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Mobilfunkstrahlung knapp unter Grenzwert

Mobilfunk in Potsdam Mobilfunkstrahlung knapp unter Grenzwert

Professor Matthias Hampe von der Ostfalia Fachhochschule in Wolfenbüttel (Niedersachachsen) will bundesweit die Aufmerksamkeit für die Strahlenbelastung aus dem Mobilfunkbetrieb wecken. Er fährt die Straßennetze deutscher Großstädte ab und misst die Feldstärke der Sendemasten, auch in Potsdam. Vielerorts in der brandenburgischen Landeshauptstadt liegen die Sendeleistungen an der Grenze; Überschreitungen der Grenzwerte gibt es aber bislang noch nicht. Allerdings sind die Messdaten stadtweit lückenhaft.

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Die noch unvollständige Feldstärkenkarte zeigt die Strahlungsintensität der Sendeanlagen.

Quelle: Viridas

Wolfenbüttel / Potsdam. Niemand hat davon etwas gemerkt: „Klammheimlich“ hat ein Student der Ostfalia-Fachhochschule Wolfenbüttel im Juli dieses Jahres Potsdams Mobilfunkstrahlung vermessen. Mit einem ganz normalen Kleinwagen, einer Hochleistungsantenne im Dachkoffer und teurer Datentechnik im Laderaum ist er das Hauptstraßennetz der Landeshauptstadt abgefahren, hat Strahlungsquellen aufgespürt, nach Grenzwertüberschreitungen im Mobilfunknetz gefahndet. Herausgekommen ist eine Sendestärken-Karte voller bunter Punkte von blau für „gering belastet“ bis rot wie „hoch“. Grenzwertig war es mancherorts, doch eine Grenzwertverletzung gab es nirgends: kein Purpur auf dem „Punkte-Plan“. Noch nicht. Denn das Messnetz ist alles andere als dicht geknüpft.

Sieht simpel aus, ist aber hochsensibel

Sieht simpel aus, ist aber hochsensibel: Hampes Antenne zur Messung von Mobilfunkfeldern.

Quelle: Viridas GmbH
Im Dachkoffer dieses Kleinwagens verbirgt sich eine Hochleistungsantenne, mit der man Strahlungsquellen im hochfrequenten Mobilfunkbereich messen kann

Im Dachkoffer dieses Kleinwagens verbirgt sich eine Hochleistungsantenne, mit der man Strahlungsquellen im hochfrequenten Mobilfunkbereich messen kann.

Quelle: Viridas GmbH

Matthias Hampe (38) hat Studenten in die Spur geschickt. In einer Kette von 50 deutschen Städten, darunter alle Landeshauptstädte der Bundesrepublik, war Potsdam ein erstes Glied und der junge Mann am Steuer noch unerfahren im „flächendeckend fahren“. „Im Februar 2016 wollen wir noch mal nach Potsdam kommen“, sagt der Professor der Ostfalia-Elektrotechnik-Fakultät: „Dann machen wir den Rest. Das Messnetz muss deutlich dichter werden.“

Im Kofferraum ist die Datentechnik untergebracht

Im Kofferraum ist die Datentechnik untergebracht.

Quelle: Viridas GmbH

Wo es orange bis rot ist auf der Karte, ist eine Nachkontrolle sinnvoll, findet Hampe: „Da muss man immer wieder mal hinsehen und aufpassen.“ Langzeitmessungen, wie sie dieser Tage nach sechs Monaten auf dem Polizeigelände an der Kaiser-Friedrich-Straße in Eiche zu Ende gegangen sind, sind das Mittel der Wahl, um mehr als eine Momentaufnahme zu bekommen, wie sie Hampe liefert. In Eiche etwa war alles weit unterhalb der Grenzen.

