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Vier Gänge und ein paar Bols für den Rallyesieg

Erinnerungen an das Interhotel Potsdam Vier Gänge und ein paar Bols für den Rallyesieg

Tibet, Patagonien – Hans Hannemann war mit dem Motorrad überall auf der Welt. Dennoch ist dem 73-Jährigen eine Tour in eher unscheinbarer Kulisse besonders in Erinnerung geblieben. 1972 gewann er die Interhotel-Rallye kreuz und quer durch die DDR. Die 200 Mark Preisgeld verprasste er in dem Haus, das heute Mercure heißt. Das war schwerer als gedacht.

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Einst Schmuddelmeile, heute Top-Lage

„Sportfreund Hannemann“ 1969 bei einer Rallye, die er als Klassensieger beendete, wie das Magazin „Illustrierter Motorsport“ berichtete.

Quelle: lau

Potsdam. Noch nie war Hans Hannemann in der 17. Etage des Mercure-Hotels. „Aber das werde ich jetzt wohl nachholen“, sagt der 73-Jährige. Nur ein einziges Mal war er mit seiner Frau Hannelore zu Gast im Mercure. Das hieß damals noch Interhotel und war gerade mal drei Jahre geöffnet. „Wir mussten Gast sein – und zwar aus folgendem Grund“, sagt Hans Hannemann und hebt zu einer tollkühnen Geschichte an...

Wir schreiben das Jahr 1972. Im Mai rollen 160 Autos und Motorräder an den Start der vom Motorsportclub Fernsehelektronik Berlin organisierten Interhotel-Rallye. Die ging damals über die Distanz von 2000 Kilometern, erzählt Hans Hannemann. Kreuz und quer knatterte die Karawane durch das kleine Land zwischen Elbe und Oder. Dabei tangierte die Strecke alle Interhotels der DDR – von Suhl bis Rostock. Und mittenmang im Tross: Hans Hannemann!

Hans Hannemann beim Geschicklichkeitsfahren

Hans Hannemann beim Geschicklichkeitsfahren.

Quelle: privat

Der im winzigen Kanin (Beelitz) aufgewachsene Motorradverrückte ist wie zu jedem seiner Rennen akribisch vorbereitet. Die Stullen sind geschmiert und mit einem Apfel und einer Flasche Wasser im Rucksack verstaut. Obenauf fünf Paar Handschuhe. Falls es regnen sollte. Und es sollte! Dazu Gummijacke, Gummistiefel und Gummihose aus der Bäuerlichen Handelsgenossenschaft. Nicht zu vergessen die Weckgummis für die Fußgelenke, auf dass die Hosenbeine nicht allzu sehr im Wind schlackern. Die Landkarte ist auf dem selbst gebauten Kartenbrettchen auf dem Tank platziert: „Navi und solchen Schnickschnack gab es ja noch nicht.“ Und ach ja! Fünf Liter Reservebenzin waren wohl auch noch dabei. „Wir hatten ja nur 200 Kilometer Reichweite“, sagt Hans Hannemann, der sich ein Lachtränchen aus dem Augenwinkel wischt. „Das kann man heute ja alles gar nicht mehr erzählen!“

Als er damals an den Start geht, hat er schon einige Erfahrung auf der MZ. Zehn Jahre, um genau zu sein. Im denkwürdigen Februar 1962, jenem Februar, da zum ersten Mal Spione auf der Glienicker Brücke ausgetauscht wurden und eine Sturmflut Hamburg traf, bekam Hans Hannemann sein erstes Motorrad. Eingefädelt hatte das die Mutter, die Beziehungen zum Kfz-Laden in Werder hatte. „Ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen, wie ich mitten im Winter ohne Sturzhelm die Bismarckhöhe runter und nach Hause gesaust bin. Das war mein erster Motorradtraum.“ Viele sollten folgen. Hannemann fährt voran, gewinnt Rennen auf Rennen, wird acht Mal DDR-Meister, ziert Titelseiten und sogar Poster. Bis zur Wende bleibt er der MZ treu, danach geht’s mit der Honda von Potsdam-Babelsberg aus hinaus in die Welt. Hans Hannemann bereist alle Erdteile, schnauft mit dem Motorrad aufs Dach der Welt in Tibet, und wird an ihrem Ende in Süd-Patagonien vom Wind fast aus dem Sattel weht. „Mindestens eine Million Kilometer hab ich runter“, sagt Hans Hannemann. „Das ist mein Leben – einfach traumhaft.“

Bis zur Wende hielt Hans Hannemann MZ die Treue

Bis zur Wende hielt Hans Hannemann MZ die Treue. „Es gab ja auch kaum West-Importe“, sagt er. Heute fährt der 73-Jährige eine Honda.

