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Mercure Der Mann, dem die Nachtschwärmer vertrauten
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16:54 18.04.2018
Volker Sauerzapf (72) war von 1970 bis 1983 Kellner in der legendären Bar im Potsdamer Interhotel und wechselte dann ins Hotel-Restaurant..   Quelle: Köster
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Potsdam

Ob er ein Gigolo war? Nur ein kleines, ein klitzekleines bisschen? Volker Sauerzapf schaut jetzt sehr, sehr ernst. „Die Chancen waren groß“, sagt der 72-Jährige. „Versuche wurden seitens der Gäste schon einige gestartet – aber nein. Ich war Kellner, kein Eintänzer.“ Wenn ihm damals in den langen, beschwingten Nächten in der 17. Etage des Interhotels hoch oben über den Dächern Potsdams mal wieder eine Dame zuzwinkerte und zum Tanz aufforderte, pflegte er eines gern zu sagen: „Nach Ihrem Takt darf keiner tanzen – schon gar nicht ich.“ Dann machte er, mit einer flüchtigen Verbeugung, wie er sie heute noch darbietet, auf dem Hacken kehrt. Die Etikette, meint Volker Sauerzapf, muss gewahrt bleiben. In jeder Situation – einigermaßen jedenfalls.

So sah sie aus, die Bar hoch oben im Interhotel Potsdam. Quelle: Rotophot

Neben dem Klosterkeller die einzige niveauvolle Tanzbar in Potsdam

13 Jahre lang, von 1970 bis 1983, war Volker Sauerzapf Kellner in der Bar, die in Potsdam so etwas wie eine Legende ist. Weil es sie schon lange nicht mehr gibt. Und weil es schwer war, dort einen Platz zu ergattern. „Eine Vorbestellung hat sich empfohlen“, sagt Volker Sauerzapf. „Wir waren meist acht, neun Wochen im Voraus ausgebucht. Und erst die Wochenenden! Da war Tumult! Kein Wunder – wir waren neben dem Klosterkeller die einzige niveauvolle Tanzbar in der Stadt. Die Hotelgäste hatten zwar Vorrang, aber auch die Potsdamer wollten sich amüsieren.“

Diese Jahre in der Bar, sagt Volker Sauerzapf, der später ins Restaurant im Erdgeschoss wechselte und das Hotel Ende 1991 mit einer der Nachwende-Kündigungswellen verließ, gehören zu den schönsten seines Lebens. Noch schöner war es nur im Luftkurort Oberhof, dem „St. Moritz des Ostens“. Dorthin hatte er sich nach der Lehre im renommierten „Erfurter Hof“ beworben. Ein Jahr lang arbeitete er im Ernst-Thälmann-Haus, bevor’s zur NVA ging. Für die rückwärtigen Dienste eingeteilt, rührte er nicht nur Erbsensuppe, sondern machte auch den Teilfacharbeiterbrief als Koch. „Kochen ist meine Leidenschaft – das sieht man ja auch ein wenig“, sagt Volker Sauerzapf und legt die Hände auf den stattlichen Bauch. In der Küche, nein, da wollte er dennoch nie arbeiten. „Der Umgang mit den Gästen, das hätte mir gefehlt. Empfangen, beraten, bewirten – das war für mich immer das Schönste.“

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Grundsteinlegung

Mit dem Interhotel betraten die Gäste ein kleines Schlaraffenland

Wer damals Ende der Sechziger jung war und im Gastgewerbe begann, hatte meist nur ein Ziel: Ins Interhotel! „Die Interhotels hatten ein hohes Niveau an Gastlichkeit, an Qualität, an Präsenz – und natürlich ein besonderes Warenangebot.“ Dazu gehörten die feinsten Produkte aus der DDR, aus der Sowjetunion und den übrigen Bruderstaaten. Nicht zu vergessen die Getränke aus dem „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“: Bols und Dujardin zum Beispiel, Mosel- und Bordeauxweine, Champagner. Mit dem Interhotel betrat der Gast auch immer ein „halbwestliches“ Schlaraffenland, wie Volker Sauerzapf sagt. „Um dort anfangen zu können, waren entsprechendes fachliches Wissen und Können gewünscht und teilweise auch verlangt.“ Und Wissen und Können – damit konnte er nach seiner Tour durch die besten Häuser der DDR dienen. „Die Branche hat mir meine Mutter in die Wiege gelegt – und strebsam war ich auch“, sagt Volker Sauerzapf. „Ich war kein Faulpelz, ich habe viele Doppelschichten geschoben und mir von den Kollegen viel abgeschaut – mit den Augen zu klauen, ist erlaubt.“

Hotelgeschichte(n)

Am 3. September 2016 leben unter dem Motto „In der 17. hat man noch Träume“ noch einmal das Café Bellevue und die Bar in der 17. Etage des Hotels auf.

Auch eine Ausstellung mit persönlichen Erinnerungen der Potsdamer und ehemaliger Gäste wird für diesen Tag vorbereitet. Dafür sind Fotografien und Anekdoten gefragt: 17etage@gmail.com und Schweiger Design, Steinstraße 44c, 14480 Potsdam.

Das heutige Hotel „Mercure“ wurde als Interhotel am 1. Mai 1969 eröffnet. Es hatte in 17 Etagen mehr als 420 Gästezimmer. Im Sockel waren der Empfangsbereich, die Gastronomie und ein Intershop untergebracht. Im Dachgeschoss gab es ein „Café Bellevue”, das tagsüber zum Imbiss mit Weitblick einlud und nachts zur höchst gelegenen Tanzbar der Stadt wurde. Das Hotel beschäftigte 400 Mitarbeiter – heute sind es noch über 80.

Seit der Wende wurde das Hotel mehrfach umgebaut: 1994 schloss das Panoramacafé; 2002 wurden die Räume zur Konferenz- und Veranstaltungsetage.

Mit mehr als 430 Betten ist das Mercure heute nach Dorint und Kongresshotel das drittgrößte Hotel Potsdams.

Die Immobilie gehört seit wenigen Tagen FDM Management. Betreiber ist die Event Hotelgruppe. Mercure ist eine Marke des global agierenden Accor-Konzerns, zu dem unter anderem Sofitel, Novotel und Ibis gehören. nf

Bevor es ihn nach Potsdam verschlug, war Volker Sauerzapf im Interhotel Warnow in Rostock angestellt, checkte jedoch aus eigenen Stücken aus. „Das nordische Klima war mir nichts“, sagt Sauerzapf und spielt auf den Menschenschlag an. Ihm liege eher die südliche Gemütlichkeit. Gut, Potsdam sei so gesehen ein Kompromiss. Aber einer, der nun schon seit beinahe einem halben Jahrhundert hält.

Von Honecker bis Zsa Zsa Gabor – er hat viele Prominente bedient

In dieser Zeit ist er vielen Menschen aus Nah und Fern begegnet, höflichen und unerzogenen, unbekannten und bekannten wie Katja Ebstein, Audrey Landers und Zsa Zsa Gabor, wie Rolf Hoppe Gojko Mitic und Rolf Ludwig, wie Sigmund Jähn und den Honeckers.

Auf der MAZ-Sonderseite www.MAZ-online.de/mercure haben wir alle wichtigen Information zu Potsdams umstrittenem Hotel zusammengestellt.

Hier können Sie den Bau des Hotels in einer Bildergalerie nachvollziehen, außerdem sind Sie in der Abriss-Diskussion auf dem neuesten Stand.

Und dann waren da natürlich auch noch die Mitarbeiter vom VEB Horch und Guck. „Bei einigen wusste man’s, bei einigen war’s zu vermuten“, sagt Sauerzapf. Aber sicher doch, die Stasi machte auch ihm „freundliche Angebote“. „Nur ich war in dieser Hinsicht äußert unkollegial“, sagt Sauerzapf, der das Thema damals wie heute diskret behandelt. Einmal aber, er arbeitete schon unten im Restaurant, manövrierte er sich mit seiner Schlagfertigkeit in eine brenzlige Situation. Der große Hanns Joachim Friedrichs, damals Tagesthemen-Anchorman, war zu Gast „und wollte gepflegt speisen“. Sauerzapf lotste ihn und seine Begleitung „in ein lauschiges Eckchen“ und kehrte alsbald mit dem Servierwagen zurück, um ein paar Appetithäppchen zu reichen. „Bevor der kleine Hunger kommt – den Spruch konnte ich da ja endlich mal loswerden!“ In just dem Moment, da der Slogan aus der West-Werbung fiel, tippte ihm jemand auf die Schulter. „Guten Tag der Herr Professor der Servierkunst“, zischte der Stasi-Mann. „Guten Tag der Herr Geheimrat“, rutschte es Sauerzapf heraus. Autsch! Der Spitzel ließ sich zwar nichts anmerken und verdrückte sich ins Nachbar-Separee. Aber als Hajo Friedrichs bezahlt hatte – „in DDR-Mark, nicht in Valuta“ –, kam der Stasi-Mann noch einmal auf Sauerzapf zu. „Wir werden uns noch anderswo unterhalten“, drohte er und verschwand. „Es kam nicht“, sagt Sauerzapf. „Bis heute nicht.“

Von Nadine Fabian

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