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Oberbürgermeisterwahl Potsdam Martina Trauth will eine autofreie Innenstadt in Potsdam
Lokales Potsdam Oberbürgermeisterwahl Potsdam Martina Trauth will eine autofreie Innenstadt in Potsdam
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10:24 19.07.2018
Martina Trauth. Quelle: Christel Köster
Potsdam

Am 23. September 2018 stehen in Potsdam die Oberbürgermeister-Wahlen an. Die MAZ hat die Kandidaten im Vorfeld getroffen und über ihre Pläne, Ziele und Wünsche gesprochen.

Frau Trauth, Sie sind Gleichstellungsbeauftragte und Leiterin des Büros für Chancengleichheit und Vielfalt, studierte Diplom-Sozialpädagogin und Gesundheitswissenschaftlerin, ursprünglich haben Sie mal Medizinisch-Technische Assistentin gelernt. Was war Ihr Antrieb, sich für das Amt der Oberbürgermeisterin zu bewerben?

Martina Trauth: Ich wollte mal eine andere Politik machen, ich stehe für eine andere Politik. Nicht so eine Politik von oben herab, nicht so abgeschottet - sondern mehr in die Gesellschaft hineinzuwirken. Ich bin viel unterwegs, die Menschen haben viele gute Ideen und man könnte vieles umsetzen. Ich will wertschätzend den Bürgern gegenüber sein und wertschätzend ins Rathaus hinein. Das ist, was mich angetrieben hat, und wo ich gedacht habe, das könnte auch mal gehen: Einen anderen Politikstil zu machen als dieses klassische Von-Oben-Herab.

 Wen meinen Sie konkret?

Die Rathauskooperation hat Politik gemacht an den Bedürfnissen der Menschen vorbei. Das sieht man an der sozialen Spaltung, es gibt die Zugezogenen, die Alteingesessenen, die Autofahrer, die Radfahrer. Aber es sollte nicht um dieses Entweder-Oder gehen, sondern darum, Lösungen zu finden.

Das klingt, als ob Sie mit der „Entdeckung“ der Bürger das Rad vollkommen neu erfinden würden. Dabei ist Potsdam doch die Hochburg von Workshops und der Werkstatt für Beteiligung.

Aber das ist der Unterschied. Ich möchte nicht immer mehr von Demselben machen. Natürlich gibt es Werkstattverfahren, Bürgerbeteiligungsverfahren. Mir geht es um eine Bürgerbeteiligung von Anfang an, ohne dass Entscheidungen anstehen –eine anlasslose Beteiligung. Die Frage ist, ab wann nehmen wir die Bürgerinnen und Bürger mit? Und da müssen wir sie von Anfang mitnehmen, ohne dass schon etwas ausgeklügelt ist oder dass es eine Richtung gibt. Ich lade Experten dazu, ich lade die Bürger ein. Da könnte man Menschen anschreiben per Brief und zur Beteiligung einladen, etwa zum Thema Mobilität. Oder zum Thema Krampnitz.

Wie stellen Sie sich das konkret mit Krampnitz vor? Da wurden ja kürzlich die Sieger des städtebaulichen Wettbewerbs öffentlich vorgestellt. Was sollte da aus Ihrer Sicht anders laufen?

Man kann ja grundsätzlich erst mal die Leute fragen, ob sie in Krampnitz wohnen würden. Da kann man immer noch einen städtebaulichen Wettbewerb machen. Der Wettbewerb hat jetzt schon vorgegeben, dass es einen Central Park geben soll. Vielleicht wollen das die Leute gar nicht. Vielleicht kommen sie auf ganz neue Ideen. Da kann man immer noch einen Wettbewerb machen und Rahmenbedingungen festlegen, wie man es gerne hätte. Von Anfang an! Und das ist für mich Bürgerbeteiligung – ohne dass schon etwas passiert ist. Dann identifizieren sich Menschen mit ihren Wohngebieten, sie bringen sich ein.

