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Potsdam Misstrauen gegen neue Siedlungsgebiete
Lokales Potsdam Misstrauen gegen neue Siedlungsgebiete
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10:11 24.01.2019
Hier In Fahrland und in Golm möchte die Stadt neue Siedlungsgebiete für Gewerbe, Wissenschaft, Infrastrutur und Wohnen schaffen. Quelle: Rainer Schüler
Fahrland / Golm

Potsdams Bauverwaltung sucht händeringend nach Flächen zur Erweiterung des Siedlungsgebietes. Für die Ortsteile Fahrland und Golm am Nordrand der wachsenden Stadt will die Behörde deshalb zwei so genannte Suchgebiete ausweisen, die Platz bieten für neue Gewerbe- und Infrastrukturobjekte, aber auch für Wohnungen und Sozialeinrichtungen (MAZ berichtete). Doch in den Ortsteilen regt sich sofort Widerstand, vor allem, weil die neuen Baugebiete in Landschaftsschutzgebieten (LSG) liegen, die ihren Schutzstatus verlieren würden. Doch die Wahrscheinlich ist hoch, dass das Landesumweltamt der Herauslösung der Suchgebiete aus den Schutzgebieten zustimmt, weil sonst wichtige Entwicklungsziele Potsdams in Gefahr geraten, die Straßenbahntrasse nach Krampnitz, Fahrland und Golm etwa.

Suchflächen sind Schutzgebiete

„Es handelt sich in beiden Fällen um sehr große Flächen, die nahezu komplett im Landschaftsschutzgebiet liegen“, sagt Tina Lange von der Bürgerinitiative Fahrland: „Eine Herauslösung funktioniert nur, wenn Landesbehörden mitspielen.“ Damit rechne Baudezernent Bernd Rubelt (parteilos) aber „felsenfest“; das habe er auf mehrere Nachfragen bestätigt bei seiner Werbetour Anfang Januar durch die Fraktionen.

Dieser Acker am Rand von Fahrland soll „Suchgebiet“ für neue Siedlungen werden, doch er liegt im Landschaftsschutzgebiet. Quelle: Rainer Schüler

 

Für die Planung der Tram-Erweiterung im Norden sowie die Planung einer alternativen Tram nach Golm sei die Ausweisung von Prüfarealen für zukünftige Entwicklungsgebiete notwendig, um möglichen Bodenpreisspekulationen vorzubeugen – da ab dem Zeitpunkt des Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung die aktuellen Bodenpreise eingefroren werden, hatte Rubelt argumentiert.

Tram-Verlängerung leitet Siedlungsbau ein

als Doch in Fahrland ist man misstrauisch. „Wir haben vor allem den Eindruck, dass der eigentlich gute und dringend notwendige Plan zur Vermeidung des Verkehrskollaps – die Verlängerung der Tram bis Fahrland – hier durch überfliegende Pläne künstlich aufgebläht wird“, sagte Lange der MAZ. Dabei bestehe die Gefahr, dass man am Ende „mal wieder mit noch mehr Wohnbebauung, aber ohne jegliche dazugehörige Infrastruktur da stehen. Weil das Projekt eine Nummer zu groß ist.“

An den Ortsteilrändern von Fahrland und Golm weist die Stadt „Suchgebiete“ aus für Stadterweiterungen, doch müsste man in Landschaftsschutzgebieten bauen. Konflikte stehen vor der Tür.

Statt einfach die Tram zu bauen, werde hier „gleich wieder ein Großprojekt draus gemacht“ – mit Tram-Depot, Stadtentsorgungsflächen und Berufsfeuerwehrfläche – alles im Zuge von Krampnitz nötig, sagte Lange der MAZ: „Warum aber eigentlich in Fahrland und im Landschaftsschutzgebiet und nicht in Krampnitz?“

Spielplätze als Feigenblatt für Wohnquartier

Die Pläne der Stadt würden sogar Wohnbebauung enthalten – nebst dann ebenfalls notwendigen weiteren Flächen für die Schulerweiterung, Kitas, Spielplätze und Kleingärten. Die Schulerweiterung werde bereits seit knapp einem Jahr auch ohne Entwicklungsgebiet geplant, so Lange. Kitas sind bereits zwei weitere entlang der Gartenstraße vorgesehen, „weitere bräuchte man nur, wenn hier nochmal massiv Wohnbebauung geplant wird.“ Spielplätze wiederum fordere man in jedem Bebauungsplan in Fahrland: „Warum denkt man nicht am Friedhof oder an der Ketziner Straße mal an einen Spielplatz?“ Und Kleingärten seien nötig in Potsdam, „aber hier haben sie nur den faden Beigeschmack, die Wohnbebauung mit verkaufen zu wollen.“

Fahrland will kein Klein-Krampnitz

Lange erinnert daran, dass die Suchfläche in Fahrland 62 Hektar groß ist –mehr als doppelt so groß wie die beiden Semmelhaack-Viertel Upstall-Nord und -Süd zusammen. „Das werden wir so nicht mitmachen. Tram ja, aber kein Klein-Krampnitz!“ Die Nutzung dieses Areals sollte sich „auf das absolut Notwendigste beschränken“. Das seien vor allem die Tram, gegebenenfalls mit Tram-Depot, und die dringend notwendige Schulerweiterung, mehr nicht. Das Landschaftsschutzgebiet Königswald mit Havelseen und Seeburger Agrarlandschaft, in dem das Suchgebiet 0,5 Prozent ausmacht, ist insgesamt 9915 Hektar groß.

