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Potsdam Neuer Schuh für 1000 Euro
Lokales Potsdam Neuer Schuh für 1000 Euro
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16:22 18.09.2017
Rund zwei Quadratmeter groß ist ein Rindsleder und etwa 100 Euro teuer, zeigt Schuhwa-Vorstandschef Hilmar Widdrat. Meistens wollen die Kunden schwarzes Leder Quelle: Rainer Schüler
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Potsdam

„Schuhe nach Maß zu machen, ist wie eine ernste Autoreparatur“, sagt Hilmar Widdrat: „Man braucht zwei Tage und verlangt am Ende einen Tausender.“ Das muss nicht jeder Kunde löhnen, denn fast alle Aufträge sind orthopädische, und bei denen zahlt die Krankenkasse rund neun Zehntel. Doch wer ohne ärztliches Rezept ein Paar haben will, das ihm als Einzelstück wie angegossen passt, zahlt alles selbst: Lohnkosten vor allem, „das ist beim „Schrauber ganz genau so“, sagt Widdrat. Diesen Luxus in Leder leisten sich allerdings nur etwa zwei Leute pro Jahr.

Die 1960 gegründete Genossenschaft fertigt heute rund 500 Paar Schuhe an im Jahr; vor der Wende waren es zehn Mal so viele. Damals kostete das Paar rund 150 Ost-Mark bei einem Stundenlohn von 3 Mark 50. Würde man den „heimlichen“ 1:5-Wechselkurs der Ost- zur D-Mark und den 2:1-Kurs von ihr zum Euro berechnen, bekäme ein Schuhmacher heute 35 Cent die Stunde, aber die DDR ist längst passé und der Lohn auf heutiges Normalniveau geklettert. 1000 Euro also für ein paar Schuhe, gemacht wie in der DDR, gemacht wie vor dem Krieg und wie hundert Jahre vorher.

Noch immer geht nichts ohne den sprichwörtlichen Leisten, ohne Nadel und Faden, ohne Hammer und Nägel, ohne Schleifmaschine und Kleber, ohne Papier und Bleistift, ohne Messer und Schere und vor allem nicht ohne Leder. Heute so wie damals besteht ein Schuh aus mindestens 50 Teilen, und die rund 50 Arbeitsschritte bis zum fertigen Produkt „gehen“ die Schuhwa-Schuster auch heute noch und künftig. Manche Maschine allerdings, die sie benutzen in den Werkstätten an der Charlottenstraße, sind moderner als die vor 50 Jahren.

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In einigen Handwerksbranchen ist die Tradition nicht wegzudenken. Hier wird teilweise noch wie zu Urgroßvaters Zeiten gearbeitet.

Die fotometrische Vermessung ergänzt das Messen mit dem unverzichtbaren Maßband, aber den Leisten, über den man dann das Leder schlägt, kann man nicht ersetzen. Diesen hölzernen Modellfuß gibt es inzwischen als Rohling aller Größen, aber er wird nach individuellen Maßen an manchen Stellen kleiner geschält, an anderen größer aufgebaut und in jede, Falle aufbewahrt.

Mit Bleistift auf Papier zeichnet man die Teile, schneidet sie aus und legt sie auf den Leisten. Passt das, schneidet man die Stücken für den Oberschuh und das Futter aus dem Leder, richtet es zu, bearbeitet die Kanten, verklebt, versteppt die Teile.

Man sticht Löcher in Sohlen, zieht Fäden durch, verknotet sie, versteckt die Nähte in ausgefrästen Kanälen. Früher verdrillte man die Fäden aus Hanf, wachste und verpechte sie, zog sie mit gekrümmten Ahlen durch die Sohle. Heute nimmt man meistens Kunststoff-Fäden oder klebt die Sohlen, aber auch die alten Fäden nutzt man noch. „Der einzig wahre Schuh ist hanfgenäht“, schwärmt Widdrat: „Das ist der Klassiker.“ Hier sieht man noch die Doppelnaht auf überstehender Sohle; die meisten Massenschuhe heute täuschen diese Naht nur vor. Zwei Jahre Lebenszeit gibt Widdrat den Schuhen der großen Ladenketten. „Hand made“ wie bei Schuhwa halte jahrzehntelang, wenn der Schuh gepflegt wird, versichert der Vorstandschef: „Aber wer macht das heutzutage noch? Ich!“

Leisten, Ahle, Dreifuß

Eine durchschnittliche Rinderhaut ergibt maximal drei Paar Schuhe.

Der Leisten ist inviduell wie ein Fingerabdruck.

Der Oberschuh wird mit Zwicknägeln am Leisten befestigt, die später herausgezogen werden.

Genäht wird traditionell mit Ahlen und Hanffäden, nachgearbeitet auf dem Dreifuß.

MAZ-Autor Rainer Schüler stellt in seiner Serie „Tradition im Handwerk“ Gewerke vor, die mit Methoden und Technik früherer Generationen arbeiten. Erschienen ist bisher „Handwerk wie zu Urgroßvaters Zeiten“ (18.September 2017)

Doch auch die Industrie kann gute Schuhe liefern, mit rausnehmbaren Sohlen. Im Schnitt zahlt man dafür 170 Euro. Gut gepflegt und repariert, trägt man sie ein Jahrzehnt. Nahm man zu DDR-Zeiten das Schweinsleder vor allem für die Schulranzen der Kinder, wurden und werden Schuhe in einer Einzelproduktion wie dieser aus Rinderhaut gemacht, die ist sehr formbeständig; verfügbar sind auch Pferde- oder Straußenleder. Alle Sorten gibt es in fast allen Farben; doch 70 bis 80 Prozent der Kunden wollen ihre Schuhe immer noch in Schwarz, weniger in dunkelbraun. Der Grund ist seit jeher simpel: Man kann Kratzer mit Schuhcreme sehr leicht reparieren, und vor allem: Man sieht den Dreck nicht so.

Von Rainer Schüler

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