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Potsdam Nach Gully-Tod: Fehlerhafte Absperrung
Lokales Potsdam Nach Gully-Tod: Fehlerhafte Absperrung
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11:23 22.06.2015
Die Frau ist am Donnerstagmorgen am Potsdamer Hauptbahnhof in einen fünf Meter tiefen Gully-Schacht gestürzt.  Quelle: Julian Stähle
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Potsdam

 Nach dem Todessturz einer 83 Jahre alten Frau in einen offenen Gullyschacht am Donnerstag hat die Staatsanwaltschaft Potsdam die Obduktion der Toten angekündigt. Es gebe ein Todesermittlungsverfahren, sagte Staatsanwalt Christoph Lange.

Die Rentnerin war am Donnerstag Vormittag in den ein Meter breiten und fast fünf Meter tiefen Schacht gestürzt. Sie starb noch am Unfallort. Die 80 Zentimeter im Durchmesser große Schachtöffnung befindet sich mitten auf dem Gehweg in der Nähe des Potsdamer Hauptbahnhofs – unweit eines Altersheims. Entscheidend für die Ermittlung ist nun die Frage, ob die Energie und Wasser Potsdam (EWP) als Bauherr die Baustelle ausreichend sichern ließ. Das ist offenkundig nicht geschehen. Auf Bildern, die nach dem Unglück gemacht wurden, ist zu sehen, dass drei Warnkegel um das Loch im Boden aufgestellt waren, außerdem ein Warnschild. Mit der Heckseite zum Gully war das Service-Fahrzeug geparkt, das mit einem kleinen Kran ein Kabel mit Kamerasonde in den Schacht abseilen sollte.

Die Polizei war mit einer Streifenwagenbesatzung eher vor Ort als die Kriminalpolizei. Die Fotos der MAZ zeigen einen Gully, der wieder per Gitter abgedeckt ist, möglicherweise vor Eintreffen der Kripo. Falls der Tatort nicht verändert wurde, steht der Messwagen etwa einen Meter vom Gully entfernt und könnte selbst der Verursacher des Unglücks gewesen sein.

Der Rollator des Opfers stand lange genug weitab vom Ereignisort, dass jemand die Handtasche der alten Dame aus dem Klappfach stehlen konnte. Quelle: Julian Stähle

Stadtwerke-Chef Wilfried Böhme sieht nach wie vor kein fehlerhaftes Verhalten seiner Mitarbeiter. Es gebe interne Untersuchungen durch die Hauptabteilung Wassertechnik der EWP. Man müsse prüfen, ob zusätzlicher Regelungsbedarf besteht, sagt Stadtwerkesprecher Stefan Klotz.

Zu dem Messfahrzeug gehören zwei Mitarbeiter, keiner befand sich zur Unglückszeit hinter dem Fahrzeug, das durch die Absperrkegel gesichert gewesen sei. Der Gully sei durch das Fahrzeug, vier Absperrkegel und ein Schild gesichert gewesen. Ein mobiles Sperrgitter war den Angaben zufolge nicht an Bord , da „ hier nicht längere Zeit, sondern nur mehrere Stunden gearbeitet und nach Ende der Arbeiten der Urzustand sofort wieder hergestellt wurde.“

Es wurde mit einem Kamerawagen gearbeitet. Dieses Fahrzeug ist mit Spezialtechnik ausgestattet, die EWP hat zwei davon. Der Kameraroboter wird in den Schacht eingebracht, um dann durch die Kanalisation zu fahren. Diese Befahrungen dienen dazu, den Zustand der Kanalisation zu überprüfen und werden turnusgemäß alle zehn Jahre wiederholt. Aus den Erkenntnissen der Befahrungen werden Instandhaltungsmaßnahmen und Investitionensentscheidungen abgeleitet.

Der Publikumsverkehr an dieser Stelle wurde als nicht so stark eingeschätzt, da sich der Großteil des Fußgängerverkehrs über die Fußgängerampel über die Friedrich-Engels-Straße von und zum Hauptbahnhof bewegt, so Klotz.