„Wir wollen hochgenaue Messdaten über die Feldstärkeverteilung in deutschen Städten aufnehmen und für vielfältige Anwendungen nutzbar machen“, sagt Matthias Hampe, der das Fachgebiet Elektromagnetische Verträglichkeit an der Ostfalia leitet; etwa 600 junge Leute studieren dort Elektrotechnik. Bei Hampes Messungen kommt ein mobiles System zum Einsatz, das er selbst zusammen mit dem Masterstudenten Sönke Heeren entwickelt hat. Es liefert zuverlässig und schnell einen Überblick über die Feldstärkeverteilung des ausgemessenen Gebietes. Zur Erfassung der Daten hat der Wissenschaftler die viridas GmbH gegründet. Er allein finanziert die Firma, die Technik, die Einsätze, um die sich die Studenten reißen, zehn waren es bislang: Es ist keine schmutzige Arbeit und bringt doch Geld. Geld verdienen will Hampe nach eigenen Worten damit gar nicht, aber als Fachmann anerkannt werden und Forschungsaufträge bekommen. Rund 100000 Euro hat Hampe bislang investiert, darunter eigene Ersparnisse. Allein 50000 Euro kostete das Messgerät.

Ostfalia-Professor Matthias Hampe hat die Messungen in mehr als 50 deutschen Städten organisiert und finanziert

Ostfalia-Professor Matthias Hampe hat die Messungen in mehr als 50 deutschen Städten organisiert und finanziert.

Quelle: Privat

Hochspannungsleitungen, Funkmasten, Smartphones oder Tablets – elektromagnetische Felder sind in unserer Umwelt allgegenwärtig. Doch an Untersuchungen zur Risikobewertung fehlt es. Die gesetzlichen Grenzwerte wurden bisher an keinem der rund 50 vermessenen Orte überschritten, auch nicht in Düsseldorf, wo Hampe zufolge der „Mobilfunksmog“ am dicksten ist in Deutschland. Berlin dagegen ist „gar nicht so schlimm wie man glauben könnte.“ Das könnte an der Zahl der Sendemasten liegen, denn je mehr es davon gibt, desto engmaschiger ist das Netz und desto geringer ist die nötige Leistung pro Mast. Viele Masten auf den Häusern sind nach Hampes Einschätzung also kein Grund zur Sorge, sondern einer zur Beruhigung. „Viele kleine Sender sind besser als ein großer“. sagt er. Vor allem außerhalb der Städte sind die Sender stärker, denn die Leistung muss enorm hoch sein, um trotz des rapiden Leistungsabfalls über die Entfernung noch Kontakt zum Handy des Nutzers zu bekommen. Auch für den ist die Nähe zum Sender überaus wichtig, denn wenn die Verbindung gut ist, regelt das Handy seine eigene Leistung herunter. Damit sinkt die mögliche Gesundheitsgefährdung des Telefonierers. In freiem Stadtgelände also ist das mobile Telefonieren weit unbedenklicher als hinter den Betonmauern einer Tiefgarage, eines Fahrstuhls oder eines Kaufhauses.

Die Nähe eines Mastes ist laut Hampe kein sicheres Indiz für seine mutmaßliche Gefährlichkeit, nicht mal, wenn es viele Masten auf einem Hausdach gibt. Denn auf die Sendeleistung und die Senderichtung kommt es an. Beides wird vor dem Aufbau eines Mastes berechnet und dann auch ausgemessen. Wer also im obersten Stockwerk eines Hauses unterm „Antennenwald“ wohnt, muss deshalb kein Strahlungsopfer sein. „Es muss so sein, dass man auch direkt unter der Antenne keine Strahlenfolgen hat“, sagt Hampe, der demnächst einen strittigen Fall in Hildesheim nachprüfen wird, indem er in der Wohnung misst.

Was macht der Sendemast mit mir?

Hochfrequenzanlagen wie die Mobilfunksendemasten mit einer Strahlungsleistung von 10 Watt oder mehr müssen so errichtet und betrieben werden, dass Aufenthaltsorten von Menschen Grenzwerte eingehalten werden. Es gibt keine speziellen Anforderung an Standorte in der Nähe von Schulen, Kitas oder Krankenhäusern. Überall gelten die gleich hohen Anforderungen.

Jeder Standort mit Mobilfunkanlagen bedarf im Vorfeld der Errichtung einer Standortbescheinigung der Bundesnetzagentur, die im nahen Umfeld der Anlage einen Sicherheitsabstand festlegt, der üblicherweise jedoch nur wenige Meter umfasst. Insbesondere bei Dachbebauungen ist das zu berücksichtigen. Jede Sendeanlage muss dieses Genehmigungsverfahren durchlaufen.