Aber wie soll eine Entscheidung herbeigeführt werden? In welcher Form? Wenn Sie Pech haben, haben Sie 100 000 Potsdamer und 100 000 Wünsche. Deshalb meine Frage nach der realen Umsetzbarkeit.

Es geht nicht um Wunscherfüllung von Leuten, sondern darum, wie die Stadtgesellschaft ihre Stadt vorfinden will. Es gibt Kreativworkshops, es gibt Design Thinking. Es gibt unterschiedliche Stufen, um am Schluss ein Konzept zu haben und zu sagen: So könnten wir Krampnitz bauen.

Steht eine Abstimmung am Schluss?

Es ist ein Findungsprozess. Im besten Fall hat man ein Ergebnis. Man muss Menschen auch Freiraum geben. Irgendwann ist so ein Verfahren ja auch zu Ende. Aber bestmöglichst so zu Ende, dass die Leute sagen, jetzt haben wir die Lösung und so wollen wir es machen. Notfalls stimmen wir auch darüber ab.

Sie betonen oft, dass Sie parteilos sind. Sie treten aber für die Linken an – warum treten Sie dann nicht ein?

Die Linken stehen mir politisch sehr nahe und ich bin auch dankbar, dass die Linke mich unterstützt. Ich möchte aber parteilos bleiben, weil ich parteiübergreifend agieren möchte. Die Rathauskooperation, die es gegeben hat, fand ich nie gut. Wenn ich Oberbürgermeisterin bin, dann möchte ich überzeugen und dann eher mit wechselnden Mehrheiten führen und für die besten Lösungen kämpfen und nicht abhängig sein von Parteiinteressen.

Glauben Sie, dass das den Rückhalt innerhalb der Partei erhöht, wenn Sie sich immer so offensiv als Parteilose deklarieren?

Den Rückhalt der Linken habe ich ja jetzt auch als Parteilose. Ich fühle mich gut unterstützt und glaube, dass sie mich auch wählen werden.

Sie treten ja in ziemlich große Fußstapfen mit Ihrer Kandidatur. Kutzmutz, Tack, Scharfenberg. Glauben Sie, dass Sie wirklich eine echte Chance haben nach so einer „Ahnenreihe“ mit so übermächtigen Polit-Figuren?

Ich glaube, dass ich auf alle Fälle eine Chance habe. Und zu den übermächtigen Figuren: Ich bin Martina Trauth und ich möchte überzeugen durch mich als Person. Ich glaube, dass ich darüber hinaus für Wählerinnen und Wähler wählbar bin, die nicht unbedingt so klassisch links stehen. Ich glaube, dass ich auch für eine Politik stehe, die offen ist auch für andere Parteien. Dass die Leute nicht nur auf die Partei kucken, sondern auch auf die Person. Man sagt ja auch, dass Oberbürgermeisterwahlen auch Personenwahlen sind. Ich möchte hauptsächlich überzeugen durch meine Person.

Sehen Sie nicht auch eine Art Kulturgraben zwischen sich und den klassischen Linken-Wählern? Wie wollen Sie diese Menschen ansprechen?

Die Menschen sehen schon den Kulturgraben, die sehen schon, dass ich halt nicht Herr Scharfenberg bin. Aber ich habe schon mit vielen gesprochen, war auf vielen Veranstaltungen, und mir ist wirklich eine große Sympathie und viel Wohlwollen entgegen gekommen. Ein bisschen schwieriger für mich ist, dass mich noch nicht so viele Menschen kennen. In den letzten Wochen vor der Wahl muss ich kucken, dass mich noch mehr Leute kennenlernen. Das ist die Herausforderung.

Was sagen denn die Leuten in Ihrem Heimatdorf Knittelsheim in Rheinland-Pfalz. Wissen die, dass Sie jetzt hier für die Linken antreten? Im Westen existiert ja oft noch das Klischee: Linke, das sind hartgesottene Kommunisten.

