Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
Nachruf auf die alte Potsdamer Innenstadt

Potsdam Nachruf auf die alte Potsdamer Innenstadt

„Bevor der Abrissbagger kommt“ ist der Titel einer eindrucksvollen Bilddokumentation zu Gebäuden, die in Potsdam zwischen 1950 und 2000 abgerissen wurden. Das Buch wird am Montag um 18 Uhr in der Französischen Kirche vorgestellt. Die erste Auflage war bereits unmittelbar nach ihrem Erscheinen vergriffen. Die zweite Auflage soll Ende Januar in den Handel kommen.

Voriger Artikel
Babelsberger Kinder sollen nach Zentrum-Ost
Nächster Artikel
Ein Museum kämpft um die Besucher

Abriss der Häuser Breite Straße 30 bis 43; zwischen 1998 bis 2001 wurde an ihrer Stelle der Neubau der Industrie- und Handelskammer errichtet.
 

Quelle: Siegfried Lieberenz

Potsdam.  Die Breite Straße wurde freigesprengt. Mitte der 1970er Jahre wurden komplette Häuserzeilen, die den Zweiten Weltkrieg halbwegs unbeschadet überstanden hatten, dem Umbau zur sozialistischen Magistrale geopfert: „Und das machte man auch symbolisch“, sagt Stadthistoriker Thomas Wernicke: „Man sprengte die Häuser. Man sprengte das alte Potsdam weg. Das war wirklich eine Phase der zweiten Stadtzerstörung.“

dfdbc0d4-af48-11e7-b225-97bf4e5da6db

Zeitreise durch Potsdam: Anhand von historischen und aktuellen Aufnahmen zeigt die MAZ, wie sich die Stadt Potsdam verändert hat – und was wieder aufgebaut wurde. Besuchen Sie mit Klick durch die Galerie Potsdams markante Ecken – damals und heute.

Zur Bildergalerie

Einem Nachruf gleicht die eindrucksvolle Bildersammlung zu dem ab 1950 wütenden Stadtumbau, die Siegfried Lieberenz und Rainer Lambrecht in ihrem eben erschienenen und in der ersten Auflage bereits vergriffenen Buch „Bevor der Abrissbagger kommt“ präsentieren. Am Montag wird das Buch in der Französischen Kirche vorgestellt. Lieberenz, passionierter Amateurfotograf und Aktivist der zur Wende gegründeten Arbeitsgemeinschaft zur Wiederherstellung der Potsdamer historischen Innenstadt (Agaphi), erlebte im April 1945 als Zehnjähriger in der Gutenbergstraße die verheerende Bombardierung der Potsdamer Innenstadt.

Sprengung vom Krieg verschonter Wohnhäuser am Blücherplatz an der Alten Fahrt nahe dem Alten Markt

Sprengung vom Krieg verschonter Wohnhäuser am Blücherplatz an der Alten Fahrt nahe dem Alten Markt.

Quelle: MAZ-EBV

Er war längst nicht der Einzige, der schon früh nach dem Kriegsende vom Abriss bedrohte Ruinen mit dem Fotoapparat dokumentierte, schreibt Lambrecht im Geleitwort: „Aber er ist einer der ganz wenigen, welche dieses fotografische Dokumentieren auch in der dritten Etappe fortsetzten.“ Die erste Etappe war für ihn die Enttrümmerung mit dem Ziel des Wiederaufbaus, wie es in der Wilhelm-Staab- und der Yorckstraße sogar originalgetreu geschah. In der zweiten Phase fielen „wiederaufbaufähige Ruinen wichtiger, einst stadtbildprägender Bauten“ vom Berliner Tor und dem Plögerschen Gasthof über das Stadtschloss, das Brauhausberg-Belvedere und das Schauspielhaus bis zur Garnisonkirche und dem Stumpf der Heiliggeistkirche.

In der dritten Phase aber folgte der „Abriss von Wohn- und Gewerbebauten, die in voller Nutzung standen“. In diese Etappe fiel die Neugestaltung der Breiten Straße und ihre Verlängerung von der Schopenhauerstraße über die teils zugeschüttete Neustädter Havelbucht hinweg zur Leninallee, der heutigen Zeppelinstraße. Dabei wurde nicht nur gesprengt.

Lambrecht und Lieberenz zitieren in ihrem Bericht zum Flächenabriss zwischen Schopenhauerstraße und Leninallee zwischen 1974 und 1978, der von der vormals dichten Gebäudelandschaft allein die „Moschee“ an der Havelbucht übrig ließ, einen Beitrag aus der Presse über eine „interessante Technologie“ der Abrissbrigaden: „Um das jeweilige Haus wird ein Stahlseil gelegt, seine Enden sind je an einem Lkw befestigt. Durch wechselseitiges Anziehen wird das Mauerwerk praktisch durchgesägt, bis es zusammenstürzt.“

Die Wohnhäuser an der Leninallee (Zeppelinstraße) fielen 1973, um Platz für die Einmündung der Breiten Straße zu schaffen

Die Wohnhäuser an der Leninallee (Zeppelinstraße) fielen 1973, um Platz für die Einmündung der Breiten Straße zu schaffen.

Quelle: Siegfried Lieberenz

Die illustrierte Abrissgeschichte zieht sich chronologisch bis zum Ende der 1980er Jahre mit der Zerstörung einer letzten barocken Häuserzeile in der Dortustraße. Im Protest gegen die Vernichtung ganzer Straßenzüge im Flächendenkmal der Zweiten Barocken Stadterweiterung formierte sich die bis heute aktive Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung (Argus), die noch vor dem Mauerfall einen Abrissstopp erzwang.

In einem System konzentrischer Kreise streifen die Autoren durch die historische Stadtmitte mit dem Stadtschloss und dem Plögerschen Gasthof als Ausgangspunkt, ziehen an der Burgstraße und dem Berliner Tor vorbei zu dem 1988 komplett vernichteten und mittlerweile wieder aufgebauten „Kleinen Holländischen Viertel“. Sie zeigen das Verschwinden der alten Breiten Straße, des Walls am Kiez und des Kiewitt. Sie erinnern an verlorene Häuser in der Zeppelin- und der Lennéstraße. Ein Abstecher auf die andere Havelseite ist der einzigen Jugendstilkirche Potsdams an der Heinrich-Mann-Allee gewidmet, die 1985 abgerissen wurde.

Eigene Kapitel bekamen verloren gegangene Wirtshäuser von der „Gaststätte am Neustädter Tor“ über das Gartenetablissement Colosseum in der Spandauer Straße bis zum Restaurant Friedrich Kuka in der Zimmerstraße. Das letzte Kapitel ist Profanbauten gewidmet, Toilettenhäuschen vom Luisenplatz bis zum Platz der Einheit, und einem Gartenpavillon auf dem Gelände des städtischen Krankenhauses, der 1973 verschwand.

Info Bevor der Abrissbagger kommt. 240 Seiten, Knotenpunkt-Verlag, 26,95 Euro. Buchvorstellung am Montag um 18 Uhr in der Französischen Kirche. Die zweite Auflage kommt laut Verlag voraussichtlich Ende Januar in den Handel.

Von Volker Oelschläger

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
dfdbc0d4-af48-11e7-b225-97bf4e5da6db
Potsdam – damals und heute

Zeitreise durch Potsdam: Anhand von historischen und aktuellen Aufnahmen zeigt die MAZ, wie sich die Stadt Potsdam verändert hat – und was wieder aufgebaut wurde. Besuchen Sie mit Klick durch die Galerie Potsdams markante Ecken – damals und heute.

68f2df18-7134-11e7-b96f-95bbfe8e2958
Die Karikaturen des Potsdamers Hafemeister

Jörg Hafemeister karikiert seit Jahren die Potsdamer Lokalpolitik. Nun hat er immer mittwochs seinen festen Platz im Potsdamer Stadtkurier. Wir zeigen an dieser Stelle alle Karikaturen.

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg