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Mercure-Abriss wird Fall für das Gericht

Potsdam Mercure-Abriss wird Fall für das Gericht

Potsdams historische wird Stück für Stück rekonstruiert. Das gefällt längst nicht allen Bewohnern, wie der Kampf um den Erhalt des Mercure exemplarisch zeigt. Ein Bürgerbegehren, das sich auch für den Erhalt des Hotels einsetzte, wurde von der Stadt abgeschmettert. Der Fall wird nun vor Gericht verhandelt. Das Urteil wird weitreichende Auswirkungen haben.

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Geht es dem „Mercure“ doch an den Kragen? Am Donnerstag entscheiden die Richter.

Quelle: ZB

Potsdam. Wenn sich vom Herbst an im Potsdamer Zentrum wieder die Kräne drehen und der Turmbau zur Garnisonkirche startet, dürften im Büro von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) die Sektkorken knallen. Denn mit dem lange umstrittenen Wiederaufbau der preußischen Militärkirche kommt die bereits 1999 beschlossene „behutsame Wiederannäherung an das charakteristische, gewachsene historische Stadtbild“ einen großen Schritt voran.

Donnerstag Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht

Am Donnerstag verhandelt das Verwaltungsgericht über die Frage, ob ein Bürgerbegehren für den Erhalt der Fachhochschule, eines Wohnblocks und des ehemaligen Interhotels „Mercure“ rechtlich zulässig ist. Denn das Stadtparlament hatte das Bürgerbegehren, das knapp 15.000 Potsdamer unterschrieben hatten, im vergangenen Herbst abgeschmettert.

Nach dem Bau des neuen Landtags im Gewand des historischen Stadtschlosses und dem Wiederaufbau des Palasts Barberini am Alten Markt soll nun bis 2020 auch der 90 Meter hohe Turm der Garnisonkirche als Wahrzeichen Potsdams wieder erstehen. Der Turm war im Jahr 1968 auf Geheiß der DDR-Führung gesprengt worden.

>>> MAZ-Themenseite zur Garnisonkirche

Prominente halfen fleißig beim Wiederaufbau von Potsdams Mitte

Für den Wiederaufbau des barocken Potsdam auf der ehemaligen Nachkriegsbrache Historische Mitte machen sich in Initiativen wie „Mitteschön“ und diversen Stiftungen meist gut betuchte Bürger stark. Und auch Prominente: So gab Software-Milliardär Hasso Plattner 20 Millionen Euro für die Fassade des Landtagsschlosses und weitere Mittel für das Kupferdach, den Palast Barberini finanzierte der 73-Jährige als sein privates Kunstmuseum gleich komplett selbst. Auch Fernsehmoderator Günther Jauch spendete Millionen für das Landtagsschloss und den Garnisonkirchen-Turm.

„Die Reichen kaufen sich die Stadt“ fürchten Bürgerinitiativen, die sich der Rekonstruktion des preußischen Potsdam entgegenstellen. So kämpft der Verein „Potsdamer Mitte neu Denken“ um den Erhalt der Fachhochschule, des ehemaligen Interhotels „Mercure“ und eines Plattenbau-Wohnblocks aus DDR-Zeiten, die das Landtagsschloss einrahmen. Ein entsprechendes Bürgerbegehren hat das Stadtparlament kühl abgeschmettert. Am Donnerstag verhandelt das Verwaltungsgericht darüber, ob das Bürgerbegehren nicht doch zulässig ist.