Nach Polizeiangaben war die Frau offenbar auf dem Gehweg entlang der Friedrich-Engels-Straße unterwegs, stoppte mit ihrem Rollator an der Einmündung des Straßenabschnitts, der zum Taxi-Stand führt und trat dann zurück – offenbar, um einem Auto auszuweichen, das auf der Straße zum Taxistand fuhr, ein Pkw, wie die Polizei sagt. Dabei geriet sie ins Straucheln und fiel rücklings in den Schacht. Sie müsste bis dahin aber schon ein Warnschild und die drei im Foto abgebildeten Absperrkegel am Gully passiert haben, falls die Kegel tatsächlich schon zur Unglückszeit an dieser Stelle standen.

Ein Anwalt für Verkehrsrecht bezweifelte am Donnerstag auf MAZ-Nachfrage, dass die Baustelle ausreichend gesichert gewesen ist. Wolfgang Spohn sagte, die Rechtsprechung gehe davon aus, dass eine solche Baustelle durch „feste Barrieren“ gesichert werden müsse.

Ein Absperr-Rost für den Gully war offenbar vorhanden, lag aber nicht über dem Schacht. Quelle: Stähle

Der Potsdamer Arbeits- und Brandschutzexperte Jürgen Richter sagte am Freitag der MAZ, eine Bau-, aber auch eine Messstelle wie diese, müsse „abgeschrankt“ werden, damit niemand hinein stürzt. Man tue das mit rot-weißen Baken und Kunststoffgittern dazwischen oder einer Art Gitterturm über dem Schacht. Ersatzweise könne aber auch ein Mitarbeiter die Gefahrenstelle sichern. Beides ist offenbar nicht passiert. „Das“, so Richter, sei „abenteuerlich“. Mindestens eine Person müsse zur Sicherung anwesend und als Ersthelfer ausgebildet sein, fordert die Genossenschaft, „anwesend, nicht abwesend“, betont Richter. Seien bewegliche Absturzsicherungen erforderlich, müssten sie klappbar, schiebbar oder steckbar ausgeführt sein, heißt es in der Unfallverhütungsvorschrift der BG Bau. Absturzsicherungen in Form von Ketten und Seilen seien nicht zulässig. Abdeckungen müssten so beschaffen sein, dass sie sicher zu handhaben und gegen unbeabsichtigtes Verschieben gesichert sind. Geeignete Absturzsicherungen seien „ein Meter hohe fest angebrachte Geländer oder entsprechend hoch gezogene Umfassungswände“.

Die Polizei hat die Informationshoheit über ihre Ermittlungen an die Staatsanwaltschaft Potsdam abgegeben und äußert sich nicht über das Unglück, für das es mehrere Zeugen gibt, die befragt werden. Auch die Staatsanwaltschaft schweigt in der Sache. Das Amt für Arbeitsschutz in Potsdam ermittelt zwar in der Sache, aber erst seit Freitag. „Es geht nicht um einen Arbeitsunfall“, sagt Gabriel Hesse als Sprecher des zuständigen Arbeitsministeriums, „aber es hätte ein Arbeiter zu Schaden kommen können.“ Deshalb ermittele das Amt auf eigene Initiative. Weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaft hätten um Hilfe gebeten.

Das städtische Amt für Grün- und Verkehrsflächen ließ erklären, für diese Art von Arbeiten sei keine Genehmigung durch die Untere Straßenverkehrsbehörde nötig. Bei der Durchführung müsse der jeweils Ausführende die „Richtlinie für die Sicherung von Arbeitsstellen an Straßen“ (RSA) einhalten. Ob alle Vorschriften eingehalten worden sind, werde ermittelt, versicherte Stadtsprecher Jan Brunzlow. Ein Mitarbeiter der Stadt sei nach dem Unglück am Unfallort gewesen. Was dessen Erkenntnisse gewesen sind, sagte Brunzlow nicht.

 „Ob da jetzt ein Fehlverhalten war oder nicht, Fakt ist: Unsere geliebte Uroma, Oma, Mama, Schwester, Tante, Ehefrau, Freundin kommt nicht wieder“, schreibt die mutmaßliche Angehörige Sonja S. in einem Kommentar zum MAZ-Unglücksbericht vom Donnerstag: „Wäre dieser Mist-Gully mit festen Absperrungen gesichert gewesen, wäre das nicht passiert!“ Der hinterbliebene Mann der verunglückten Rentnerin sei „seit über 50 Jahren nicht 24 Stunden von seiner Frau getrennt“ gewesen.

Von Rainer Schüler

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