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Mieter sehen „lebensbedrohlichen Missstand“

Hochhaus im Humboldtring in Potsdam Mieter sehen „lebensbedrohlichen Missstand“

Michael Brix (82) ist Mieter im Haus Humboldtring 13 in Potsdam. Dass der Fahrstuhl für den Rettungsdienst mit Trage nicht nutzbar ist, hält er für einen lebensbedrohlichen Missstand. Der Fahrstuhl lässt sich nur mit einem Schlüssel vergrößern, den der Hausmeister hat – der betreut aber mehrere Häuser, ist daher nicht immer vor Ort und nicht immer erreichbar.

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Das Haus Humboldtring 13: Wer hinauf oder hinunter will, hat ohne Fahrstuhl einen weiten Fußmarsch vor sich.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Zentrum-Ost. Im 14. Stock wohnt die Angst. Sie hatte sich dort schon eine Weile verkrochen, aber seit dieser Woche hockt sie sich mit aufs Sofa, wenn Michael Brix und seine Frau Sonja einen Kaffee trinken, wenn sie mit den Kindern und Enkeln telefonieren, wenn sie Zeitung lesen und zum x-ten mal über das reden, was am Dienstag hier oben passiert ist – dass sie einfach nicht verstehen können, weshalb es überhaupt soweit kommen musste.

Seit 37 Jahren leben Sonja und Michael Brix am Humboldtring 13. Vier Zimmer, Küche, Bad und ein Blick über Potsdam, der seinesgleichen sucht. Die Eheleute sind mit dem Haus verbunden, das ist zu spüren. „Hier ziehe ich nicht mehr aus“, sagt Michael Brix (82). „Hier müssen Sie mich raustragen.“ Wenn das überhaupt geht, möchte man hinzufügen, hat man erst seine Geschichte gehört. Michael Brix ist aufgebracht. „Wir alle sind in diesem Hochhaus nicht sicher. In diesem Haus herrscht ein lebensbedrohlicher Missstand.“ Demnach kam es am Dienstag dieser Woche, zu einem Rettungsdiensteinsatz ganz oben im Haus. „Ein Nachbar musste plötzlich ins Krankenhaus, aber die Sanitäter kamen mit der Trage nicht in den Fahrstuhl“, so Michael Brix.

Michael Brix in dem Aufzug, der sich bei Bedarf vergrößern lässt – allerdings nur, wenn man den Schlüssel dazu hat

Michael Brix in dem Aufzug, der sich bei Bedarf vergrößern lässt – allerdings nur, wenn man den Schlüssel dazu hat.

Quelle: Nadine Fabian

Auf den ersten Blick sind beide Fahrstühle gleich groß. Einer von ihnen lässt sich allerdings vergrößern – Sperrgutrucksack heißt das hinter einer Tür verborgene Abteil. Öffnen lässt sich die Tür nur mit einem Schlüssel, den der Hauswart hat. Der Hauswart, sagt Brix, ist betreut in Potsdam jedoch mehrere Immobilien und ist nicht immer vor Ort und auch nicht immer erreichbar – so auch am Dienstag. „Was kaum jemand im Haus weiß: Der Hauswart hat mir vor Jahren schon einen Schlüssel für den Ernstfall ausgehändigt“, sagt Michael Brix. Öffentlich bekannt gemacht habe man die Sache nicht. Grund: Der Vermieter, die Deutsche Wohnen, erlaubt so einen Transfer nicht. Nur wenige der Hausbewohner habe er daher ins Vertrauen gezogen. Eine Nachbarin, die davon wusste, schlug am Dienstag schließlich Alarm. So sei der Krankentransport nach einer halben Stunde Aufregung endlich über die Bühne gegangen.