Plan der Stadt: Hotel für 60 Millionen kaufen, dann abreißen

Die Fraktion „Die Andere“ hat sich mit ihrem Kampf gegen das barocke Potsdam sogar vier Sitze in der Stadtverordnetenversammlung erkämpft. Und kann schon einen Erfolg verbuchen. Den aberwitzigen Plan, den 60 Meter hohen Hotel-Plattenbau erst für Millionen Euro zu kaufen und dann abzureißen, um dort den alten Lustgarten als „Wiese des Volkes“ neu einzusäen, hat die Stadtspitze inzwischen auf Eis gelegt. Doch die Fachhochschule sollen dieses Jahr abgerissen und durch Wohn- und Geschäftshäuser ersetzt werden. Mit sieben historischen Leit-Fassaden, wie Oberbürgermeister Jakobs betont. „Aber es sind ja weitaus mehr Häuser, die da aufgebaut werden sollen, und das kann durchaus moderne Architektur sein.“

„Ich bin keineswegs einer, der gegen alle DDR-Bauten zu Felde zieht“, rechtfertigt sich das Stadtoberhaupt. „Aber ich finde schon, dass Bausünden aus der DDR nicht unbedingt erhaltenswert sind.“ Und dazu zählen aus seiner Sicht die Abriss-Kandidaten. Dagegen verweist André Tomczak von der Initiative „Potsdamer Mitte neu denken“ darauf, dass der Skelettbau der Fachhochschule als Architektur-Denkmal der 1970er Jahre durchaus erhaltenswert wäre. Und dass es in dem Wohnblock noch die inzwischen raren günstigen Wohnungen im Zentrum gibt. „Es steht zu befürchten, dass sich bald nur noch die Besserbetuchten die Innenstadt leisten können“, meint Tomczak.

Um den Wiederaufbau der Garnisonkirche wird erbittert gestritten

Auch der Kampf um die Garnisonkirche ist noch lange nicht ausgestanden. Dagegen streitet etwa die evangelische Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“. Sie verweist darauf, dass sich die Garnisonkirche in preußischer Zeit „von Obrigkeit und Militär in den Dienst nehmen ließ, Demokratie verachtete und auf politische Weisung Krieg predigte.“ Zudem habe der Bau als Kulisse für den „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 gedient, als Reichspräsident Paul von Hindenburg dem frisch gekürten Reichskanzler Adolf Hitler die Hand reichte. Die Führung der evangelischen Kirche unterstützt dagegen den Wiederaufbau der Kirche mit millionenschweren Darlehen.

Auch die Bürgerinitiative „Potsdam ohne Garnisonkirche“ kämpft seit Jahren gegen die Rekonstruktion. Die Aktivisten fürchten Verschwendung von Steuergeldern und kritisieren, dass die Stiftung die Kosten ständig herunterrechne. „2011 wurden 100 Millionen Euro veranschlagt für Turm und Kirchenschiff, anschließend sollten es 40 Millionen Euro nur für den Turm sein, auf den man sich zunächst konzentrieren will“, sagt Initiativen-Sprecher Simon Wohlfahrt.

„Wir können der Geschichte nicht entkommen“

Nun werden für eine abgespeckte Version des Turms ohne Turmhaube und barocken Zierrat nur noch 26,1 Millionen Euro veranschlagt. „Das dicke Ende kommt noch“, fürchtet Wohlfahrt. „Dann müssen die Christen die Zeche zahlen, weil die Darlehen nicht bedient werden können.“ Diese Darlehen würden selbstverständlich abbezahlt, kontert der Sprecher der Garnisonkirchen-Stiftung, Wieland Eschenburg.„Wir werden Einnahmen haben, wenn der Turm steht und die Touristen kommen.“

Auch Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD), die selbst im Vorstand der Garnisonkirchen-Stiftung sitzt, lässt die Einwände nicht gelten. „Es gibt einige Gegner, aber die fokussieren die Diskussion einseitig auf den „Tag von Potsdam““, meint sie. Die Kirche habe jedoch eine fast 300-jährige Geschichte. Der Bau sei auch durchaus mit der preußischen Militärgeschichte verbunden, da Potsdam Garnisonsstadt war, räumt die Ministerin ein. Aber: „Es gab keinen nachvollziehbaren Grund für das SED-Regime, den Turm zu sprengen“, betont Münch. „Wir können der Geschichte nicht entkommen.“

Von Klaus Peters (dpa)

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