Ob die Menschen in Knittelsheim um meine Kandidatur wissen, kann ich gar nicht sagen. Ich fahre da zwar öfter hin und meine Eltern wissen das natürlich und finden das im Übrigen ganz toll. Die kennen mich und wissen, dass ich ein zutiefst sozialer Mensch bin. Das war ich schon immer, meine ganze Biografie war, dass für mich andere Menschen und ihr Wohlergehen immer wichtig waren. Insofern war das für meine Eltern überhaupt nicht überraschend. Außerdem bin ich schon so lange hier und wir haben immer wieder Gespräche geführt über „Ost-West“ und wie das ist mit dem Miteinander. Das fanden meine Eltern immer total spannend und auch teilweise berührend – insofern ist es so wie eine Vollendung für mich. Natürlich haben sich meine Eltern ein bisschen gesorgt, weil Wahlkampf ja anstrengend ist, aber das mit den Linken finden sie gut.

Sie sind Gleichstellungsbeauftragte und Leiterin des Büros für Chancengleichheit. Das ist eine Vollzeitstelle. Wie schaffen Sie es, nebenbei auch noch eine Kommunalberatungsfirma zu haben?

Im Moment habe ich die Firma runtergefahren, aber vorher habe ich es als Nebentätigkeit angemeldet und in einem geringen Stundenumfang berate ich Kommunen zur Bürgerbeteiligung und zur strategischen Zielsetzung.

Das klingt ein bisschen, als ob Sie im Rathaus nicht ausgelastet wären.

Das bin ich ganz sicherlich, ausgelastet im Rathaus. Und ich glaube, dass noch sehr viel mehr Menschen, die im Rathaus arbeiten, Nebentätigkeiten haben – dass ich da nicht die einzige bin. Es ist doch eine Bereicherung. Ich bin im Rahmen meiner Gleichstellungsbeauftragten-Tätigkeit in der Kommunalen Geschäftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGST) als Personalgutachterin tätig. Es geht darum, innovative Lösungen zu finden. Als Gleichstellungsbeauftragte bin ich ja auch sehr viel mit Personalfragen beschäftigt.

Autofreie Innenstadt – eines Ihrer Wahlziele. Wie soll das konkret umgesetzt werden?

Das Wahlziel ist ja, dass es mehr Mobilität gibt und weniger Autoverkehr. Ich favorisiere eine autofreie Innenstadt, weil ich glaube, dass unsere Innenstadt dadurch auch lebenswerter wird. Die genauen Grenzen einer autofreien Innenstadt würde ich dann allerdings gerne auch wieder ausloten mit den Akteuren vor Ort, mit den Gewerbetreibenden, den Menschen, die dort wohnen. Was es genau bedeutet: autofreie Innenstadt. Das sind dann die Feinheiten, wo ich gerne noch mal genauer hinkucken würde.

Gibt es Minimalgrenzen?

Also Friedrich-Ebert-Straße und die Seitenstraßen, aber nageln Sie mich nicht genau fest. Das Karree zwischen Brandenburger Straße und Hegelallee. Radfahrer sollen auf alle Fälle Vorrang haben und die Charlottenstraße soll Tempo 30 bekommen. Angesichts der schlechten Luft und der vielen Verletzten sollten wir da auch etwas mehr machen in der Stadt. Generell möchte ich den Ausbau des ÖPNV, einen ticketlosen ÖPNV, aber keinen kostenfreien. Die Preise sollen nach Einkommen gestaffelt werden. Sozialhilfeempfänger würde ich freistellen.

Wie sieht das aus – ticketloser Personennahverkehr?

Man bezahlt eine Pauschale, hat aber kein Ticket. Ich finde es teilweise schon eine Zumutung, in den Straßenbahnen ein Ticket zu lösen. Erstens verstehen viele schon nicht, wie es geht, und dann muss man das Geld rauskramen und steht da. Menschen, die mobilitätseingeschränkt sind, haben ganz große Schwierigkeiten. Und viele verstehen diese Ticketpreise überhaupt nicht. Das ist nicht kundenfreundlich.

