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Potsdam „Eine Perspektive für das Minsk“
Lokales Potsdam „Eine Perspektive für das Minsk“
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19:31 10.04.2018
Im Verfall: Terrassenrestaurant Minsk auf dem Potsdamer Brauhausberg Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Der Brauhausberg zu Potsdam wird in vielen Quellen und Reisebeschreibungen als eine der wichtigsten Landmarken im Stadtraum beschrieben - mit vielfältigen Blickbeziehungen zur unmittelbar angrenzenden Innenstadt. Seine stadtseitige Ansicht wurde im Zuge der Neugestaltung nach dem Krieg von zwei prägnanten Sonderbauten der Nachkriegsmoderne – Schwimmhalle (1971) und Terrassenrestaurant Minsk (1977) – bildhaft neu geprägt. Die Bauwerke ließen durch ihre flache Eingliederung und den Hang und ihre Solitärstellung viel Raum und verstellten keine Blickbeziehungen. Zum Ensemble gehörte auch eine üppig inszenierte Freiflachengestaltung mit Blumenbeeten und terrassierten Wasserspielen, die schon den kleinen Aufstieg zu den beiden Magnet-Bauten zu einem sinnlichen Erlebnis machte - Aufenthaltsqualität inklusive.

Zu DDR-Zeiten war das „Minsk“ auf dem Brauhausberg ein beliebtes Ausflugsziel. Inzwischen ist das ehemalige Terrassenrestaurant marode. Nun gibt es einen Hoffnungsschimmer. Eine private Initiative will das ehemalige Restaurant auf dem kaufen und sanieren – geplant sind neben Wohnungen auch ein Café.

Nun soll dieses Areal nach dem Willen der Stadt durch dichte Bebauung grundlegend verändert werden. Den Anfang machte bereits das 2017 fertiggestellte Sport- und Freizeitbad “blu”, welches aufgrund seiner als abweisend bezeichneten Architektur, der problematischen Kubatur und ungünstigen städtebaulichen Einordnung von Bevölkerung und Experten heftig kritisiert wurde. Jedoch schon mehr als ein Jahrzehnt früher nahm der Anfang vom Ende seinen Lauf: 2005 wurden seitens der Stadt – ohne Notwendigkeit – die großzügigen Freiflächengestaltungen samt Beeten, Treppen und Brunnen restlos entfernt, es entstand “die wohl teuerste Wiese Europas”, wie die Bürgerinitiative Pro Brauhausberg feststellte.

Die Baukosten für das “blu” hatten sich gegenüber den Plänen fast verdoppelt. Um dies zu refinanzieren, sollen nun die umliegenden Flächen an Investoren veräußert werden. Eingeschlossen sind die Grundstücke des seit Anfang der 2000er Jahre leerstehenden „Minsk” und der seit 2017 geschlossenen Schwimmhalle. Der Abriss der Halle hat bereits begonnen, was schon viele Fragezeichen hinterlässt. Hatten die Stadtväter und -mütter für dieses intakte und hervorragend gestaltete Gebäude wirklich keine andere Nach-Nutzungsidee? Gibt es in Potsdam beispielsweise tatsächlich keine Vereine, die dringend Sportflächen benötigen?

Wie viel DDR-Architektur verträgt die Stadt? Das Schicksal einiger DDR-Bauten ist bereits besiegelt, um andere wird noch heftig gestritten. Ein Überblick.

Noch fragwürdiger stellt sich jedoch der drohende Abriss des Minsk dar. Ihm lässt sich nicht der Vorwurf machen, den sich die benachbarte Schwimmhalle seitens der Denkmalpflege gefallen lassen musste: Das Minsk ist weder Typenbau noch Wiederverwendungsprojekt – es ist ein Unikat! Und zwar ein innen wie außen hervorragend gestaltetes. Die Architekten Birkholz und Müller verwendeten „ziegelrotes Verblendmauerwerk, dunkelbraune Stahl-Aluminiumfenster mit Schmuckglasscheiben, rotweißes Ornamentband aus glasiertem Mosaik [..] und hellgraue Kunstschmiedegitter”, wie es im Buch “Das andere Potsdam” von Christian Klusemann heißt. Die hochwertige Innengestaltung übernahm ein ganzes Künstlerkollektiv aus Weißrussland: Kunstmaler, Holzgestalter, Schnitzer und Glasgestalter waren hier am Werk. Auf die Stadt Minsk verwies zudem eine große Leuchtreklame, die zentrale Bauten der weißrussischen Metropole schematisch darstellte. Aus unserer Sicht gehört das Minsk unter den Bauten der Potsdamer Nachkriegsmoderne zur obersten Riege der wenigen Leitbauten – auch wenn der heutige Eindruck die Qualitäten etwas vergessen lassen mag.

In der Potsdamer Bürgerschaft scheint die einstige Strahlkraft des Minsk aber unvergessen. In der langjährigen Debatte um den Brauhausberg gab es immer wieder zahlreiche Wortmeldungen der Potsdamer, die sich für einen Erhalt des Gebäudes aussprachen, ebenso wie namhafte Bauexperten. Der Denkmalschutz wurde durch eine Bürgerinitiaitve eingeschaltet, leider vergebens. In seltener Einigkeit sagen heute mehr denn je viele Bürger, Vereine und sonstige Akteure ganz klar: Das Minsk sollte erhalten bleiben!

Und Optionen für den Erhalt gab es – und gibt es noch immer! Der Landessportbund schlug bereits 2014 vor, dort eine große Kita zu verwirklichen. Die Stadt lehnte ab, mit Verweis auf fehlenden Bedarf – ein Hohn, angesichts der schon allein am Brauhausberg geplanten Mengen an Wohnraum. Auch im aktuellen Bieterverfahren gibt es (mindestens) zwei Gebote, die das Minsk erhalten und einer neuen Nutzung zuführen wollen. Der (anonyme) Bieter mit dem deutlich höchsten Gebot macht jedoch einen Abriss zur Bedingung für das Geschäft. Leider hat der zuständige Hauptausschuss bereits signalisiert, dass er mehrheitlich die Annahme des Höchstgebotes befürwortet. Wenn sich die Stadtverordnetenversammlung am 11. April 2018 diesem Votum anschließt, dann ist der Kampf ums Minsk wohl verloren.

Die Risse in der Potsdamer Bürgerschaft sind tief. Jahrelanger Streit um die Entwicklung der Innenstadt, Enttäuschungen über ein juristisch abgewehrtes Bürgerbegehren, die von der Stadt aufgebrachte Diskussion um einen Abriss des bestens laufenden Hotel Mercure, Unmut über städtebauliche Fehlentwicklungen wie beim „blu“ - die baulichen Themen beschäftigen Potsdams Bürgerschaft stark. Mit dem laufenden Abriss des ehemaligen Instituts für Lehrerbildung (IFL) / später FHP mitten im Stadtzentrum erleiden viele derer, die in Potsdam aufgewachsen sind, eine Verlusterfahrung. Auch viele junge Menschen entdecken gerade die Reize der Architektur der 60er und 70er Jahre. Die Baukultur der DDR-Zeit in Potsdam würde mit IFL, Schwimmhalle, Minsk, und vielleicht eines Tages auch dem einstigen Interhotel (heute “Mercure”) ausgerechnet bei ihren wichtigsten Werken Totalverluste erleiden.

Im Fall des Minsk wäre dieser Verlust nicht vermittelbar, da er ohne Not geschähe. Eine rein ökonomische Begründung (Mehreinnahmen) darf nicht die einzige Grundlage für die Entscheidung der Bürgervertreter sein. Zudem wurde in den Medien festgestellt, dass die Einnahmen auch bei Verzicht auf das Höchstgebot noch bei Weitem über den ursprünglichen Erwartungen der Stadt lägen!

Es gibt aber ohnehin Werte, die sich nicht in Euro und Cent verrechnen lassen, dazu gehört das kulturelle Gedächtnis der Stadt. Dazu gehört, dass Zeitschichten auch für nachfolgende Generationen erfahrbar bleiben. Das Minsk mit seiner einzigartigen Baugeschichte und der hochwertigen, beispiellosen Gestaltungsqualität ist prädestiniert für einen Erhalt und ein städtebauliches Zusammenspiel mit den zukünftigen Bauten. Es kann an diesem Ort zwischen der preußischen Kriegsschule von 1902 und kommenden Neubauten das vermittelnde Bindeglied über 120 Jahre Baugeschichte sein. Mit dem Erhalt des Minsk haben die Stadtverordneten die große Chance, nicht nur ein herausragendes Architekturzeugnis zu erhalten, sondern die gespaltenen Lager der Stadt ein Stück wieder zu versöhnen.

– Wir rufen Sie dazu auf, diese Chance zu nutzen!

– Bitte ergreifen Sie alle notwendigen Maßnahmen, das Minsk zu sichern und als “Perle” der Potsdamer Nachkriegsmoderne am Brauhausberg zu erhalten!

– Bevorzugen Sie dabei bitte Konzepte, die eine (zumindest teilweise) öffentliche Nutzung des Gebäudes vorsehen!

Vielstimmiger Dank für solch eine weise, zukunftsweisende Entscheidung ist Ihnen sicher.

Verfasser: ostmodern - netzwerk für nachkriegsmoderne baukultur

Unterzeichner:

Kirsten Angermann (Denkmalpflegerin), Daniel Bartetzko (Germanist, Kunsthistoriker), Prof. Dr. Arnold Bartetzky, Dr. Karin Berkemann (Kunsthistorikerin, Theologin), Torsten Birne (Kunsthistoriker und Philosoph), Dr. Martin Bredenbeck (Verband Deutscher Kunsthistoriker), Dr. Andreas Butter (Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung), Dr.-Ing. Susann Buttolo (Kustodin), Walter Christian (Vorsitzender des Potsdam-Club), Prof. Dr. Gabriele Dolff-Bonekämper (TU Berlin), Oliver Elser (Kurator des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt), Dr. Harald Engler (Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung), Dina Dorothea Falbe (Architekturjournalistin) Dr. Thomas Flierl (Vorsitzender der Hermann-Henselmann-Stiftung), Dr. Ulrich Hartung (Architekturhistoriker), 16. Anke von Heyl (Kunsthistorikerin), Dr. Roman Hillmann (Freiberuflicher Architektur- und Stadtbauhistoriker), Margret Hoppe (Künstlerin), Christian Keller (Architekt), Thomas Kemnitz (Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin), Wolfgang Kil (Architekturkritiker), Johanna Klocke (Bauhaus-Universität Weimar), Christian Klusemann (Kunsthistoriker), Leon Lenk (Architekt), Dipl.-Ing. Arch. Martin Maleschka (Dokumentarist), Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier (Bauhaus-Universität Weimar), Prof. Dr. Annette Menting (HTWK Leipzig), Prof. Dr. Natascha Meuser (Architektin),. Dr. Philipp Meuser (Architekt), Martin Neubacher (TU Dresden), Prof. Dr.-Ing. Gisela Raap (Pesterwitz), Juliane Richter (Kunsthistorikerin), Prof. Dr. Thomas Topfstedt (Leipzig), Thomas Wernicke (Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte Potsdam), Ulf Zimmermann (Architekt).

Von MAZonline

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