Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
„Nicht Fisch und nicht Fleisch“

Naturkundemuseum Potsdam „Nicht Fisch und nicht Fleisch“

In seinem Abschiedsinterview berichtet Gründungsdirektor Detlef Knuth von den schwierigen Anfangsjahren des Potsdamer Naturkundemuseums. Er erklärt, warum ein Umzug des Hauses in die Biosphärenhalle sinnvoll sein könnte. Und er begründet, warum Potsdam trotz der starken Berliner Konkurrenz überhaupt ein eigenes Naturkundemuseum braucht.

Voriger Artikel
Läden 2017 an sechs Sonntagen geöffnet
Nächster Artikel
Potsdamer Jazz-Szene brilliert

Museumsdirektor Detlef Knuth.

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Seit 1979 ist Detlef Knuth (65) beim Museum beschäftigt. Seine erste Aufgabe war der Aufbau eines Schauaquariums für einheimische Fischarten. Am Montag wird der langjährige Direktor des Naturkundemuseums in den Ruhestand verabschiedet.


MAZ:
In welcher Situation war das Naturkundemuseum, als Sie die Leitung übernahmen?

Detlef Knuth: Als ich 1997 die Position übernommen habe, gab es noch gar kein Naturkundemuseum. Es gab das Potsdam-Museum, das zu der Zeit sehr stark in der Kritik stand. Dann hatten wir die Situation, dass eine Baufirma die Statik des Hauses in der Breiten Straße 13 durch das Wegstemmen von tragfähigen Elementen ins Wanken gebracht hatte. Es war baupolizeilich nicht mehr betretbar. Nur das Aquarium war noch geöffnet. In dieser Situation gab es die Diskussion, das ganze abzuwickeln.

Was geschah nach der Sperrung?

Knuth: Wir nutzten das einstige Depot der Stadtwerke in der Hebbelstraße 9 und es gab die fixe Idee: Wir machen das zum Schaumagazin, Schluss, fertig. Dagegen war ich, das wäre ein Sterben auf Raten gewesen. Dagegen war ich auch, weil naturkundliche Dinge eigentlich viel wichtiger als früher sind, das Wissen über Klimaveränderung, Landschaftsveränderung, das muss man vermitteln. Und es gab nur noch die zwei Museen in Cottbus und Potsdam, heute ist auch Cottbus zu.

Wie kam es zur Trennung von Naturkunde und Geschichte.

Knuth: Ich habe gemeinsam mit Hartmut Knitter, dem damaligen Leiter der Geschichte, eine Variante vorschlagen können, nach der wir die Breite Straße 13 im Falle der Sanierung allein für die Naturkunde haben. Denn für beide Bereiche war das Haus viel zu klein. Die Geschichte hat damals die Benkertstraße 3 genutzt.

Gab es das vorher schon einmal in Potsdam, dass die Naturkunde ein eigenes Haus hatte?

Knuth: Noch nie. Es war entscheidend, dass das Museum mit großer politischer Unterstützung 2001 endlich ein eigenes Haus bekommen hat und damit ein eigenes Gesicht.

Wie hat sich die Anzahl der Mitarbeiter entwickelt?

Knuth: Wir sind 1997 mit vier Leuten gestartet, jetzt haben wir 17 Stellen mit Servicekräften. Damals gab es einen Wissenschaftler, heute haben wir vier. Die Situation ist heute eine ganz andere.

Sie werden am Montag verabschiedet. Wird es eine Ausschreibung für Ihre Nachfolge geben?

Knuth: Das ist noch unklar. Ich werde im Rathaus weiter darauf dringen, so weit ich das beeinflussen kann. Es müssen klare Verhältnisse geschaffen werden. Es ist anders, wenn sie in Amt und Würden sind mit allen Befugnissen, Rechten und Pflichten. Eine Interimslösung darf es nicht lange geben, denn das ist nicht Fisch und nicht Fleisch. Es gibt Entscheidungen die gefällt werden müssen zur Perspektive des Hauses, und da sollte der zukünftige Chef einen Anteil haben.

Sie meinen die Standortfrage, die wieder neu aufgerufen wurde?

Knuth: Richtig. Meine Vision war es ja, hier am Standort eine Erweiterungsfläche zu bauen, so dass man sich im Zentrum befindet, verkehrstechnisch gut erreichbar, auf einem tradierten Standort, in unmittelbarer Nähe zu den anderen großen Museen Potsdams. Das ist momentan nicht in der Diskussion, man denkt in eine andere Richtung.

Was spricht gegen die Biosphäre, die als neue Heimstatt des Naturkundemuseums diskutiert wird?

Knuth: In dieser Diskussion geht es in erster Linie um eine Halle, deren Nutzung unklar ist. Dass nun eine Kultureinrichtung als Lückenbüßer dienen soll für Fehler der Vergangenheit an einem ganz anderen Ort, ist ein Unding. Wenn man dort eine sinnvolle Lösung will, muss man das ganze auf die Füße stellen. Jetzt steht es auf dem Kopf.

Wie wäre es auf die Füße gestellt?

