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Mercure-Chef: Das Hotel gehört zu Potsdam

Abriss-Debatte um DDR-Bau spitzt sich zu Mercure-Chef: Das Hotel gehört zu Potsdam

Wieder klingeln die Telefon im Hotel Mercure in Potsdam heiß. Die konkreter werdenden Abriss-Pläne haben viele Kunden, die für die kommenden Wochen und Monate ein Zimmer buchen wollen, irritiert. Jetzt meldet sich der Hotel-Direktor in der MAZ zu Wort. Das Gebärden der Stadt, meint er, ist „in höchstem Maße geschäftsschädigend“.

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Potsdam. Schon in den 1990er Jahren entzündete sich der Streit um das Hotel Mercure: Stehenlassen oder abreißen? Nun gewinnt die Debatte an Brisanz. Die Vorgehensweise der Stadt Potsdam, die das Haus kaufen und anschließend abreißen lassen will, sei „in höchstem Maße geschäftsschädigend für das Hotel und die Marke Mercure“, so Hotel-Chef Marco Wesolowski. Sollten die Stadtverordneten in ihrer Sitzung am 27. Januar etwaige Anträge beschließen, droht der Stadt eine Klage.

Herr Wesolowski, sind Sie noch Herr im eigenen Haus?

Marco Wesolowski: Mehr denn je. Wir lassen uns nicht die Butter vom Brot nehmen. Für mich spricht gar nichts dagegen, Herr im eigenen Haus zu sein – wir reden hier von einer Debatte, die außerhalb des Hotels geführt wird. Ich fühle mich dadurch sogar noch mehr angespornt. Ich kämpfe für mein Haus.

Die Stadt plant, eine Art Veränderungssperre über das Hotel zu verhängen, die alle Baumaßnahmen am Haus unmöglich machen würde – können Sie dann einpacken?

Wesolowski: (lacht) Wir sind momentan eher am Auspacken. Am Dienstag wird neues Mobiliar für den Bankett- und Lobbybereich geliefert. Wir haben in den letzten Wochen vieles erneuert: In allen öffentlichen Bereichen wie im Restaurant und in der Bar haben wir zum Beispiel neuen Teppich verlegt. Wir haben auch Mobiliar ausgetauscht – allein 150 Tische und 300 Stühle in den Konferenzräumen. Wir planen für die kommenden Wochen außerdem, alle Fernseher durch neueste digitale Geräte zu ersetzen. Und sobald es die Temperaturen wieder zulassen, gestalten wir unsere Terrasse komplett um.

Was genau würde so eine Sperre für den laufenden Hotelbetrieb bedeuten – dürften Sie dann überhaupt noch neue Kissen kaufen?

Wesolowski: Darum mache ich mir gar keine Sorgen. Wir haben gerade erst neue Kissen gekauft – und tauschen sowieso alle zwei, drei Jahre unsere Bettwaren aus. Was die Sperre für den laufenden Hotelbetrieb bedeuten würde, können wir noch gar nicht sagen. Das lassen wir gerade juristisch prüfen. Ich garantiere unseren Kunden und Gästen, den Potsdamern und unseren Mitarbeitern, dass der uneingeschränkte Hotelbetrieb in den nächsten Jahren gesichert ist.

Sie haben angekündigt, rechtliche Schritte gegen den Beschlussvorschlag einzuleiten – wie weit sind Sie damit?

Wesolowski: Wir sind dran – auf allen Ebenen. Die Beschlussvorlage wird momentan juristisch geprüft – auch die eventuell daraus resultierenden Konsequenzen, sowohl für den Eigentümer als auch für die Marke.

Vom Interhotel zum Mercure

Das heutige Hotel „Mercure“ war das zehnte in der DDR errichtete Interhotel. Es wurde am 1. Mai 1969 eröffnet.

