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Missbrauchs-Verdacht an Potsdamer Kita

Staatsanwaltschaft ermittelt Missbrauchs-Verdacht an Potsdamer Kita

Es ist ein schlimmer Verdacht – in Potsdam ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen sexuellen Missbrauch in einer Kita. In der Einrichtung „Am Heiligen See“ soll es zu Übergriffen an zwei Jungen gekommen sein. Die Kita gehört zum Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk und stand vor einiger Zeit schon einmal im Fokus der Ermittler.

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Die Kita „Am Heiligen See“ liegt idyllisch und ist in einem denkmalgeschützten Landhaus untergebracht.

Quelle: Foto: Christel Köster

Potsdam. Die Vorwürfe wiegen schwer: Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt erneut „wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs“ an einer Potsdamer Kindertagesstätte. Das bestätigte der Sprecher der Potsdamer Staatsanwaltschaft, Christoph Lange, am Mittwoch auf MAZ-Anfrage. Bei der Kita handelt es sich nach Polizeibestätigung um eine Einrichtung des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks (EJF) am Heiligen See. Die Vorwürfe richteten sich laut Lange „gegen Unbekannt“. Aus „ermittlungstaktischen Gründen“ würden keine Details bekannt gegeben, so Polizeisprecherin Jana Birnbaum.

Eltern erstatteten Anzeige

Wie die MAZ erfuhr, sollen zwei Jungen den Vorgang ins Rollen gebracht haben. Eltern erstatteten dann Anzeige. Die mutmaßlichen Vorfälle sollen schon etwas zurück liegen. „Wir haben im Sommer, nach Ende unserer Schließzeit, durch die Polizei von der Anzeige erfahren“, sagt Sigrid Jordan-Nimsch, Referentin für Kindertagesstätten beim in Berlin ansässigen EJF. Der Träger habe sofort reagiert und zu einer Elternversammlung geladen. Auch Ministerium und Jugendamt seien durch den Träger informiert worden. Das EJF und auch die Kita selbst seien ganz transparent mit den Vorwürfen umgegangen. „Es steht keiner unserer Mitarbeiter unter Verdacht“, betont Jordan-Nimsch zudem. Das habe ihr die Polizei mitgeteilt. Die Vorwürfe sollen sich nach MAZ-Informationen nicht gegen Erzieher oder Mitarbeiter der Kita richten, sondern gegen eine Person, die Zugang zu der Einrichtung hatte. Die Kita hat rund 120 Plätze für Kinder im Krippen- und Kindergartenalter.

Das gemeinnützige EJF, das in Potsdam insgesamt sieben Tagesstätten betreibt, ist damit schon zum wiederholten Mal mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert: Bereits vor einem Jahr hatten besorgte Eltern Anzeige erstattet, weil sich Kinder in zwei anderen EJF-Kitas in der Potsdamer Innenstadt belästigt fühlten. Der Verdacht richtete sich gegen einen nicht pädagogisch tätigen Mitarbeiter, der daraufhin vom EJF suspendiert wurde. „Die Ermittlungen in dem Fall sind noch nicht abgeschlossen“, so Sigrid Jordan-Nimsch. Eltern hatten den Kita-Mitarbeiter angezeigt. Die mutmaßlichen, nicht näher benannten Vorfälle sollen sich bereits im Sommer und Herbst 2014 zugetragen haben. Der Ex-Mitarbeiter sei noch immer suspendiert, so Jordan-Nimsch. Einen Zusammenhang mit dem nun öffentlich gewordenen, neuen Verdachtsfall gebe es nicht. Sie hoffe, dass es in allen Fällen bald eine Klärung der Vorwürfe gebe.

Sexuelle Gewalt gegen Kinder

Laut Polizei ist sexuelle Gewalt gegen Kinder ein weites Feld. Im rechtlichen Sinne übt ein Erwachsener oder Jugendlicher sexuelle Gewalt aus, wenn er seine Autorität, seine körperliche und geistige Überlegenheit sowie die Unwissenheit, das Vertrauen oder die Abhängigkeit eines Kindes zur Befriedigung seiner sexuelle Bedürfnisse und zur Machtausübung benutzt.

Körperliche Gewalt muss dabei nicht notwendigerweise eine Rolle spielen. Nicht immer kommt es zu körperlichen Übergriffen und dem Anfassen der Kinder. Als sexuelle Gewalt gilt auch das Belästigen mit obszönen Redensarten (auch per Mail oder Telefon). Auch wer einem Kind pornografisches Material vorführt, macht sich strafbar.

Betroffen von sexueller Gewalt sind Kinder aller sozialen Schichten und aller Altersgruppen, auch Kleinkinder und Säuglinge.

In 75 Prozent der Fälle sind die Täter laut Polizei Menschen, die den Kindern bekannt sind.

Experte: Ermittler brauchen Fingerspitzengefühl

„Bei solchen Verfahren ist grundsätzlich besonderes Fingerspitzengefühl seitens der Ermittlungsbehörden gefragt“, sagt der stellvertretende Leiter des Sozial-Therapeutischen Instituts Berlin-Brandenburg (Stibb), Robert Müller. Das Stibb berät Missbrauchsopfer und ist auch präventiv in Kitas unterwegs. „Je kleiner die Kinder, desto komplexer“, erläutert Müller. Es sei nicht ungewöhnlich, dass sich Ermittlungen bei solchen Verdachtsfällen lange hinziehen. „Kinder brauchen Zeit, um Vertrauen zu den Ermittlern aufzubauen.“ Ungeachtet dessen, ob sich die Vorwürfe bewahrheiteten oder nicht, müsse den Kindern, aber auch den Eltern signalisiert werden, dass sie kein schlechtes Gewissen haben müssen. Es könne auch vorkommen, dass sich ein Verdacht nicht bestätigt – dennoch müssten Kindern sich trauen dürfen, für sie Unangenehmes offen zu erzählen.

Nach Angaben des Stibb steigt die Zahl der Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern im Kita-Alter. Betreute die Einrichtung 2010/11 noch 38 Fälle von missbrauchten Kindern bis fünf Jahre, waren es 2014/15 schon 86 Fälle. Nach wie vor würden die meisten Fälle von sexuellem Missbrauch aber nicht angezeigt. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer von 90 Prozent aus.

Von Marion Kaufmann

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