Auch Ortsvorsteher Claus Wartenberg (SPD) ist strikt gegen eine Wohnbebauung: „Das würde doch Krampnitz entwerten.“ Mit der Tramtrasse, der Wendeschleife, dem Tram-Depot, der Feuerwache-Nord, dem Abfallsammelpunkt der Stadtentsorgung und einem Betriebshof des Grün- und Verkehrsflächenamtes sieht er die Suchfläche schon ausgelastet.

Von den Plänen aus der Presse erfahren

„Wir haben von den Suchplänen erst aus der Zeitung erfahren“, sagt Sylvia Frenzel (Bürgerbündnis), stellvertretende Vorsitzende des Ortsbeirates Golm: „Wenn Bauflächen gesucht werden, wird auch gebaut. Das lehrt uns die Erfahrung“. Die Stadt habe im Ortsteil schon oft „gemacht, was sie will“. So seien aus dem Landschaftsschutzgebiet Potsdamer Wald- und Havelseengebiet schon zwei Hektar herausgetrennt worden für ein Ein- und Mehrfamilienhausgebiet.

Für dieses Wohnquartier zwischen dem Ortsteil Golm und dem Universitätskomplex vor der Bahntrasse wurden bereits zwei Hektar aus dem Landschaftsschutzgebiet herausgelöst. Quelle: Rainer Schüler

Sie werde sich wehren gegen weitere Beschneidungen des Schutzgebietes und darauf drängen, dass eine neue Besiedlung vor allem jenseits und östlich der Bahnlinie stattfindet, sagte Frenzel der MAZ. Dort stehen derzeit drei große Gebäude des Wissenschaftsparkes, der um ein viertes ergänzt wird, das Gründerzentrum GoIn2. Die Stadt sagt, alle dortigen Flächen seien vergeben, verkauft oder verplant; der „boomende Wissenschaftspark“ müsse sich ausdehnen können. Aus dem Standortmanagement hat Frenzel aber gehört, dass durchaus nicht alles vergeben ist.

Golmer Mitte nicht erkennbar

Golm hatte mal eine Ortsmitte“, sagt Frenzel: „Den Reiherberg mit der Kirche.“ Was danach neu gebaut wurde, zeige nirgends ein Stadtteilzentrum, obwohl eines neben der Rewe-Kaufhalle entstehen sollte. Die Pläne waren noch vergangenen Sommer auf einem großen Bauschild abgebildet, doch sind sie nach Frenzels Kenntnis inzwischen verworfen und großenteils durch eine weitere Wohnblockbebauung ersetzt worden.

Im Umfeld des Rewe-Marktes Golm sollte ein neues Ortsteilzentrum entstehen. Entstanden ist nichts. Die Straße in der Feldmark ist zu klein für ungehinderten Bus- und Lkw-Verkehr. Quelle: Rainer Schüler

 

Die zu Rewe führende Wohnquartiers-Erschließungsstraße In der Feldmark sei durch den Bus- und Schwerlastverkehr längst überfordert; es brauche andere Erschließungswege. Man müsse „erstmal in Golm selbst Lösungen suchen“, statt neue Flächen am Rand zu bebauen.

Landwirte müssten Flächen abgeben

Die Suchfläche in Golm ist 66 Hektar groß, die fast komplett im LSG liegen, das insgesamt 19.355 Hektar umfasst. Im Prüfgebiet liegen vor allem bewirtschaftete Agrarflächen, aber auch Waldgebiete. Frenzel will die Landwirte vor einem Zwangsverkauf der Flächen, die Waldanteile vor Abholzung und das Schutzgebiet vor Überbauung schützen.

Die Weiterführung der Straßenbahnlinie vom Jungfernsee über Krampnitz und Fahrland nach Golm kann sie nachvollziehen, nicht aber, dass dies an neue Gewerbe- und Wissenschaftsbauten sowie neue Wohnquartiere gekoppelt wird. Das, was derzeit schon gebaut wird, sei gesichtslos genug. „Die Grundstücke werden immer kleiner und immer teurer“, sagt sie. Die Häuser sähen „irgendwie alle gleich“ aus.

Von Rainer Schüler

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