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Nachtschicht mit George Clooney

In Babelsberg dreht Hollywood das Kriegsdrama „The Monuments Men“ – der MAZ-Reporter spielt mit Nachtschicht mit George Clooney

 Dienstagmorgen, kurz nach Sonnenaufgang, minus fünf Grad Celsius. Schneegriesel über den Filmstudios in Potsdam-Babelsberg. Ich bin auf der Suche. Nach George Clooney und seinem Geheimnis.

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POTSDAM/BERLIN. Kaffeeverkäufer, Womanizer, Hollywood-Ikone – und neuerdings Wettergott? Es ist Mitte März und der Winter gibt in Berlin-Brandenburg ein filmreifes Comeback. Sieben Zentimeter Schnee in Potsdam, Dauerfrost. So stellt man sich den Kriegswinter 1944/45 vor. So stellt ihn sich George Clooney vor.

Warme Unterwäsche und dicke Socken anziehen, hatte die Casting-Agentur gemailt. Mein Dreh wurde ein paar Tage vorgezogen, weil der Schnee kam. Ich bin einer von Tausenden Komparsen für den Hollywood-Film „The Monuments Men“ von und mit George Clooney. Der 51-Jährige ist Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion. An der Moorlake am Berliner Wannsee hat Clooney ein Camp der US-Armee aufschlagen lassen. Weißes Puder überzieht Bäume, Zelte und Militärfahrzeuge. Natur pur, kein Kunstschnee. Den hätte das Filmteam sonst ankarren müssen. Angebliche Ersparnis: 90 000 Euro. Die überschaubare Kostenstelle würde Produzent Clooney wohl aus der Nespresso-Kasse bezahlen. 80 Millionen Euro soll „The Monuments Men“ mit Star-Besetzung um Hollywood-Größen wie Matt Damon, John Goodman und Cate Blanchett kosten.

Fünf Uhr. Clooneys Crew ist ein internationales Heer der Frühaufsteher. Mein Tag startet zu einer Zeit, zu der andere noch Party machen. Eine Halle im Studio Babelsberg. 300 Männer, zumeist jung, stehen fürs Kostüm an. Jacke, Hemd, Hose, Helm, alles in unmodischem Dunkelgrün, und braune Lederstiefel. Ich spiele einen US-Soldaten. Billy führt in der Kostümabteilung ein strenges Regime. Ein kritischer Blick, alles muss passen. Andernfalls legt der US-Boy selbst Hand an. Perfektionismus à la Hollywood.

Rückblick, ein paar Wochen zuvor. Ich muss zur ersten Probe für Kostüm und Maske. Das Team um Chef-Maskenbildnerin Valeska verpasst mir einen neuen, historisch korrekten Haarschnitt, nicht ohne sich mitleidig zu entschuldigen. Hinterkopf und Seiten schnittig kurz, das Deckhaar gestutzt, aber länger. Die Reaktionen sind geteilt: Mal bin ich ein Hipster (die Kollegin), mal ein Rechtsextremist (die Freundin).

Zurück in die Gegenwart. Ich sitze wieder in der Maske. Spiegel säumen Biertische. Massenabfertigung wie in der Uni-Mensa. Das Gesprächsthema der Haarkünstler: der neue Tatort von Til Schweiger, so was wie der deutsche Clooney also. „Ich finde ihn schon ’ne coole Sau. Aber die Tochter ist unsäglich“, sagt eine. Und die Schauspielerin, die als Ex-Frau auftritt? Total überschminkt! Wohl weil sie es so wollte. Wer für Clooney frisiert, kennt den Tatort bis hin zu den Nebendarstellern.

Nach zwei Schluck Kaffee ist mein Frühstück in den Studios beendet. Clooney ruft nach Wannsee. Gegen neun Uhr sind wir am Set an der Moorlake. Die US-Basis mit Feldpoststation, Lazarett und Dutzenden Zelten ist von Sicherheitskräften umringt. Hollywood soll weitgehend unter sich bleiben. Noch immer keine Spur von George Clooney. Erste Nervosität. Seinetwegen bin ich viel zu früh aufgestanden und friere mir nicht nur die Zehen ab. Den Mutti-Hinweis der Agentur habe ich großzügig überlesen. Keine lange Unterhose, kein zweites Paar Socken. Ein Anfängerfehler. Mitkomparsen, die schon seit D-Mark-Zeiten dabei sind, haben sich auf einen Außen-Nacht-Winter-Dreh eingestellt.

Plötzlich kommt einer, er schlurft über den vereisten Boden. Leicht gebeugt, schwarze Jacke, die Kapuze übergezogen, Sonnenbrille. Der Bart verrät ihn. Und seine zehnköpfige Hollywood-Entourage. Da steht George Clooney, zwei Meter neben mir, mit dem Kaffee-Pappbecher in der Hand und erklärt dem Kameramann, wie es geht. Kein Blick für die 300 Kameraden und mich, warum auch: Wir sind lebendige Kulisse. Wir stehen rum und rauchen, schleppen Kisten von einem Zelt zum nächsten, verteilen Feldpost und hieven Verletzte auf der Trage durch die Gegend. Alltag in der US-Basis. Während Clooney verschiedene Szenen abdrehen lässt, passiert im Hintergrund stets das Gleiche. Der Kinobesucher wird es nicht merken.

Unzählige Einstellungen später, 18 Uhr. Zwei Drittel von uns sind fertig. Der Rest geht in die Nachtschicht, darunter ich. Klirrende Kälte, Scheinwerferlicht. Wir marschieren im Kreis durch den Schnee, ein Tontechniker nimmt die Geräusche auf. Immer wieder neue Szenen, ein Verletzter muss ins Lazarett. Clooney – Südstaaten-Englisch, den Kaugummi im Mund – hat Kondition. Der Schnee, die Kälte: Meine Hollywood-Premiere ist entbehrungsreich. Neue Erfahrungen? „Eine Grenzerfahrung“, sage ich im mäßig warmen Zelt. Mein Gegenüber bietet höher: „Nah-Todeserfahrung“. Wir sehen erschöpft aus, nicht nur wegen des alkoholgetränkten Schmutzes, den sie uns pausenlos ins Gesicht schmieren. Zeit für Studentengeständnisse: „Ich will zurück an meinen Schreibtisch.“ 23 Uhr ist Schluss. Für uns, Clooney macht Überstunden. Perfektionismus à la Hollywood. Zurück nach Babelsberg. Wir legen unsere Kostüme ab. Ein entkräfteter Filmkamerad, weise: „Jeder Idiot, der hier war, wird sich den Film im Kino ansehen.“ Zur Beruhigung: Wir werden nicht die einzigen sein. (Von Tim Weigelt)

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