Knuth: Wenn der Ansatz ist, die Situation für das Museum zu verbessern und auch ausreichend Mittel zur Verfügung stehen für alle Funktionen. Für die Ausstellung, für Magazine, die technischen Räume, für den Neubau eines Aquariums. Man kann die Biosphäre durchaus so umbauen, dass dort auch ein modernes Museum hineinpasst. Aber das kostet richtig Geld. Das ginge es nicht um eine oder zwei, sondern um 30 bis 40 Millionen Euro.

Warum wäre das so teuer?

Knuth: Eine naturkundliche Einrichtung, die für den sorgsamen Umgang mit diesem Planeten wirbt, kann man nicht in eine Energieschleuder hineinsetzen. Die Biosphärenhalle ist nicht gebaut für eine dauerhafte Nutzung, es ist ein Gewächshaus ohne weitere Isolierung. Mindestens müsste ein zweites Dach eingefügt werden, um eine energetisch sinnvolle Situation herzustellen. Der Umzug eines Museums kostet auch richtig Kraft und Geld. Wenn man meint, all das zu erfüllen und am Ende eine Verbesserung für das Museum zu haben, dann kann man die Diskussion ernsthaft führen. So wie die Diskussion bis jetzt geführt wird, geht das Museum unter.

Warum wollen Sie das Haus überhaupt erweitern?

Knuth: Wir können in unserem Haus nicht alle Themen beschreiben. Man muss einfach sagen: Wir arbeiten derzeit in einem umgebauten Wohnhaus. Im Vergleich zu früher sind es paradiesische Verhältnisse. Aber moderne Räumlichkeiten, in denen man aktuelle Themen wie die Klimaveränderung wirklich zusammenhängend darstellen kann, sind größer. Jetzt wird unser Eisbär präpariert, der gehört da rein. Er ist ein Symbol.

Und das Ständehaus brauchen Sie trotzdem noch? Lässt sich nicht alles in einer Ausstellung zusammenfassen?

Knuth: Nein. Die Themen sind so vielfältig, dass wir eine zweite große Dauerausstellung machen wollen. Wir haben die Ausstellung Tiere im Garten für den Vorschulbereich. Das soll hier bleiben. Ein Problem des kleinen Hauses ist auch, dass wir ausgelastet sind. Für zusätzliche Besucher reicht die Kapazität nicht.

Warum braucht Potsdam überhaupt ein eigenes Naturkundemuseum mit der starken Konkurrenz nebenan in Berlin.

Knuth: Berlin ist ein Museum, das global aufgestellt ist. Da geht es um die Evolution. Darum die Saurier. Wir stellen regionale und europäische Aspekte dar, Berlin die globalen. Berlin ist Weltmuseum, aber so in die Tiefe gehen mit der regionalen Fauna und Flora können sie nicht. Wir sammeln alles, was an regionaler Tierwelt anfällt, Wölfe, Biber, Fischotter werden hier beforscht. Berlin sieht sich alle Wölfe der Welt an, da ist der Brandenburger Wolf nur einer von vielen.

Das Land hat erst vor kurzem bekräftigt, das Potsdamer Naturkundemuseum nicht fördern zu müssen. Ist das Thema damit erledigt?

Knuth: Ich denke nicht. Es gab früher einen Landeszuschuss für die Sammlungen und die wissenschaftliche Arbeit, der mit der Bedeutung für das Land begründet war. Der Biber ist ein Problem, das nicht nur Potsdam, sondern auch die Prignitz und die Uckermark interessiert. Das ist beim Wolf ähnlich. Es entstehen landesrelevante Sammlungen. Niemand sonst sichert diese Datensätze über die Natur im Land Brandenburg. Vielleicht ist es ja in fünf oder zehn Jahren so weit, dass man sagt: Okay, wir übernehmen dieses Haus in Landesobhut oder wir engagieren uns stärker.

Das Naturkundemuseum und die Museumsmeile

Das Naturkundemuseum Potsdam erforscht und dokumentiert die Naturausstattung und deren Veränderungen in Brandenburg. Die Ergebnisse finden sich in den Sammlungen, Ausstellungen und Veröffentlichungen wieder.

Mit über 350 000 Objekten verfügt das Museum über die umfangreichsten naturkundlichen Sammlungen im Land, die für die Forschung und Lehre genutzt werden.

Die Dauer- und Sonderausstellungen vermitteln Kenntnisse zur Naturausstattung und Landschaftsentwicklung Brandenburgs, thematisieren aktuelle globale Probleme und leisten einen wichtigen Beitrag in der Natur- und Umweltbildung.

Das Veranstaltungsangebot wird ergänzt durch das Programm des benachbarten Hauses der Natur, in dem mehrere Umweltverbände und -organisationen tätig sind.

Das Naturkundemuseum ist nur wenige Gehminuten entfernt vom Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, vom Filmmuseum, vom Potsdam-Museum und dem Kunstmuseum im Palast Barberini. Die Kreativmeile wird komplettiert vom Kunsthaus im Rechenzentrum.

Von Volker Oelschläger

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg