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Potsdam Stahnsdorf und Kleinmachnow wollen Wildschweine mit Pfeil und Bogen jagen
Lokales Potsdam Stahnsdorf und Kleinmachnow wollen Wildschweine mit Pfeil und Bogen jagen
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00:23 04.02.2019
Stahnsdorf und Kleinmachnow wollen Wildschweine mit Pfeil und Bogen jagen – dafür brauchen sie aber eine Genehmigung. Quelle: Lino Mirgeler/DPA
Stahnsdorf/Kleinmachnow

Ganz selbstverständlich stößt ein Wildschwein mit seiner Schnauze ein Holztor auf und trottet auf das Grundstück dahinter. Wenig später folgt ihm ein zweites Schwein, ein drittes springt erstaunlich behände über den wackeligen Zaun.

Ein Beobachter hat die Szene in einem Kleinmachnower Wohngebiet gefilmt und in der Facebook-Gruppe „Teltow – Kleinmachnow – Stahnsdorf“ hochgeladen. Mehr als 1500 Menschen teilten das Video. Erst vor einigen Wochen hatte ein ähnlicher Clip für Furore gesorgt, in dem ein Wildschweinrotte mitten durch Kleinmachnow galoppierte.

Was passiert, wenn die Tiere erstmal in den Garten gelangt sind, zeigt das Video des Kleinmachnowers Marco Kramer – das Gras ist zerstört, die Wiese gleicht einem Acker. Kramer hatte in den vergangenen Monaten gleich zweimal ungebetenen Wildschwein-Besuch. Erst vor wenigen Tagen verschaffte sich eine Gruppe Schweine trotz Zaun und Hecke einen Weg in seinen Garten in Kleinmachnow, zerstörte rund 85 Quadratmeter Rasen, Bambuspflanzen und Blumenzwiebeln.

„Nachbarn hatten mich angerufen, um mir mitzuteilen, dass da Wildschweine in unserem Garten seien“, berichtet der Kleinmachnower. Daraufhin habe er seine Kinder zuhause angerufen. „Die haben versucht, die Schweine mit Rufen zu vertreiben.“ Vergeblich. „Die sind erst wieder abgezogen, als sie satt waren.“ Den Schaden schätzt Kramer auf 3000 bis 4000 Euro. „Zumindest, wenn wir eine Firma beauftragen würden.

Quelle: Danilo Schimanski/RND Facebook Screenshot

Video aus Kleinmachnow: Mann filmt ein Wildschwein in der Straße „Blachfeld“

Dabei ist der verwüstete Garten für den Kleinmachnower nur das eine Problem. „Ich halte die Situation mittlerweile auch für gefährlich“, sagt er. Ein entspannter Spaziergang in der Dämmerung? „Schwierig“, sagt Kramer, „wenn da in 150 Meter Entfernung eine Rotte Wildschweine an dir vorbeirennt, dann fühlt man sich nicht mehr wirklich sicher.“

Video: Anwohnerin filmt Wildschweine 

Warum die Wildschweine sich ausgerechnet in Kleinmachnow und Umgebung so wohl fühlen, darüber kann auch Kramer nur spekulieren. Seine Theorie: „Die Wildschweine leben in den kleinen Waldstücken, die es bei uns überall gibt, und kommen dann zum Fressen raus in die Wohngebiete.“ Außerdem sollen die Schweine gefüttert worden sein, berichtet Kramer. „Jetzt hoffe ich, dass endlich konsequent gegen die Tiere vorgegangen wird.“

High-Tech-Bögen als unorthodoxe Idee

In der Nachbargemeinde Stahnsdorf treiben die Borstentiere ebenfalls ihr Unwesen: „Auch mein Garten ist komplett umgewühlt“, sagt Bürgermeister Bernd Albers (Bürger für Bürger). Die Region hat mit einer regelrechten Plage zu kämpfen: Wildschweine, die Sportplätze oder öffentliche Grünflächen verwüsten, kosten Stahnsdorf und Kleinmachnow jährlich tausende Euro Steuergelder. Schlimmstenfalls könnten die Tiere auch für Menschen gefährlich werden.