Gibt es ein Anliegen, das Sie sonst noch gerne transportieren möchten?

Ich möchte gerne, dass Pro Potsdam gemeinwohlorientiert ist. So kriegen wir besser unsere Sozialraumquote hin. Ich möchte, dass Teile von Pro Potsdam gemeinnützig wird und nicht gewinnorientiert. Das hätte ich gerne für Potsdam. Dass man dann wieder Mieten hat von 5,50 Euro pro Quadratmeter.

Warum nicht gleich die ganze Pro Potsdam?

Die Pro Potsdam muss ja nicht ausschließlich Sozialraumwohnungen bauen. Deshalb ist es besser, wenn man Teile ausgliedert, die gemeinwohlorientiert sind und die dann auch steuerbefreit sind.

Es wird ja jetzt gemunkelt, dass die Linken auf das Sozialdezernat spekulieren könnten, für den Fall, dass SPD und CDU in die Stichwahl kommen und die SPD einen Deal mit den Linken macht. Sie selbst haben sich ja auch 2016 auf die Stelle als Sozialbeigeordnete beworben. Würden Sie das jetzt ausschließen, dass es eine Option wäre, vor dem Hintergrund die SPD in der Stichwahl zu unterstützen – denn dann würde ja der Posten von Herrn Schubert frei werden.

Das ist ein Ziel, das ich in keinster Weise verfolge. Mir geht es darum, dass ich Oberbürgermeisterin werde.

Ein Ziel, das Sie persönlich nicht verfolgen, oder das die Partei nicht verfolgt?

Was die Partei verfolgt, weiß ich nicht. Ich verfolge es nicht. Ich verfolge, dass ich OB werde. Und was darüber hinaus passiert, ist für mich momentan überhaupt nicht diskussionswürdig.

Es wird manchmal belächelt, dass der Wahlkampf quasi aus Südafrika gesteuert wird, wo Ex-Kreischef Sascha Krämer nun lebt. Hat man nicht ausreichend Personal vor Ort in Potsdam?

Das ist eine ehrenamtliche Unterstützung. Im Wahlkampf bin ich auf ehrenamtliche Unterstützung angewiesen. Ich bin froh über jeden oder jede, die mich ehrenamtlich unterstützt – egal, ob der- oder diejenige in Südafrika ist. In Zeiten von Social Media ist das ja möglich. Letztendlich stehe aber ich für die Inhalte. Übrigens kommt Sascha Krämer im August nach Potsdam und ich hoffe, dass er eine Weile bleibt.

Martina Trauth kandidiert für die Linke

Das Hans-Otto-Theater ist der Lieblingsort von Martina Trauth. „Ein städtisches Theater ist immer auch Fenster in eine Stadt. Und ich freue mich schon auf die Spielzeit mit der Intendantin Bettina Jahnke, die sicherlich neue Perspektiven auf Potsdam eröffnen wird“, so die OB-Kandidatin der Linken. Trauth ist parteilos.

Martina Trauth wurde 1964 in Landau/Pfalz geboren. Nach der Ausbildung zur Medizinisch-technischen Assistentin studierte sie Sozialpädagogik. Seit 2010 ist sie Gleichstellungsbeauftragte in Potsdam.

Welchen anderen OB-Kandidaten würde Martina Trauth mit auf die berühmte einsame Insel nehmen? „Grünen-Kandidatin Janny Armbruster. Ich denke, die Überlebenschancen mit Frau Armbruster sind hoch – sie ist lebenserfahren. Frauen sind praktisch veranlagt und zielorientiert.“

Janny Armbruster und alle anderen OB-Kandidaten wird die MAZ in den kommenden Wochen interviewen.

» Alles zur Oberbürgermeisterwahl in Potsdam unter: www.MAZ-online.de/OBwahl2018.

Von Ildiko Röd

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