Das Interhotel Potsdam hatte in 17 Etagen mehr als 420 Gästezimmer. Im Sockel waren der Empfangsbereich, ein Großteil der Gastronomie und ein Intershop untergebracht. Im Dachgeschoss gab es ein „Café Bellevue”, das tagsüber zum Imbiss mit Weitblick einlud und nachts zur höchst gelegenen Tanzbar der Stadt wurde. Das Hotel beschäftigte 400 Mitarbeiter – heute sind es noch über 80.

Zum Mythos des Interhotels gehörte eine komplett von der Defa angemietete Etage. Zu den prominenten Gästen des Hauses zählten Zsa Zsa Gabor, Audrey Landers, Bernhard Wicki und der sowjetische Regisseur Juri Oserow. Für besondere Besucher hielt das Hotel eine hauseigene Motoryacht bereit.

In der Nachwendezeit wurde das Hotel mehrfach umgebaut. So wurde 1994 das Panoramacafé geschlossen. 2002 wurden die Räume unterm Dach zur Konferenz- und Veranstaltungsetage umgebaut. Reanimiert wurde das Café für ein Wochenende im Januar als besonderer Aussichtspunkt zur Eröffnung des Landtags im wieder aufgebauten Stadtschloss am Alten Markt – 2500 Gäste kamen in die eigens geöffnete 17. Etage, um den Blick über die Stadt zu genießen.

Mit mehr als 430 Betten ist das Mercure heute nach Dorint und Kongresshotel das drittgrößte Hotel Potsdams und in der besucherstarken Zeit von Mai bis November nahezu ausgebucht.

Die Immobilie gehört einem Joint Venture aus Starwood Capital und Brookfield. Betreiber ist die Event Hotelgruppe. Mercure ist eine Marke des global agierenden Accor-Konzerns, zu dem unter anderem auch Sofitel, Novotel, Pullmann und Ibis gehören.

Haben Sie bereits eine alternative Immobilie in Erwägung gezogen?

Wesolowski: Wenn Sie sich seit vielen Jahren mit der Debatte um einen möglichen Abriss auseinandersetzen müssen, kommen Sie gar nicht umhin, sich mit einem alternativen Standort zu befassen. Doch letztlich bleibt nur dieser eine, denn das Mercure hat einen optimalen Platz: Umgeben vom Stadtschloss und Palais Barberini, von Hafen und Lustgarten, ist das Hotel perfekt gelegen. Es gibt keine Alternative. Auch die Verkehrsanbindung könnte nicht besser sein.

Wie viele Millionen hat die Stadt Ihnen denn eigentlich für das Haus geboten?

Wesolowski: Weder dem Eigentümer noch mir liegen konkrete Kaufangebote vor. Aus meiner Sicht möchte ich anmerken: Je begehrter ein Objekt, desto höher der Preis. – Ein ganz einfaches Wirtschaftsprinzip.

Wie der Lustgarten in Zukunft aussehen soll, war Thema einer aufwendigen, 500.000 Euro teuren Planungswerkstatt nebst Bürgerbeteiligung. Sie waren selbst Mitglied dieser Werkstatt – wie ernst hat man Sie und Ihre Vorschläge dort genommen?

Wesolowski: Während des Werkstattverfahrens habe ich meine Rolle nicht als Vorschlag-Geber verstanden, sondern als Gutachter mit hotelbetriebsrelevantem Hintergrund. Ich war natürlich gespannt auf kreative Ideen rund um mein Hotel. Doch leider wurde ich enttäuscht. Vielleicht war die Herausforderung ja auch zu groß?

War die Planungswerkstatt nur ein Deckmäntelchen für die Abrisspläne?

Wesolowski: Ja, das ist mein Eindruck – und mit diesem stehe ich offensichtlich auch nicht alleine da.

Kritiker der Werkstatt fordern eine echte und repräsentative Bürgerbefragung – wollen Sie sich so einem Votum überhaupt stellen?

Wesolowski: Selbstverständlich. Ich sehe in der Bürgerbefragung überhaupt kein Problem – und ich stelle mich dieser sehr gern. Es gibt ganz andere Leute, die sich die Frage gefallen lassen sollten. Schon während des Werkstattverfahrens hat sich die Mehrheit der beteiligten Bürger für den Erhalt des Mercure ausgesprochen. Ich freue mich sehr über die Anteilnahme und die Unterstützung der Potsdamer Bevölkerung, die sich für das Mercure in die Bresche schlagen und das Hotel so vehement verteidigen. Das erfüllt mich mit Stolz und dafür sage ich „Danke, Potsdamer!“

Weshalb ist das Mercure für Potsdam wichtig?

Wesolowski: Das Mercure ist für Potsdam sehr wichtig. Als Wirtschaftsfaktor: Das Mercure ist ein Arbeitgeber in der Region. Das Mercure ist ein Ausbilder in der Region. Das Mercure ist ein Geschäftspartner für viele mittelständische Betriebe der Region. Das Mercure ist ein Steuerzahler in der Stadt. Das Mercure trägt mit der Marke dafür Sorge, dass viele ausländische Touristen die Stadt besuchen. Aber auch als ein Hotel, mit dem viele Potsdamer und Brandenburger Emotionen verbinden. Hotelgästen erzählen mir von ihren Erinnerungen: Hochzeiten, Jubiläen, Jugendweihen – das Hotel war und ist eine Begegnungsstätte. Wir sprechen inzwischen von fast einem halben Jahrhundert Potsdamer Stadtgeschichte, die das Hotel mitgeprägt hat. Wir sind also ganz klar Teil der Stadt.

Dennoch hält die Debatte um das Hotelhochhaus seit Jahren an – weshalb ist das Haus Ihrer Meinung nach so umstritten?

Wesolowski: Ich sehe das Haus nicht als umstritten an. Ich sehe lediglich eine öffentlich geführte Debatte, die um eine Sichtachse zwischen wieder errichtetem Stadtschloss und Neptunbrunnen geführt wird. In der steht das Mercure. Das Hotel ist als Wirtschaftsbetrieb unumstritten. Und nach meinem Empfinden wird diese Diskussion doch größtenteils aus ästhetischen Gesichtspunkten geführt. Und der ein oder andere mag sicherlich auch ideologische Interessen verfolgen.

Sucht man bei Google, schlägt die Autocomplete-Funktion als erstes „Potsdam Mercure Abriss“ vor. Wie groß ist der Schaden für Ihr Geschäft?

Wesolowski: Der Schaden lässt sich derzeit noch nicht beziffern. Es kostet uns viel Kraft und Zeit, in einem intensiven Dialog mit den Kunden, die ihre Veranstaltungen und Übernachtungen bei uns buchen, Zweifel auszuräumen und Sicherheit zu geben, wenn in der Öffentlichkeit eine Debatte um den Abriss des Hotels geführt wird. Aber das gelingt uns sehr gut und: Wir sind buchbar und wir bleiben buchbar.

Und die Stimmung im Haus? Wie geht es Ihrer Belegschaft?

Wesolowski: Die Stimmung im Haus ist erstaunlich gut. Trotz der Brisanz der Debatte haben meine Mitarbeiter gelernt, mit dieser Situation besonnen umzugehen. Wir reden ja hier nicht nur von einer Schlagzeile, die in der Zeitung steht, wir reden auch von der täglichen Konfrontation mit den Gästen im Haus, die an der Zukunft des Hotels interessiert sind, sowie von den Fragen von Familien und Freunden zum Arbeitsplatz, denen sich meine Mitarbeiter immer wieder stellen müssen. Dafür möchte ich meinen Mitarbeitern, die alle treu zu ihrem Haus stehen, meinen größten Dank aussprechen. Denn diese Form der Arbeit steht in keiner Stellenbeschreibung.

Wo werden Sie am 27. Januar sein?

Wesolowski: Bei meinen Mitarbeitern und Gästen. Und wenn es sich zeitlich einrichten lässt, werde ich per Livestream die Sitzung der Stadtverordnetenversammlung verfolgen.


Von Nadine Fabian

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