Turm der Garnisonkirche war für lange Zeit eine wichtige Landmarke Potsdams. Quelle: Simulation: Arstempano
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Potsdam

Das ewige Streitthema: Garnisonkirche, ja oder nein? In diesem Jahr soll der Wiederaufbau beginnen, trotzdem ist man sich nicht einig. Am Sonntag hat sich in der Französischen Kirche Potsdam nach dem Gottesdienst eine aufgebrachte Diskussionsrunde gebildet, die vorangegangene Predigt wurde kontrovers diskutiert. Christoph Dieckmann hatte darin die biblische Geschichte vom „Turmbau zu Babel“ ausgelegt.

Wir dokumentieren Ausschnitte aus seiner Predigt:

„Anfangs war ich gegen den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Deren Ruine sollte Mahnmal bleiben, gegen Militarismus und Krieg. In der Nacht zum 14. Februar 1995 stand ich inmitten von vielen hundert Dresdnern, die sich, Kerzen in den Händen, um die Trümmer scharten und „Dona nobis pacem“ sangen. Dann sah ich den Neubau wachsen und spürte unverhoffte Freude. Der 30. Oktober 2005 war schieres Glück. An diesem Tag der Weihe verbrachte ich sieben Stunden in der wiedererstandenen Steinernen Glocke. Ihr gilt mein erster Blick, wenn ich nach Dresden komme und der Zug die Marienbrücke überquert.

Christoph Dieckmann am Sonntag vor der Französischen Kirche Quelle: Christel Köster

Was ich nicht wollte: eine Show- und Touristenkirche, einen Tempel protestantischer Selbstdarstellung, ein Institut zur religiösen Veredelung der Staatsideologie und einer Außenpolitik, die sich immer weiter militarisiert. Am 30. April 2013 luden die Bundeswehr, das sächsisches Innenministerium und die Stiftung Frauenkirche zur Kirchenschändung. In der Kirche musizierte „das Wehrbereichsmusikkorps III der Bundeswehr unter Leitung von Oberstleutnant Roland Dieter Kahle“. Die evangelische Kirche garnierte die Propaganda mit Gebet, auf dass Gott seine Beförderung zum Wehrbeauftragten gefalle. Der Protestantismus hat eine lange Geschichte opportunistischer Feigheit und staatsideologischen Missbrauchs. Wo, wenn nicht an diesem Ort, müsste sie enden? Christlicher Glaube ist wesenhaft pazifistisch; Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. In seinem Haus ist jeder Mensch willkommen, auch jeder Soldat. Doch er möge einzeln kommen, nicht als Armee. Und entwaffnet, ohne Pauken und Trompeten.

Die Garnisonkirche: ein Walhalla des preußischen Absolutismus

Das Beispiel Frauenkirche wird im Streit um die Potsdamer Garnisonkirche immer wieder, wie man so treffend sagt, ins Feld geführt. Der Vergleich erhellt; er zeigt den Unterschied. Die Frauenkirche entstand als Gotteshaus der protestantischen Bürgergemeinde, die Garnisonkirche als Walhalla des preußischen Absolutismus. Sie wurde erbaut zwecks gläubiger Rüstung des Militärs zur maximalen Gotteslästerung, dem Krieg. Der Turm ragte 88 Meter auf. Sein Glockenspiel läutete „Üb immer Treu und Redlichkeit/ bis an dein kühles Grab/ Und weiche keinen Fingerbreit/ Von Gottes Wegen ab“. Ungezählte führte dieser Weg ins Grab. Der „Soldatenkönig“ züchtete Preußens Armee. Sein Sprössling Friedrich II. ließ sie von der Kette, verheerte Europa und produzierte Leichenberge, weshalb er auch „der Große“ heißt. Die Garnisonkirche wurde zum Trophäenschrein, ihre Krypta zur Grablege für Vater und Sohn und am 4. November 1803 zur weltgeschichtlichen Bühne. Nacht war’s, als „bey der Asche dieses Unsterblichen“ Preußens friedsinniger König Friedrich Wilhelm III., Gattin Louise und Rußlands Zar Alexander einander Beistand gegen das Korsenmonster Napoleon gelobten. Preußen fiel, Alexander lief über. Der unsterbliche Altfritz bekam am 25. Oktober 1806 abermals Besuch, nun von Napoleon, welcher in Latein sprach „So vergeht der Ruhm der Welt“ und, auf Französisch: „Wenn du noch lebtest, stünde ich nicht hier“.

Die Frauenkirche in Dresden wurde nach ihrem Wiederaufbar zu einem Touristenmagneten. Quelle: dpa

Ein ebenso fataler Imitator nahte sich am 21. März 1933. Dieses Garnisonkirch-Datum heißt bis heute „Tag von Potsdam“. Hier wurde der neue Reichstag eröffnet, mit Glockengeläut, paradierender SA, Heil!-Gebrüll und unüberschaubaren Massen jauchzenden Volks. Ein Foto zeigt, was vor der Kirche geschah. Reichskanzler Adolf Hitler, zivil befrackt, schüttelt die Hand des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Der „Tag von Potsdam“ verschmolz das bürgerlich-konservative Deutschland mit Hitlers „nationaler Erhebung“ und entmächtigte die Demokratie, wobei der greise Reichspräsident demonstrieren wollte, dass die Zentralgewalt bei ihm verbliebe. Doch Hindenburg starb 1934, der Kanzler wurde endgültig zum „Führer“.