Die Abstrahlung von einer Sendefunkanlage kann mit der eines Leuchtturmes verglichen werden, der sein Licht vor allem in die Ferne und über Anderes hinweg sendet und nur ganz wenig direkt nach unten abstrahlt. Man ist also immer deutlich geringeren Feldstärken ausgesetzt, wenn man direkt unter einer Sendeanlage wohnt als ihr gegenüber im Sendekegel. Daher werden auch in Potsdam gern hochgelegene Hausdächer als Standorte genutzt.

Hochfrequente elektromagnetische Felder werden vom Körper aufgenommen („absorbiert“) und können dort unterschiedliche Wirkungen hervorrufen. Die Stärke der Energieabsorption hängt von der Stärke und der Frequenz der elektromagnetischen Felder ab, aber auch von den Eigenschaften des biologischen Gewebes etwa des Menschen.

Lebewesen enthalten viele elektrisch geladene Teilchen und polare Moleküle, die elektrisch eigentlich neutral sind, aber an einem Ende eine negative und am anderen Ende eine positive Teilladung tragen. Elektrische und magnetische Felder üben auf alle diese Teilchen eine Kraft aus, so dass sie sich bewegen. In einem hochfrequenten elektromagnetischen Feld bewegen sich die Teilchen sehr schnell; sie reiben aneinander; es entsteht Wärme.

Wenn die Felder sehr stark sind, können sich auch ganze Zellen bewegen, allerdings nicht bei Funkanwendungen, da ihre Feldstärke dafür nicht ausreicht.

Der Körper wird da erwärmt, wo ihn die Strahlung trifft, beim Handy-Telefonieren also meist am Kopf oder in der Hosentaschengegend. In der Regel ist die Erwärmung nur örtlich begrenzt; das Blut führt die Zusatzwärme ab. Folgen für die Gesundheit könnte es geben, wenn Schwellenwerte überschritten werden und sich die Körpertemperatur über einen längeren Zeitraum um deutlich mehr als 1 Grad Celsius erhöht: In Tierexperimenten wurden Stoffwechselvorgänge gestört; es traten Verhaltensänderungen ein und Störungen der Embryonalentwicklung.

Langanhaltende Überwärmung im Augenbereich begünstigt die Entstehung von grauem Star und anderen Augenkrankheiten. Das Gehirn und die Hoden sind ebenfalls besonders wärmeempfindlich.

Maßgebend für die biologische Wirkung von hochfrequenten Feldern ist die vom Körper aufgenommene, „absorbierte“ Energie. Basisgröße dafür ist die Spezifische Absorptionsrate (SAR, Maßeinheit: Watt pro Kilogramm - W/kg). Sie gibt die Leistung (Energie pro Zeit) an, die pro Kilogramm Gewebe absorbiert wird.

Hochfrequente Felder, die auf den gesamten Körper einwirken (auch die Leistung von Sendemasten) und dabei zu SAR-Werten von durchschnittlich 4 Watt pro Kilogramm führen, bewirken beim Menschen Temperaturerhöhungen von etwa 1 Grad Celsius.

Ein wichtiger Faktor bei der Wirkung hochfrequenter Felder auf Lebewesen ist die Eindringtiefe. Sie ist stark frequenzabhängig: Elektromagnetische Felder im Megahertz-Bereich, wie sie für den Rundfunk verwendet werden, haben Eindringtiefen von 10 bis etwa 30 Zentimetern. Beim Mobilfunk mit rund tausendmal höheren Frequenzen um 1 Gigahertz (GHz) dringt die Strahlung nur wenige Zentimeter tief in das Gewebe ein. Bei Frequenzen über 10 Gigahertz, wie sie bei Radargeräten vorkommen, beträgt die Eindringtiefe weniger als 1 Millimeter. Bei noch höheren Frequenzen wirken hochfrequente Felder nur noch an der Hautoberfläche.

Elektronische Geräte können empfindlicher auf hochfrequente Strahlung reagieren als der menschliche Körper. Ein Beispiel sind implantierte Herzschrittmacher. Träger von Schrittmachern sollten ihre Handys nicht unmittelbar am Oberkörper betriebsbereit halten, also beispielsweise nicht im Standby-Betrieb in der Jackentasche tragen. Bei einem üblichen Abstand von mehr als 20 Zentimetern zwischen Handy-Antenne und Herzschrittmacher hat das normale Telefonieren keine Auswirkungen auf den Herzschrittmacher.

Bei Hörgeräten kann es in der Nähe von Mobilfunkgeräten zu Störgeräuschen kommen.

Im Krankenhaus können bei der Handybenutzung empfindliche medizinische Geräte auch noch in 1 bis 2 Metern Abstand gestört werden. Mobilfunk-Verbote in Krankenhäusern sind daher strikt einzuhalten.

Um Störungen der Bordelektronik in Flugzeugen zu vermeiden, muss die Nutzung von Mobiltelefonen teilweise eingeschränkt werden. In Deutschland ist es üblich, die Nutzung während des Start- und Lande-Vorgangs zu untersagen. Während des Fluges kann die Fluggesellschaft die Nutzung von Mobiltelefonen aber ermöglichen.

Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die hochfrequenten elektromagnetischen Felder als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft. Das bedeutet, dass es „nach gegenwärtigem Kenntnisstand begrenzte Hinweise auf eine krebserregende Wirkung“ gibt. In dieser Gefährdungskategorie 2B befinden sich aber unter anderem auch Koffein, saures Gemüse und etwa 250 weitere Substanzen. Auch niederfrequente Felder wurden als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft. Nachgewiesen ist nichts davon. Allein Tierversuche ergaben dazu Anhaltspunkte.

Die elektromagnetischen Felder, die beim Telefonieren mit Handys in Körpernähe auftreten, sind im Allgemeinen sehr viel stärker als die Felder, denen man durch benachbarte Mobilfunkbasisstationen ausgesetzt ist. Die Empfehlungen des Bundesamtes für Strahlenschutz beziehen sich daher auf die Benutzung von Handys und zielen darauf ab, die Stärke der hochfrequenten Felder zu verringern und die Dauer der Strahlenbelastung (Exposition) zu verkürzen:

Tipps zum Handy-Telefonieren:

– Nutzen Sie das Festnetztelefon, wenn Sie die Wahl zwischen Festnetz und Handy haben.

– Halten Sie Telefonate mit dem Handy möglichst kurz.

– Telefonieren Sie möglichst nicht bei schlechtem Empfang, wie zum Beispiel im Auto ohne Außenantenne. Je schlechter die Verbindung zur nächsten Basisstation ist, desto höher muss die Leistung sein, mit der das Handy sendet. Die Autokarosserie zum Beispiel verschlechtert die Verbindung, und das Handy sendet deshalb mit einer höheren Leistung.

– Verwenden Sie Handys mit möglichst geringen SAR-Werten (Spezifische Absorptionsrate) und dabei am besten ein Head-Set, dank dessen das Handy selbst weiter vom Kopf entfernt ist.

– Besser als das Telefonieren ist das Verschicken von SMS oder anderen Kurznachrichten, weil man dabei nicht das Telefon an den Kopf hält.

So lässt sich die persönliche Strahlenbelastung einfach minimieren. Ganz besonders wichtig ist die Minimierung der Strahlenbelastung für Kinder, da diese sich noch in der Entwicklung befinden und deshalb gesundheitlich empfindlicher reagieren könnten.

Das Handy sendet rundum; die Energieabstrahlung des Mastes allerdings ist gerichtet. Von „Hauptkeule“ der Antenne spricht man, und die kann bei jeder Antenne anders sein. Bei den Hampe-Messungen aus dem Auto heraus führt das dazu, dass es eine Reihe von gleich intensiven Farbpunkten gibt, wenn sich das Messfahrzeug „in der Hauptkeule bewegt“. Durchfährt das Auto aber eine Keule bloß kurz, gibt es auch nur wenige Punkte auf der Karte, wie man sie unter www.Feldkarte.de abrufen kann. Bei der Bundesnetzagentur gibt es zudem eine EMF-Datenbank, auf der alle registrierten Sender und Messorte zu finden sind.

Von Rainer Schüler

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