Der Nachbar ist noch immer in der Klinik, sagt Michael Brix. „Es war kein Herzinfarkt, kein Schlaganfall, aber eine schwere Lungenentzündung.“ Auch Michael Brix geht es nicht gut. Nach dem großen Schreck griff er zum Telefon und wählte die Nummer der Immobiliengesellschaft. „Das war naiv! Eine Dummheit!“, sagt Michael Brix. Er habe aber unbedingt auf das Problem hinweisen und darum bitten wollen, dass entweder ein Notfallschlüssel offiziell im Haus hinterlegt oder aber die Tür immer offen gelassen wird. „Hier leben so viele Menschen im Haus – ein großer Teil davon Senioren... Es kann doch jederzeit wieder etwas passieren.“

Gibt es das Problem auch in anderen Hochhäusern?

Die Quittung kam prompt. Kurz nach dem Anruf stand der Hausmeister vor der Tür und forderte im Auftrag der Immobiliengesellschaft den Schlüssel zurück. Doch Michael Brix weigerte sich. „Ich rücke den Schlüssel nicht raus, auch wenn die Polizei kommt!“ – das habe er sich geschworen, aber dann doch lieber beim Mieterverein nachgefragt. Die Experten rieten ihm, den Schlüssel unbedingt abzugeben, was Michael Brix dann auch tat. „Ich habe meinen passiven Widerstand aufgegeben“, sagt er, „aber nicht das Bemühen, doch noch etwas an dem Zustand zu ändern. Das Problem gibt es ja wahrscheinlich nicht nur in diesem Haus.“

Gerade mal 50 Meter vom Hochhaus Nummer 13 entfernt steht ein baugleiches Exemplar. Haus Nummer 11 gehört der städtischen Gewoba. Die hat die Aufzüge laut Sprecherin Jessica Beulshausen vor zwei Jahren umbauen lassen, so dass nun eine 500- sowie eine 1000-Kilogramm-Kabine vorhanden sind. „Ein Transport mit Krankentrage ist nur bei Aufzügen mit einer Tragkraft von 1000 Kilogramm möglich“, so Jessica Beulshausen. „Bei Aufzügen mit geringerer Tragkraft müssen Treppen oder ein Transport mit Tragetüchern erwogen werden.“ In anderen Gewoba-Häusern gibt es noch Fahrstühle mit Rucksack. Bei diesen sei der hintere Teil immer abgesperrt und werde ausschließlich von den eingewiesenen Hausmeistern aufgeschlossen. „Der zuständige Hausmeister ist vor Ort oder über Handy erreichbar“, versichert Beulshausen. Man nehme den Vorfall im Haus Nummer 13 aber zum Anlass, um die Frage der Zugänglichkeit in Notsituationen zu prüfen.

Den Lift offen zu lassen, kommt für den Vermieter nicht in Frage

Auch die Deutsche Wohnen, der in Potsdam 1955 Wohnungen gehören, weiß um den Zwiespalt . „Unabhängig von dem Fall haben wir der Feuerwehr den Schlüssel angeboten“, sagt Unternehmenssprecher Marko Rosteck. Eine Antwort gebe es noch nicht. Den Fahrstuhl offen zu lassen, komme derweil nicht in Frage. „Er ist dafür nicht ausgelegt“, so Rosteck. Dass man die Tür öffnet, sei nur für Ausnahmen gedacht. Es sei auch nicht möglich, den Schlüssel im Haus zu hinterlegen oder einem Mieter anzuvertrauen. „Wir tragen die Verantwortung für das Haus, den Fahrstuhl und die Menschen, die damit fahren“, so Rosteck. Diese Verantwortung könne man nicht ohne Weiteres aus der Hand geben, „schon aus Versicherungsgründen nicht“.

Michael Brix gibt diese Antwort nicht zufrieden. „Die Situation ist unhaltbar. Es muss doch möglich sein, eine Lösung zu finden“, sagt er. „Was, wenn mal jemand die medizinische Hilfe, die er braucht, wegen des zu kleinen Fahrstuhls nicht bekommt? Sind Versicherungsgründe mehr wert als ein Menscheneben?“

Von Nadine Fabian

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