Der Garten von Bürgermeister Albers wurde von Wildschweinen verwüstet. Quelle: privat

Stahnsdorf und Kleinmachnow wollen die Störenfriede nun endgültig loswerden und künftig gemeinsam Jagd auf freilaufende Wildschweine in ihren Gemeinden machen – und zwar mit Pfeil und Bogen. Eine andere ungefährliche Möglichkeit gebe es nicht, erklärt Albers. Ein Gewehrschuss würde die Tiere vielleicht aufschrecken, Querschläger könnten Menschen verletzen. Innerorts sei die Jagd mit dem Gewehr ohnehin verboten. Daher die etwas unorthodoxe Idee mit dem Bogen.

„Das sind natürlich keine Bögen aus Holz und Schilf, sondern High-Tech-Bögen, die eine extreme Spannkraft haben“, erläutert der Bürgermeister. Der Haken: Auch die Jagd mit Pfeil und Bogen ist seit 1975 verboten.

Aus diesem Grund hat sich Albers an das Bundesministerium für Landwirtschaft gewandt und darum gebeten, das Verbot für das Jagdrevier in seinem Gemeindegebiet zeitweise aufzuheben. Wissenschaftliche Studien, die die Präzision von modernen Jagdpfeilen belegen, hat er sicherheitshalber direkt angehängt.

Bernd Albers, Bürgermeister von Stahnsdorf. Quelle: Hannah Rüdiger

Seitdem geht es hin und her. Die erste Anfrage schickte der Bürgermeister im Oktober vergangenen Jahres ab. Die zweite Anfrage von Albers erreichte das Landwirtschaftsministerium des Landes Brandenburg im November. Das Ministerium wiederum bat um einen begründeten Antrag des Jagdberechtigten.

Dieser Antrag liegt dem Ministerium seit der vergangenen Woche vor. Die Chancen stehen gut, dass die Bogenjagd bewilligt wird. Dann würde nur noch eine Sondergenehmigung für die Jagd innerhalb eines befriedeten Bereichs fehlen. Falls die Erlaubnis kommt, wären Stahnsdorf und Kleinmachnow die ersten Gemeinden bundesweit, in denen mit Pfeil und Bogen Jagd auf Wild gemacht werden darf.

Jagdpächter Peter Hemmerden hat den Antrag gestellt. Er rechnet damit, dass die Wildschweinpopulation im Frühjahr weiter wächst. Dann sei nicht auszuschließen, dass noch mehr Schweine durch Orte ziehen und Schaden anrichten.

Menschen brauchen keine Angst um ihr Leben haben

„Die Wildschweine holen sich dort das Essen, wo es am bequemsten zu bekommen ist“, sagt Bürgermeister Albers. Dass die Tiere ihr Futter in Gärten und auf Komposthaufen suchen, sei auch eine Folge des Klimawandels. „Der Klimawandel schlägt hier gleich doppelt zu“, erläutert der Bürgermeister: Einerseits gebe es wegen der Dürre weniger Nahrung auf den Feldern. Andererseits gebe es wegen der milden Winter mehr Wildschweine als früher.

Kürzlich lief eine ganze Wildschweinrotte durch Kleinmachnow. Quelle: pirvat

Angst um ihr Leben müssten Menschen trotzdem nicht haben, betont Albers. „Jeder, der einen stabilen Zaun hat, hat kein Problem mit Schweinen auf seinem Grundstück“, sagt er. Wer Obstbäume im Garten hat, sollte Fallobst so schnell wie möglich wegräumen.

Sollte es doch mal so weit kommen, dass ein Wildschwein auf der eigenen Terrasse steht, gelten ein paar einfache Verhaltensregeln. Am besten helfe Lärm: Mit Kochtöpfen und Löffeln ließen sich hungrige Schweine gut vertreiben. „Wenn man die Tiere nicht in die Enge treibt, besteht keine Gefahr“, erklärt Albers.

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Von Hannah Rüdiger

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