Quelle: Nadine Fabian

Traumlos war sicher das Nickerchen, das er damals auf der Interhotel-Rallye 1972 macht. „Als wir am 7. Mai in Magdeburg nach 1500 Kilometern eine Zwangspause einlegen mussten, habe ich nur 90 Minuten geschlafen und dann bin ich wieder auf meine MZ ES 150 gestiegen und habe die letzten 500 Kilometer abgedrückt. – Das mit einem Motorrad mit 11 PS bei Sauwetter, Regen ohne Ende – aber aufgeben gab es nicht.“

Wer sich die Rallye nun als Start-Ziel-Ritt vorstellt, immer volle Tube, auf dass der Schnellste gewinne, der irrt. „Für jede Etappe war eine bestimmte Zeit vorgegeben“, erklärt Hannemann. „Sagen wir, der Start war um 9.04 Uhr in Berlin, dann musste man zum Beispiel um 11.56 Uhr in Leipzig sein – keine Minute früher und keine Minute später, sonst gab’s Strafpunkte. Zwischen den Etappen waren spezielle Übungen wie Slalom zu absolvieren. Da musste man schnell sein und möglichst wenige Fehler machen – das konnte am Ende über den Sieg entscheiden.“


Hannelore und Hans Hannemann haben sich den 3

Hannelore und Hans Hannemann haben sich den 3. September vorgemerkt und liebäugeln damit, der 17. Mercure-Etage einen Besuche abzustatten, wenn dort das Café und die Bar noch einmal aufleben.

Quelle: Nadine Fabian

Hans Hannemann gewinnt damals die Rallye und damit einen Gutschein im Wert von 200 DDR-Mark – einzulösen in einem Interhotel seiner Wahl. „Was lag näher, als dies in Potsdam zu tun?“, sagt er. Genau einen Tag vor dem Verfallsdatum schlendert er mit seiner Hannelore ins Hotelrestaurant. „Wir haben den Schein förmlich verprasst – aber das war gar nicht so einfach!“ Er erinnert sich heute nicht mehr daran, ob es drei oder vier Gänge waren, „aber sie waren vom Feinsten!“. Als sich Hans und Hannelore – sie ist damals mit der zweiten Tochter schwanger – die Bäuche streicheln und der Kellner zu ihnen tritt, waren die 200 Mark allerdings noch immer nicht „getötet“, wie Hannemann sagt. „Der Kellner machte mir den Vorschlag, noch einige besonders teure Schnäpse zu trinken – das vergesse ich nie. Ich hatte ein paar Bols und war ganz schön angeschnasselt.“

In der Debatte, die nun, so viele Jahre später, um das Hotel entbrannt ist, mag er sich auf keine Seite schlagen. „Es kommt wie’s kommt“, sagt Hans Hannemann. Den 3. September hat er dennoch im Kalender markiert. Wenn für einen Tag und eine Nacht das Café und die Bar im 17. Stock wieder aufleben, wäre er mit seiner Hannelore gern dabei. Vielleicht kommen sie ja mit der Honda. Denn wie sagt Hans Hannemann so schön? „Richtig Motorrad fahren kann man nur alleine. Zu zweit fährt man höchstens zum Kaffeetrinken.“

Teilen Sie Ihre Mercure-Erinnerungen!

Am 3. September 2016 leben unter dem Motto „In der 17. hat man noch Träume“ das Café Bellevue und die Bar in der 17. Etage des Mercure-Hotels noch einmal auf. Für diesen Tag wird auch eine Ausstellung mit persönlichen Erinnerungen der Potsdamer und ehemaliger Gäste vorbereitet.

Waren Sie einmal Gast im Interhotel? Haben Sie Fotografien von diesem Besuch oder eine nette Anekdote und möchten Ihre Erinnerungen teilen?

Die Organisatoren sind via E-Mail an 17etage@gmail.com und per Post an Schweiger Design, Steinstraße 44c, 14480 Potsdam zu erreichen. nf

 

Von Nadine Fabian

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