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Merkel wirbt für bessere Integration Behinderter

Bundeskanzlerin hält Oberlin-Rede in Potsdam Merkel wirbt für bessere Integration Behinderter

Wie lebte es sich eigentlich in einem Pfarrhaushalt und wie wurden zu DDR-Zeiten Behinderte gefördert? Bundeskanzlerin und Pastorentochter Angela Merkel (CDU) sprach in der Babelsberger Oberlinkirche über ihre Kindheit und die Integration von Behinderten.

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„Luther ist ein Großer“: Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt anlässlich des Reformationsjubiläums die Rede in der Oberlinkriche.

Quelle: Fotos: Gartenschläger

Babelsberg. Jede Woche ein Schwein. So war es auf dem Waldhof üblich. Und die junge Angela, die damals noch Kasner hieß, mittendrin. „Jede Woche wurde für die Küche ein Schwein geschlachtet und ich habe mich daran beteiligt“, sagt die heutige Bundeskanzlerin. „Es war eine tolle Kindheit.“

Was für Stadtkinder martialisch klingen mag, war für Angela Merkel normal. Dafür war ihre Kindheit zu DDR-Zeiten aus anderen Gründen ungewöhnlich: Sie wuchs als Tochter eines streitbaren Pastors auf dem Waldhof bei Templin (Uckermark) auf, einem Pastoralkolleg der evangelischen Kirche mit Behinderteneinrichtung. Hier schließt sich der Kreis zum Babelsberger Oberlinhaus, einer diakonischen Einrichtung, die sich seit 150 Jahren für Kinder und Behinderte engagiert. Auf deren Einladung hält die CDU-Politikerin Mittwochabend vor geladenen Gästen in der Oberlinkirche die traditionelle Oberlin-Rede, zur der jedes Jahr eine bekannte Persönlichkeit gebeten wird. Anschließend plaudert Merkel launig mit Matthias Fichtmüller, Theologischer Vorstand des Oberlinhauses und selbst Pastorenkind, über ihr Aufwachsen im Pfarrhaushalt.

Mitschüler wussten nicht, wie sie mit Behinderten umgehen sollen

Mit beginnender Pubertät sei es nicht so einfach gewesen, sich in der Schule als Tochter eines Pfarrers zu outen. Ein Nachbar habe ihr geraten, wenn sie danach gefragt werde, doch einfach zu nuscheln ihr Vater sei „Fahrer“. „Aber ich bin halt mal ’ne Pastorentochter, also was soll man das machen.“ Und wenn die Eltern mal keine Zeit gehabt hätten, dann eben der Gärtner auf dem großen Hof mit vielen Bewohnern.

Das Leben auf dem Waldhof habe ihr vor allem gezeigt, wie wichtig ein normales Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung ist. „Mitschüler hatten Angst, mich zu besuchen, weil sie nicht wussten, wie man mit Behinderten umgeht“, erzählt Merkel. In der Einrichtung waren geistig Behinderte untergebracht, die in der DDR als nicht bildungsfähig eingestuft worden seien. „Menschen mit Down-Syndrom wurden zu der Zeit an Betten festgebunden. Das war sehr traurig.“ Dass sich das Bewusstsein für Menschen mit Handicap nach der Wende geändert habe, sei höchste Zeit geworden, aber noch immer gebe es für eine „Bildung für alle“ noch eine Menge zu tun. Egal ob Menschen mit oder Behinderung, mit oder ohne Migrationshintergrund – für alle müsse es Förderangebote geben. Sie sei aber überzeugt, dass dafür neben Regelschulen auch weiterhin Förderschulen nötig seien. Gleiches gelte für den Arbeitsmarkt: Behinderte müssten auf dem ersten Arbeitsmarkt Chancen bekommen, aber – wenn sie es wünschen – auch in speziellen Werkstätten, also einem geschützten Umfeld, arbeiten können. Um bessere Bildung für alle zu erreichen, müssten zunächst die Familien gestärkt werden. „Ich selbst habe, zumindest bei den Dingen, die mein Wesen ausmachen, mehr in der Familie gelernt als in der Schule.“ Die „Ertüchtigung“ von Eltern, die in schwierigen Verhältnissen leben, sei dafür die Basis.

Merkel: „Luther ist ein Großer“

Als große Reformatorin sieht sich die Kanzlerin, die ihre Rede im Jahr des Reformationsjubiläums hält, nicht. „Luther ist ein Großer“, bekennt sie und räumt ein, dass sie es selbst mit dem Kirchgang inzwischen nicht mehr so genau nimmt. Sie singe gerne und „gegen eine gute Predigt habe ich auch nichts“, so Merkel, aber zum regelmäßigen Gottesdienstbesuch am Sonntag fehle ihr die Zeit. Als Erinnerungsgeschenk gibt es für die Kanzlerin einen Holz-Handfeger mit langem Stil, gefertigt von Behinderten der Oberlin-Werkstätten. Mit diesem könne sie bei den Koalitionsverhandlungen den politischen Gegner streicheln – oder eben auf Distanz halten, so Fichtmüller. „Mit dem kann man auch Spinnweben aus der Ecke holen“, meint Merkel mit gewohnt trockenem Humor. „Ein wunderschönes Stück“, schwärmt die Märkerin, „so etwas kriegt man ja heute nicht mehr.“

Von Marion Kaufmann

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