Eine Militärkirche gehört nicht zur Versöhnungsgeschichte des Evangeliums. Sie zählt zur Missbrauchsgeschichte, durch Sakralisierung von Nation und Krieg. Warum sollte diese gotteslästerliche Bude auferstehen?

Zur Stadtgesundung, sagen Potsdams Klassizisten und schwärmen vom Dreikirchenblick: dem Langen Kerl der Garnisonkirche, dem Campanile der Friedenskirche, der Kuppel von St. Nikolai. Finger weg!, rufen die Widersacher. Erstehen soll der Kriegstempel der Hohenzollern, zwecks neomilitaristischer Erneuerung Preußens. Dessen altböser Geist würde unweigerlich auch in die neue Hülle fahren.

Versöhnung ist prima. Aber mit wem? Und womit niemals?

Kirchlicherseits lautet das Aufbau-Motiv: Friede und Versöhnung. Es wirkt gesucht und mühelos gefunden. Versöhnung ist prima. Aber mit wem? Und womit niemals, gemäß der Friedensbotschaft Jesu Christi, auch wenn der wehrmächtige, rüstungstolerante Zeitgeist frommende Worte findet? Und wenn „Ein feste Burg ist unser Gott“ zum Großen Zapfenstreich erschallt?

Alle Argumente sämtlicher Parteiungen sind wohl jedem Potsdamer bekannt. Ich bin keiner und möchte auch nicht eifern. Das Muschebubu zwischen Protestantismus und altfritzlicher Restauration ist mir fatal. Der Untergang der Garnisonkirche geschah allerdings in zwei Epochen. Der Bau verging ja nicht gänzlich im Bombenfeuer des 14. April 1945. Der Turmstumpf stand noch, zwei Etagen hoch. Er verschwand durch die gewaltige Tat des Großen Städtebauers Walter Ulbricht. Am 23. Juni 1968, einem Sonntag, ließ Ulbricht sprengen, zur Gottesdienstzeit. Das zerstörte kein totes Rudiment, sondern den Versammlungsort der Kreuzgemeinde. In Leipzig vernichtete der Gottverächter Ulbricht die intakte Universitätskirche und rammte einen sozialistischen Zeigefinger ins Zentrum der Stadt. Jena und Neubrandenburg erhielten gleichfalls Ulbricht-Minarette. Auch in Potsdam ragt solch vertikale Hinterlassenschaft und bezeugt Geschichte.

In Berlin überlebte nach dem Untergang der DDR die Methode Ulbricht und führte zur Vernichtung des Palasts der Republik. Nun entsteht dort eine Stadtschloss-Fiktion; möge sie gelingen. Neubauten sind selten Gefäße wahrhaftiger Erinnerung. In Potsdams jüngst erstandenem Palais Barberini wird der Besucher froh, umleuchtet von Impressionisten. Töricht wirken Pläne zur „Rückgewinnung“ eines friderizianischen Disneylands, inklusive der Schleifung platzhaltender Bauten anderer Zeiten. Unvergesslich bleibt mir, wie der Chef der Garnisonkirch-Fördergesellschaft, ein freundlicher Bundeswehr-Obrist, das DDR-gebaute Potsdam nannte: sibiriakisches Nirwana. Da flog mich, aber aus westlicher Richtung, eine sibirische Kälte an.

Steine können sich ändern, aber Menschen?

Liebe Gemeinde, auch der Prediger ist hörbar Partei. Unwürdig und geschichtsvergessen schiene mir eine Kopie der Garnisonkirche aus der Backform des preußischen Militärstaats. Was immer sich hier künftig türmt – es handelt sich um Menschenwerk, um Eigenverortung der Kirche. Hier signalisiert sie sich selbst. Gott verlangt das nicht. Ideologie in eins zu setzen mit Gott, das ist der Turmbau zu Babel, die Ursünde – auch der Religion. Ihren Fanatismus haben wir Europäer fürchten gelernt. Gott allein entscheidet, in welchen Häusern er wohnt. Herabnötigen lässt er sich nicht. Er kennt uns. Steine können sich ändern, aber Menschen?“

Christoph Dieckmann

Pfarrerssohn und Buchautor

Christoph Dieckmann lebt in Berlin. Die Französisch Reformierte Gemeinde hatte ihn eingeladen, am Sonntag die Predigt zu halten. Dieckmann wurde 1956 in Rathenow als Sohn eines Pfarrers geboren. Er studierte von 1975 bis 1981 in der DDR Theologie. Seit 1991 ist er Autor und Kolumnist der Wochenzeitung „Die Zeit“. Man kennt ihn als Experten für Phänomene der DDR-Kultur und des DDR-Fußballs. Zuvor hat er für DDR-Kirchenzeitungen gearbeitet und für den „Sonntag“.

Ein Kapitel zur Garnisonkirche findet sich in Dieckmanns neuem Buch „Mein Abendland: Geschichten deutscher Herkunft“. Chr. Links Verlag, 272 Seiten, 20 Euro.

Von MAZonline

Der Ansturm auf Potsdams neues Kunstmuseum ist so groß, dass ab April die Öffnungszeiten verlängert werden. Bis Ende Mai – so lange, wie die Schauen „Klassiker der Moderne“ und „Impressionismus“ laufen – öffnet das Barberini bereits um 10 Uhr.

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